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Warum es so wenige Frauen in den Gemeinderäten gibt

Frauen sind in Kommunalparlamenten deutlich unterrepräsentiert. Ein Grund: Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt führt für Frauen zu einem Zeitproblem. Aber ihre Kompetenzen stoßen in den männlich dominierten Parteien auch auf zu wenig Anerkennung.

Von Marie-Luise Schächtele
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Die unsichtbaren Hürden
Nach den Kommunalwahlen 2014 waren nur in zehn Gemeinderäten in Baden-Württemberg gleich viele weibliche wie männliche Mandatsträger vertreten. Grafik: HSt

"Es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt." Das hört die Bad Wimpfener Stadträtin Gabriele Kellhammer (CDU) häufig, wenn sie Frauen anspricht und sie fragt, ob sie bei der Kommunalwahl kandidieren wollen. Vor allem im Alter zwischen 30 und 40 führe die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Ehrenamt für die Frauen zu einem Zeitproblem. "Die Familie muss dahinterstehen", sagt die 61-Jährige. Das sieht auch die Fleiner Gemeinderätin Adelheid Scharf-Giegling (SPD) so. Sie erinnert sich noch gut an die Phase, als sich ihr Mann um die Kinder gekümmert hat, wenn sie zur Ratssitzung aufgebrochen ist - und dass sie sich auf die Nachsitzung ohne Kinder immer gefreut hat.

Ist die Zeit, wenn die Kinder klein sind, wirklich der Grund dafür, dass so wenige Frauen in den Kommunalparlamenten sitzen? Anna Mairhofer (Grüne) wurde Gemeinderätin in Eppingen, da war ihr erstes Kind noch kein Jahr alt. Inzwischen hat die 34-Jährige drei Kinder und ist Lehrerin in Teilzeit. Die Fraktionssitzungen machen die Grünen oft zu Hause. "Ich lese die Sitzungsunterlagen auch mal morgens nach dem Frühstück", sagt sie. Zwei Kinder besuchen eine Kita, ihr jüngster Sohn geht zu einer Tagesmutter. Seit dieser Legislaturperiode können die Kosten für Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen während der Sitzungen im Eppinger Rathaus erstattet werden.

Tendenziell gilt: Je größer die Gemeinde, desto größer der Frauenanteil

Politikwissenschaftler sind der Ansicht, dass der demokratische Gedanke leidet, wenn unverhältnismäßig wenige Frauen in den Parlamenten sitzen. Nach den Kommunalwahlen im Jahr 2014 waren nur in zehn Gemeinderäten in Baden-Württemberg gleich viele weibliche wie männliche Mandatsträger vertreten. Der Frauenanteil in den Räten nimmt in der Tendenz zu, je größer eine Gemeinde ist. Aber in einem Genderranking deutscher Großstädte der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem Jahr 2017 schafft es Heilbronn nur auf Platz 67 von 73 untersuchten deutschen Großstädten: Auf 30 Männer kommen im Heilbronner Gemeinderat nur 10 Frauen.

Mehr zum Thema: Frauen werben für einen weiblicheren Gemeinderat in Heilbronn

Vorurteile der Männer in den Parteien bremsen die Frauen aus: Sie hätten keine Zeit für politische Arbeit, zu wenig Selbstbewusstsein für Machtpolitik, und sie würden keine entscheidenden Positionen in Beruf und Vereinen besetzen. Das sagt Politikwissenschaftlerin Elke Wiechmann, die seit vielen Jahren zu dem Thema forscht. Auch mangelndes Interesse würden Männer als einen Grund dafür nennen, weshalb sie Frauen nicht erreichen können.

Männer nennen Gründe, die die Verantwortung den Frauen zuschieben

Damit schiebe man die Verantwortung für das Ungleichverhältnis aber den Frauen zu. Die Ursachen seien andere. Männer gingen davon aus, dass Frauen dafür zuständig seien, neue Frauen für die Kommunalpolitik zu gewinnen, sagt Wiechmann. Sie haben in Parteien meist die einflussreichen Ämter als Fraktions- oder Parteivorsitzende inne. "Die Männer müssen sich bemühen, selbst Frauen anzusprechen. Es hätte ein anderes Gewicht, wenn ein Mann die Frauen ansprechen würde. Die tatsächliche Chance wird dann gleich als höher eingeschätzt."

Eine andere Frau, die bei den Kommunalwahlen kandidiert, berichtet, dass die Männerrunde der Kandidaten überrascht war, als sie sich während der Arbeit am Wahlprogramm zu Wort meldete. Nach dem Motto: "Hoppla, die ist nicht nur dabei, sondern kann auch noch etwas." Dadurch, dass viele Ortsvereine von Männern dominiert würden, hielten sich Frauen erst einmal damit zurück, vorzupreschen. Auf dem Flyer für die Kreistagswahl fällt die 28-Jährige zwischen einer Überzahl an Männern auf. Häufig hört sie, dass sie mit ihrem Foto den Flyer "aufwerte". Das hinterlässt bei ihr einen Nachgeschmack. Denn es beziehe sich auf ihr Alter, ihr Geschlecht und Aussehen, nicht auf ihre Qualifikation.

Wie es mehr Frauen in den Gemeinderat schaffen

Die unsichtbaren Hürden
Politikwissenschaftlerin Elke Wiechmann. Foto: privat

Es gibt immer mehr hochqualifizierte Frauen. Doch Politikwissenschaftlerin Wiechmann stellt fest: "In einer überalterten Männerpartei werden die Kompetenzen von jungen Frauen nicht anerkannt." Sie fürchtet, dass auch jüngere Männer, die "mit einem anderen Selbstverständnis in die Parteien kommen", von den älteren Männern sozialisiert würden.

Das Wahlrecht ist eine entscheidende Stellschraube, an der man drehen kann, um zu erreichen, dass es mehr Frauen in die Kommunalparlamente schaffen. Dank des baden-württembergischen Kommunalwahlsystems, bei dem bestimmte Personen gewählt werden können, haben Frauen gute Chancen, Sitze zu erhalten. "Man muss schon eine Weile vorher ackern und bekannt sein", sagt die Heilbronner Stadträtin Gisela Käfer (CDU) und erzählt: Als sie in den 90er Jahren erstmals gewählt worden sei, sei sie Elternbeiratsvorsitzende gewesen.

Wenig Ehre für manches Ehrenamt

Doch Ehrenämter werden unterschiedlich gewichtet. Politikwissenschaftlerin Elke Wiechmann hat herausgefunden: Ein Vorsitzender des Sportvereins werde in einer Stadt überallhin eingeladen, eine Ehrenamtliche bei einer Tafel nicht. "Frauen sind beruflich und in Vereinen zunehmend aktiv", sagt sie.

Auch Anna Mairhofer war in der Kolpingfamilie ihrer Heimatstadt Eppingen engagiert, als sie vor fünf Jahren zum ersten Mal für den Gemeinderat kandidierte. Adelheid Scharf-Giegling erzählt, wie sie mit einer Gruppe von Eltern Ende der 80er Jahre den Bedarf an Kindergartenplätzen in Flein feststellen wollte, obwohl ihre Kinder versorgt waren. Die SPD wurde darauf aufmerksam und bat sie, zu kandidieren. Sie wurde beim ersten Versuch in den Gemeinderat hineingewählt.


Blick auf das Wahlsystem

Das Präferenzwahlsystem, das bei der Kommunalwahl angewendet wird, ist vorteilhaft für Frauen, weil Wähler per Kumulieren und Panaschieren darauf Einfluss nehmen können, welche Kandidatin oder welcher Kandidat gewählt wird − und nicht nur die Parteien mit der Aufstellung der Listen. Grüne, SPD und Linke wenden zudem Reißverschlussverfahren an, um mehr Frauen für ihre Gremien zu gewinnen. Politikwissenschaftlerin Elke Wiechmann berichtet, dass es bei überregionalen Wahlen bereits ausgerechnet zur Konkurrenz zwischen Frauen gekommen sei, weil ihnen nur wenige Plätze auf den Listen zugestanden wurden.

 

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