Lebenslange Beziehung: Geschwister-Klischees auf Prüfstand
Einzelkinder sollen egoistisch sein, Sandwichkinder besonders kooperativ: Zum Thema Geschwister - oder Einzelkinder - gibt es zahlreiche Klischees. Was es mit einigen von ihnen auf sich hat.

Manche lieben sich, andere können sich nicht ausstehen, und viele sind etwa bei der gemeinsamen Pflege der Eltern aufeinander angewiesen: Mit Geschwistern führen viele Menschen die längste Beziehung ihres Lebens. Zum Thema Geschwister halten sich etliche Klischees hartnäckig. Vor dem Welttag der Geschwister an diesem Freitag ein paar Einordnungen:
Einzelkinder sind eher egoistisch
Hier gehen die Meinungen der Experten auseinander: Studien wiesen darauf hin, dass Einzelkinder stärker auf sich bezogen seien als Kinder mit Geschwistern, sagt die Vorsitzende des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Inés Brock-Harder. «Selbstverständlich hat es einen psychologischen und Entwicklungseinfluss, ob ein Kind alleine mit seinen Eltern aufwächst», sagt die Geschwistertherapeutin.
Es sei kein Klischee, dass Einzelkinder in der frühkindlichen Prägung anderen Einflüssen ausgesetzt seien als Geschwister, die gemeinsam weite Teile ihrer Kindheit miteinander verbrächten. Dies gelte auch für jene Erstgeborenen, die frühestens nach sieben Jahren ein Geschwisterchen bekämen.
Als Hintergrund können der Therapeutin zufolge auch die vielen Studien zur Ein-Kind-Politik in China dienen: Einzelkinder zeigten einen höheren Egozentrismus und geringere soziale Kompetenzen. Durch den fehlenden Umgang mit Geschwistern seien Fähigkeiten wie Teilen und Kooperation weniger ausgeprägt, so Brock-Harder. Zudem sei eine geringere Frustrationstoleranz ermittelt worden. Diese Erkenntnisse ließen sich teilweise auf Deutschland übertragen, wobei hier Kinder in Kita und Schule noch nachreifen könnten.
Der Einschätzung widerspricht die Persönlichkeitspsychologin Julia Rohrer von der Universität Leipzig: Wenn überhaupt, fänden Studien oft nur kleine Unterschiede, etwa im prosozialen Verhalten. Je nach Studie zeige sich teilweise bei Einzelkindern sogar ein weniger egoistisches Verhalten.
Eltern wollen lieber Mädchen als Jungen
Eltern bekommen im Vergleich zu früher weniger Kinder. Die Geburtenrate lag laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2024 bei 1,35 Kindern pro Frau - zwei Prozent niedriger als im Vorjahr. Entsprechend hoch seien Erwartungen an die Elternschaft, aber auch an das Kind, sagt Anna-Lena Zietlow, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Technischen Universität Dresden. «Man will das Allerbeste für sein Kind. Dieses muss aber auch gut ins Leben passen – überspitzt formuliert.»
Vor Generationen noch wünschten sich Eltern demnach einen männlichen Nachkommen, der etwa den Hof erben konnte. Doch mittlerweile wiesen einige Studien darauf hin, dass es in westlichen Kulturen eine Präferenz für Mädchen geben könnte, sagte die Forscherin vor kurzem. «Ich denke, da spielen auch ganz viele Geschlechtsstereotypen eine Rolle.» Mädchen gelten als angepasster, fürsorglicher und fleißiger. Jungen seien dagegen wilder, neigen eher zu Gewalt und sind schlechter in der Schule, heißt es oft.
Unter dem Hashtag «Gender Disappointment» – also Geschlechtsenttäuschung – finden sich etwa auf Tiktok viele Videos von enttäuschten Eltern, weil ihr Baby nicht das gewünschte Geschlecht hat. Das scheint häufiger der Fall zu sein, wenn das Baby ein Junge ist. Auch in Internet-Foren für Eltern berichten Frauen, dass sie sich immer ein Mädchen gewünscht hätten und nun damit haderten, dass es doch ein Junge sei.
Sandwichkinder versuchen, es allen recht zu machen
Aktuelle Studien belegen laut der Geschwistertherapeutin Brock-Harder, dass Ehrlichkeit und Bescheidenheit bei Sandwichkindern häufiger auftreten. Damit sind Kinder gemeint, die mindestens ein älteres und ein jüngeres Geschwisterchen haben. Zudem gelten sie demnach als verträglicher und schneiden unter Geschwistern sogar am besten ab, wenn es um kooperative Eigenschaften geht. Verträgliche Kinder sind Kinder, die unter anderem kooperativ, bescheiden und emphatisch sind.
Persönlichkeitspsychologin Rohrer sagt dagegen: «Auch für Sandwichkinder finden sich in der Literatur keine dramatischen Persönlichkeitsunterschiede.» Allerdings stütze eine neuere Studie die These, dass mittlere Kinder eine etwas höhere Verträglichkeit hätten als Letztgeborene - und diese wiederum etwas verträglicher seien als Erstgeborene.
Eltern haben stets ein Lieblingskind
Viele Eltern haben favorisierte Kinder. Generell erhielten oft Mädchen sowie besonders pflichtbewusste und umgängliche Kinder den Vorzug, berichtete im vergangenen Jahr ein Forscherduo im Fachblatt «Psychological Bulletin».
Der Auswertung zufolge bevorzugen Eltern tendenziell Mädchen eher als Jungen - und zwar überraschenderweise nicht nur Mütter, sondern auch Väter. Zudem würden gewissenhafte, verantwortungsbewusste Kinder eher favorisiert. In beiden Fällen waren die Effekte zwar nur leicht ausgeprägt. Allerdings sollten Eltern sich dessen bewusst sein, schrieben Hauptautor Alexander Jensen von der Brigham Young University in Provo im US-Bundesstaat Utah und McKell Jorgensen-Wells von der Western University im kanadischen London (Provinz Ontario).
Die Zahl der Einzelkinder steigt
Steigende Lebenshaltungskosten, wirtschaftliche Sorgen - für viele Menschen basiert die Entscheidung für ein oder mehr Kinder schlicht auf der Frage: Können wir uns das leisten? Laut Statistischem Bundesamt lebten 2024 insgesamt rund 3,2 Millionen Kinder und Jugendliche (23,1 Prozent) ohne Geschwister in einem Haushalt - rund 5 Prozent weniger als zehn Jahre zuvor. 2014 waren es noch rund 3,4 Millionen (26,4 Prozent) gewesen.
2024 lebten demnach zudem 47,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit genau einem Geschwister in einem Haushalt. Bei 29,6 Prozent waren es mindestens zwei Geschwister.
Der Altersabstand zwischen Geschwistern lag 2024 in Deutschland im Mittel bei rund drei Jahren. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts betrug der Median des Geburtenabstands zwischen dem ersten und dem zweiten Kind derselben Mutter 3,1 Jahre. Bei weiteren Geschwistern wächst der Altersabstand laut Statistik leicht an. Der Median teilt eine nach Größe sortierte Datenreihe genau in der Mitte. Ober- und unterhalb davon liegen jeweils genauso viele Werte.



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