Wal „Timmy“ bewegt Deutschland: Aufwendige Rettung zwischen Mythos und Mitgefühl

  
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Jetzt wird Wal „Timmy“, das arme Tier, in die Nordsee geschleppt und die halbe Nation fiebert mit. Warum wir unsere Herzen ausgerechnet an einen Buckelwal hängen. Ein Kommentar.

Von unserem Korrespondenten Guido Bohsem

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Nicht nur „Timmy“, der Wal an sich hat die Menschheit von Anbeginn fasziniert. Der Prophet Jona flieht vor seinem göttlichen Auftrag und wird vom Wal verschluckt, in dem er drei Tage gefangen ist, ehe er bereut, sich fügt und gehorcht. Der Wal fungiert als Heimsuchung, Strafe, Horror. Seine ungeheure Größe und seine Macht in einem fremden Element lehren den Menschen Ehrfurcht.

Rettung von Wal „Timmy“: Rettung als Spiegel von Moral und Zeitgeist

„Ein treibendes Stück Land, ein ganzes Meer / Atmet er ein und bläst es wieder aus“, schreibt John Milton in „Das verlorene Paradies“. Doch im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich das Bild des Wals. Zwar spricht Melville in „Moby Dick“ immer noch vom „unheilträchtigen und geheimnisvollen Ungetüm“, im Zentrum des Buchs steht aber längst die Nutzbarmachung des Leviathans, der Walfang als Sinnbild des menschlichen Triumphs über die Natur. Wieder später dann, im 20. Jahrhundert, steht der Wal als Metapher für menschliche Zerstörungswut.


Und jetzt „Timmy“. „Timmy“, der gerade auf einer Barge in Richtung Nordsee geschleppt wird, im Rettungswagen sozusagen. Es wird wie auch in den Wochen zuvor ein irrsinniger Aufwand betrieben, ohne dass es überhaupt eine Garantie auf das Überleben des Buckelwals gäbe. Egal: Timmy ist Deutschland, Deutschland ist Timmy. In der irren Rettungsaktion erkennt man das notorisch schlechte Gewissen eines Landes, das auch deshalb gerne hilft, und es zeigt sich die deutsche Lust daran, Probleme zu lösen. Es gibt Schlimmeres.

Das alles ist furchtbar schrill, übertrieben, teuer und bekloppt, und es ist gleichzeitig auch anrührend, aufwühlend, romantisch und ergreifend. Es ist die Wandlung des Leviathans zum Hund, zur Katze, zum Haustier.

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