Nikotinbeutel statt Zigaretten: Tabakindustrie drängt auf Zulassung von Pouches
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Geht es nach der Tabakindustrie, sollen Nikotinbeutel das Rauchen ersetzen. In vielen europäischen Ländern sind sie bereits zugelassen. In Deutschland gibt es von Ärzten und Suchtexperten Einwände.
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Sie haben die Größe eines Bonbons. Geht es nach der Tabakindustrie, sollen sie den Nikotinmarkt in Zukunft kräftig aufmischen. Die Rede ist von Nikotinbeuteln, die zwischen Oberlippe und Mundschleimhaut eingeklemmt, den Konsumenten mit Nikotin versorgen.
In den USA sind die Produkte erhältlich, in Europa ist die gesetzliche Lage unterschiedlich. In Österreich sind Nikotinkissen frei verkäuflich, in Frankreich gelten ebenso wie in Deutschland strenge gesetzliche Regelungen. Verkauft dürfen die Produkte nicht werden.
Deutschland tabakfrei? Forderung nach Zulassung von Nikotinbeutel
Das hält viele Konsumenten nicht davon ab, Nikotinbeutel im Internet aus dem Ausland zu bestellen. Für Torsten Albig ist das ein Unding. Der ehemalige Politiker (SPD) war Ministerpräsident in Schleswig-Hollsteins und ist seit knapp zwei Jahren oberster Lobbyist für den Tabakkonzern Philip Morris, der unter anderem Marlboro herstellt. Deren erklärtes Ziel ist es, Deutschland rauchfrei zu machen. Das gelänge auch, würden Nikotinbeutel zugelassen werden, ist sich Albig sicher.
Die Herkunft dieser Produkte sei unklar. Oft stamme die Ware aus chinesischen oder russischen Kleinstquellen. „Und dann wissen Sie nicht, was da eigentlich drin ist.“ Auf dem illegalen Markt gäbe es Produkte mit über 45 Milligramm Nikotin pro Beutel, erklärt Albig. 16,6 Milligramm ist die toxikologisch vertretbare Höchstmenge laut Bundesinstitut für Risikobewertung. Philip Morris stelle nur Produkte unter diesem Wert her. Die gerade in den USA zugelassenen Nikotinbeutel haben laut Albig drei und sechs Milligramm Nikotin.
Weniger Schadstoffe in Pouches als in Zigaretten –„nichts ist ohne Risiko“
Unstrittig sei, dass das Rauchen von Zigaretten durch die Verbrennung zu Krebs führen könne. Nikotinbeutel hingegen funktionieren ohne Verbrennung und setzten deshalb erheblich weniger Schadstoffe frei als eine Zigarette. „Egal, was man konsumiert: Nichts ist ohne Risiko und es wird dabei immer süchtig machendes Nikotin aufgenommen.“ Das Risiko der Erkrankung sinke beim Konsum von Nikotin ohne Verbrennung erheblich.
Weniger Raucher durch Nikotinpuches: Schweden als Beispiel für Tabakindustrie
Albig blickt nach Schweden. Das Land gilt nach Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als quasi rauchfrei. Dort rauche nur noch etwa fünf Prozent der Erwachsenen. In Schweden hat Snus eine lange Tradition. Anders als in den tabakfreien Nikotinpouches enthalten die ursprünglichen schwedischen Beutel Tabak. Zunehmend würden dort aber auch die weißen Nikotinbeutel konsumiert. „Wir kennen die Daten aus Schweden. Dort ist die Sterblichkeitsrate aufgrund von Lungenkrebs die mit Abstand niedrigste in der EU. Aber auch die Zahlen von Erkrankungen an Mundkrebs sind mit die niedrigsten in der EU“, sagt Albig.
Illegaler Zigarettenmarkt
Philip Morris hat das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG mit einem jährlichen Bericht zu illegalen Zigaretten beauftragt. Demnach wurden im vergangenen Jahr in Deutschland 52,2 Milliarden illegale Zigaretten geraucht. 42 Prozent davon waren gefälschte Produkte, 40 Prozent geschmuggelt und 18 Prozent Zigaretten, die legal hergestellt, aber illegal über Grenzen geschmuggelt und ohne Steuer verkauft wurden. KPMG hat errechnet, dass zehn Prozent der in Deutschland gerauchten Zigaretten illegalen Ursprungs sind. Dadurch entgingen dem Staat 401 Millionen Euro an Steuern.
Doch so einfach ist das nicht mit der Genehmigung der weißen Kissen. In Deutschland werden Nikotinbeutel als Lebensmittel eingestuft. Es handelt sich um eine sogenannte neuartige Lebensmittelzutat. Neuartige Lebensmittel müssen zugelassen werden, bevor sie auf den Markt kommen. Da bisher keine Zulassungen für Nikotin als Lebensmittel vorliegen, sind Nikotinbeutel nicht zugelassen.
Suchtexpertin: Nikotinpouches zielen auf junge Menschen ab
Es scheint, als beiße sich die Tabakindustrie die Zähne an Frankreich und an Deutschland aus. Für eine Nichtzulassung gebe es gute Gründe, erklärt Katrin Schaller von der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. „Im politischen Bereich verkauft sich die Tabakindustrie als Lösung des Problems, das sie mit Zigaretten selbst verursacht.“
Die Nikotinpouches zielten von ihrer Aufmachung her auf junge Menschen ab. „Je früher die Industrie Kunden gewinnt, desto länger die Abhängigkeit.“ Sie geht nicht davon aus, dass Raucher auf Nikotinbeutel umsteigen. „Das sind duale Konsumierende, die beides nehmen. Für die Wirtschaft ist das super.“
Langzeitdaten über Nikotinbeutel fehlen – Mediziner kritisch bei Pouches-Zulassung
Dr. Andrea Rabenstein forscht zu Tabak und Nikotin am LMU-Klinikum in München. Die 46-Jährige hält das Argument, Nikotinbeutel seien das weniger schädliche Produkt für Schönfärberei. Das habe es seitens der Tabakindustrie bei der Einführung des Zigarettenfilters schon einmal gegeben. „Damals hieß es, dass durch das Filtergewebe alles rausgefiltert wird.“
Den Fehler einer Zulassung wolle man mit Nikotinbeuteln nicht noch einmal wiederholen. Es fehle an Langzeitdaten und an möglichen Risiken, die bislang nicht erforscht seien. „Was ist, wenn durch Langzeitdaten feststeht, dass Nikotinpouches doch gesundheitsschädlich sind?“
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