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Welche Psychotherapie passt zu wem? Ein Überblick

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Therapie ist nicht gleich Therapie: Unterschiedliche Verfahren helfen auf unterschiedliche Weise – und eignen sich für unterschiedlichen Menschen. Ein Blick auf Abläufe, Methoden und Zielgruppen.

Von Elena Hartmann, dpa
Welche Therapieform, welches Setting passt zu mir? Die Entscheidung liegt letztendlich bei den Patientinnen und Patienten.
Welche Therapieform, welches Setting passt zu mir? Die Entscheidung liegt letztendlich bei den Patientinnen und Patienten.  Foto: Bonninstudio/Westend61/dpa-tmn

Der Weg zur Psychotherapie ist nicht nur oft lang, sondern für viele auch unübersichtlich: Wie findet man heraus, welche Therapie zu den eigenen Problemen passt? Übernimmt die Krankenkasse die Kosten? Und wie läuft eine Therapie ab?

Mit diesen Fragen ist man nicht allein: «Das Mittel der Wahl ist die psychotherapeutische Sprechstunde», erklärt Christina Jochim, stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV). Dort erfolgt eine erste fachliche Einschätzung. Auch die Frage, welche Art von Hilfe bei den individuellen Problemen, Belastungen oder Erkrankungen sinnvoll sein können, spielt eine Rolle.

Welches anerkannte Verfahren für eine verordnete Therapie letztlich angewendet werden soll, können Erkrankte aber selbst mitentscheiden. In Deutschland erkennen die Krankenkassen vier Therapieverfahren an: Verhaltenstherapie, analytische Psychotherapie (Psychoanalyse), tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und systemische Therapie. 

Gut zu wissen: Zugelassen werden nur Methoden, deren Wirksamkeit für alle psychischen Störungen wissenschaftlich belegt ist, erklärt Christina Jochim. Alle beruhen auf Gesprächen, unterscheiden sich aber in Schwerpunkt und Methodik. Doch was bedeutet das konkret für Betroffene? Ein Überblick über die Verfahren:

1. Verhaltenstherapie (VT)

Die Verhaltenstherapie gehört Christina Jochim zufolge zu den am häufigsten angewandten Methoden. 

Bei der Verhaltenstherapie seien Patienten von Anfang an aktiv beteiligt, erklärt Samy Egli, Psychotherapeut und leitender Psychologe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Das Verfahren zielt vor allem darauf ab, ungünstige Verhaltensmuster zu durchbrechen. Der Grundgedanke: Wer sein Verhalten verändert, kann auch Gedanken und Gefühle beeinflussen.

Geeignet ist die Verhaltenstherapie grundsätzlich für alle Störungsbilder, besonders für Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Essstörungen sowie Abhängigkeitserkrankungen. 

«Das Besondere daran ist, dass die Verhaltenstherapie sehr stark im Hier und Jetzt arbeitet», sagt Jochim. Die Therapieform untersucht, wie Gedanken, Gefühle und Verhalten zusammenhängen – dieses Trio bildet den Kern der Methode. Häufig kommen Rollenspiele und praktische Übungen zum Einsatz.

Sitzungen finden meist einmal pro Woche über ein halbes bis ein Jahr statt; gegen Ende können die Abstände größer werden. Bei einer Langzeittherapie sind laut Egli bis zu 60 Sitzungen möglich, die in der Regel von den Krankenkassen übernommen werden.

2. Analytische Psychotherapie (Psychoanalyse)

Die Analytische Psychotherapie ist laut Egli eine Weiterentwicklung der von Sigmund Freud begründeten Psychoanalyse und damit die älteste Form der Psychotherapie. Heute ist sie allerdings weniger verbreitet. Psychoanalyse mache nur noch etwa 2,5 Prozent der abgerechneten Krankenkassentherapien aus, so Jochim.

Im Zentrum der Psychoanalyse stehen unbewusste Konflikte - innere Spannungen oder ungelöste Erfahrungen, die unser Leben stark prägen können. Probleme werden laut Jochim vor allem durch deren Bearbeitung angegangen, meist über freies Sprechen (freie Assoziation) und die Deutungen der Psychoanalytiker. 

Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Verfahren besteht darin, dass sich der Therapeut während der Assoziation weitgehend zurücknimmt und die vorschnelle Bedürfnisbefriedigung vermeidet, so Egli.

Besonders wirksam sei die Methode bei tief sitzenden Beziehungsproblemen und wiederkehrenden Mustern, die belastend wirken und psychische Erkrankungen aufrechterhalten, sagt Jochim. 

Die Sitzungen finden klassisch im Liegen statt, sind aber auch im Sitzen möglich. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich von anderen Therapieformen: Typischerweise finden zwei bis drei Sitzungen pro Woche statt, die Therapie dauert in der Regel über zwei Jahre und umfasst etwa 160 Sitzungen in der Langzeittherapie, so Egli.

3. Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP)

Ebenfalls weit verbreitet ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Sie eignet sich ebenso für alle psychischen Störungen. Besonders wirksam ist sie laut Jochim bei Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Beschwerden, aber auch bei Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Der wichtigste Unterschied zur analytischen Psychotherapie liegt Egli zufolge darin, dass die Therapeutinnen und Therapeuten aktiver vorgehen und den Fokus stärker auf Klärung und Einsicht legen. «Eine typische Technik ist, Beziehungsmuster und Konflikte zu verstehen und zu verändern», erklärt der Psychotherapeut.

Eine Besonderheit dieser Therapie ist, dass aktuelle Probleme auf unbewusste Konflikte aus der Vergangenheit zurückgeführt werden. «Das Ziel ist, den Einfluss dieser Konflikte zu verstehen und sie innerlich aufzulösen», wie Christina Jochim erläutert. Anders als in der Verhaltenstherapie liegt der Schwerpunkt also weniger auf dem Hier und Jetzt, sondern auf der Aufarbeitung vergangener Konflikte.

Bei den Rahmenbedingungen – Dauer, Häufigkeit der Sitzungen und Kostenübernahme durch die Krankenkassen – unterscheidet sich die tiefenpsychologisch fundierte Therapie kaum von der Verhaltenstherapie.

4. Systemische Therapie

Die systemische Therapie ist das jüngste Verfahren, das von den Krankenkassen anerkannt wird. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die einzelne Person, sondern ihr Umfeld: Probleme werden im Zusammenhang mit Beziehungen, Familie, Partnerschaft oder anderen wichtigen sozialen Systemen verstanden, erklärt Psychotherapeutin Christina Jochim.

Grundsätzlich eignet sich die systemische Therapie für alle Störungsbilder, besonders dann, wenn Beziehungssysteme eine wichtige Rolle spielen. Ursachen werden laut Egli häufig im familiären oder partnerschaftlichen Beziehungsgeflecht gesehen. «Eine typische Technik ist die Familienaufstellung, zum Beispiel mit Figuren», so der Experte.

Die Methode ist damit nicht nur für Paare und Familien hilfreich, sondern auch für Einzelpersonen, wenn ihre Probleme stark mit ihrem sozialen Umfeld zusammenhängen.

Zu Beginn finden die Sitzungen laut Egli meist alle ein bis zwei Wochen statt. Mit der Zeit werden die Abstände größer – gegen Ende oft nur noch alle sechs bis acht Wochen. Eine systemische Therapie dauert in der Regel ein halbes bis ein Jahr. Bei einer Langzeittherapie sind bis zu 36 Sitzungen möglich, die bei Erwachsenen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.

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