Fulminante Festpiel-Premiere in Oberammergau
Die weltweit bekannten Passionsspiele starten mit zwei Jahren Verspätung runderneuert, mit aktuellen Bezügen und klaren Botschaften.
Es ist wie alle zehn Jahre und doch ganz anders. Eine fast schon greifbare Spannung liegt über dem 5000-Einwohner-Ort im oberbayerischen Oberammergau: Mit zweijähriger Verspätung finden die Passionsspiele statt. Und wahrscheinlich waren die Zusammenhänge des Stückes mit der Realität selten größer. Pandemie, Klimakatastrophe und Krieg - welche Botschaft von Jesus soll von Oberammergau ausgehen?

1800 Mitwirkende
Männer mit langen Haaren und Bärten gehören in diesen Tagen im Ortsbild wie selbstverständlich dazu. Seit Aschermittwoch 2021 gilt der traditionelle Bart- und Haarerlass. Schneiden verboten. Der ganze Ort ist von der Leidenschaft der Passion gepackt: 1800 Einheimische wirken an der Aufführung mit. Ein halbes Jahr lang sind sie fast täglich eingespannt: Die fünf Aufführungen pro Woche dauern jeweils mehr als fünf Stunden, dazwischen gibt es eine dreistündige Pause, in der die Besucher in die angrenzenden Lokale strömen. Gefesselt vom Stück und mit Vorfreude auf Teil zwei. 75 Prozent der 450 000 Tickets für die 102 Vorstellungen, die am 2. Oktober enden, sind verkauft - die Besucher kommen aus aller Welt. So auch bei der Premiere am Samstag in der überdachten Freiluftbühne, die mit einem Fassungsvermögen von 4400 Zuschauern zu den größten weltweit zählt. "Wir haben unendliche Lust, unser Passionsspiel auf die Bühne zu bringen, und sind hochmotiviert", sagt Spielleiter Christian Stückl. Und das ist in jeder Minute der Aufführung zu spüren. Chor, Orchester, Hunderte Menschen auf der Bühne, dazu Vögel, Pferde, Schafe und Kamele: Das monumentale Schauspiel beeindruckt auch heuer.
Krieg, Flucht und Vertreibung
Biblische Themen haben eine neue Brisanz bekommen. Das ist in der Inszenierung am Fuße der Berge zu spüren. Flucht und Vertreibung, Krieg und Armut: Jesus sollte bewusst stark, eher laut und nicht sanft auftreten. Ein Christus nah dran an den Armen und bei den Flüchtenden, der aber eben manchmal an der Welt verzweifelt. Alle 20 Hauptrollen sind doppelt besetzt - per Münzwurf wurde entschieden, wer Jesus in der Premiere und wer ihn dann bei der ebenso wichtigen letzten Aufführung spielt. Frederik Mayet, Pressesprecher der Passion, hatte Glück und gibt Jesus beeindruckend kraftvoll, ebenso leidenschaftlich wie verzweifelt und mit großartiger Präsenz auf der riesigen Bühne. Seine Botschaften schleudert er emotional ins Publikum. Spätestens beim Einzug auf dem Esel nach Jerusalem, wenn das Volk "Heil Dir" ruft, wird die Kraft des Schauspiels mit voller Wucht entfaltet. Und es endet mit der bedrückenden Szene am Kreuz, in der dem Schauspieler alles abverlangt wird. Spielleiter Christian Stückl, der die Passion schon zum vierten Mal inszeniert und ansonsten das Münchener Volkstheater leitet, erzählt dieses Mal mehr die Lebens-, als die Leidensgeschichte von Jesus, der fast verzweifelt, wenn er denkt, dass die Welt nicht gerettet werden kann.
Beeindruckende Hauptdarsteller
Mit Cengiz Görür (Judas) spielt erstmals ein Muslim eine der Hauptfiguren. Und das beeindruckend. Auch alle anderen Hauptdarsteller überzeugen. Ob der Hohepriester Kaiphas (Maximilian Stöger), Pilatus (Anton Preisinger) oder Maria (Andrea Hecht). Kostüm- und Bühnenbildner Stefan Hageneier hat die Bühne zu einer spektakulären weitläufigen Tempelanlage umgebaut. Grau und trist - als Zeichen der Hoffnungslosigkeit.
Stimmgewaltiger Chor
Das politische und religiöse Zentrum Jerusalems steht im Mittelpunkt des gesamten Stücks. Gezeigt werden dabei immer wieder Rückblenden mit Lebendszenen aus dem Alten und Neuen Testament. Neu ist diesmal auch das musikalische Arrangement unter Leitung von Markus Zwink, der die 120 Beteiligten im Orchester und im Chor zu einer stimmgewaltigen Einheit mit hohem Niveau formte.
Die Passion ist für viele Oberammergauer eben eine echte Passion. Genau wie für die Besucher, die die Premiere kurz vor Mitternacht mit lang anhaltendem Beifall feierten.


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