Was gegen die Thrombose-Gefahr auf langen Flugreisen hilft
Reisen geht wieder - damit rückt auch das Thema Thomboseprophylaxe wieder in den Fokus. Denn langes Stillstitzen fördert den Blutstau in den Venen. Schon einfache Maßnahmen reduzieren das Risiko.

Nach einem 20-Stunden-Flug von Sydney nach London ist eine junge Britin an einer Thrombose gestorben. Die 28-jährige Emma Christoffersen wurde offensichtlich das Opfer des so genannten Economy-Class-Syndroms." So berichtete am 23. Oktober 2000 der Berliner Tagesspiegel. Der Vorfall rückte die sogenannte reiseassoziierte Thrombose (RTE) ins Zentrum des Interesses. Heute gibt es eine differenziertere Sicht auf die damaligen Geschehnisse: Die RTE sei zwar "kein Mythos", stelle aber im Allgemeinen kein hohes Risiko dar, sagt Professor Jürgen Ringwald - es sei denn, es bestünden bestimmte Vorerkrankungen. Welche Möglichkeiten zur Vorsorge es gibt und was jeder selbst dafür tun kann, erklärte der Ärztliche Leiter der Institute für Transfusionsmedizin in Lütjensee und Schleswig bei einer Online-Pressekonferenz des Centrums für Reisemedizin (CRM).
Blutgerinnsel kann in die Lunge geraten
Das Thrombose-Risiko beginnt bei einer Reisedauer von etwa vier Stunden und steigt mit der Zeit an. Bei Bewegung wirkt die Wadenmuskulatur wie eine Pumpe, die den Rückfluss des Blutes zum Herzen beschleunigt. Steht die Pumpe zu lange still, verlangsamt sich der Blutfluss in den Beinen. In der Vene können Gerinnsel entstehen, die sich lösen und mit dem Blutstrom in die Lunge gelangen können. Verstopfen sie dort die Arterien, kommt es zu einer Lungenembolie, Betroffene bekommen keine Luft mehr. Es kann zu einer plötzlichen Überlastung des Herzens mit der Gefahr eines Herzstillstandes kommen.
Genau genommen starb Emma Christoffersen also gar nicht an einer Thrombose, sondern an den Folgen einer dadurch ausgelösten "fulminanten Lungenembolie", so Ringwald. Die junge Frau soll schon vor dem Besteigen des Flugzeugs über Schmerzen in der Wade geklagt haben, und so könnte die Lungenembolie nur zufällig mit dem Ende der Flugreise aufgetreten sein. Doch "tatsächlich ist ein Zusammenhang zwischen langer Reise in vielstündiger sitzender Position schon seit den 1950er Jahren bekannt".
Im Jahr 2001 wurde verbindlich definiert, was unter einer RTE zu verstehen ist, 2008 wurde die Definition erweitert. Mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden Studien durchgeführt, die den Schluss zulassen, dass zwischen einer langen Reise in vorwiegend sitzender Position und dem Auftreten einer venösen Thromboembolie ein "schwacher Zusammenhang" besteht. Insbesondere die Stase, also das Steckenbleiben des Blutrückflusses in der Vene, scheine dabei von großer Bedeutung zu sein, berichtete der Transfusionsmediziner.
Phänomen der Sitzthrombose ist aus dem Luftschutzbunker bekannt
Unmittelbare Einflüsse aus der Umgebung, etwa Luftdruck oder Luftfeuchtigkeit, wurden nicht eindeutig belegt. "Somit ist die RTE als eine besondere Form der schon seit den Zeiten der Luftschutzbunker im Zweiten Weltkrieg bekannten Sitzthrombose anzusehen." Der Ort, an dem stundenlang stillgesessen wird, ist jedoch nicht relevant. "Auch in der Business Class sind Reisethrombosen beschrieben", sagt Ringwald. Und in Zeiten der Pandemie erlebt die Sitzthrombose eine Renaissance im Homeoffice.
Corona-Impfung stellt kein erhöhters Risiko für Reisethrombose dar
Kein Zusammenhang besteht zwischen RTE und Corona-Impfung: Zwar seien in sehr seltenen Fällen Thrombosen nach der Gabe von Vektorimpfstoffen aufgetreten. Im öffentlichen Bewusstsein habe dann eine Übertragung dieses ohnehin sehr kleines Risikos auf alle Impfstoffe stattgefunden - dabei sei dies bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna noch einmal viel geringer. "Die Risiken einer Corona-Infektion sind ungleich viel höher als das Sterberisiko durch eine Thromboembolie nach der Impfung", betonte Ringwald. "Es gibt keine Empfehlung, nach einer Corona-Impfung nicht zu reisen."
Verschiedene Risikogruppen je nach Vorbelastung
Für die meisten Menschen ist die Wahrscheinlichkeit einer reiseassoziierten Thrombose sehr gering (Gruppe1). Zur Gruppe 2 mit mittelgradigem Risiko zählen alle, auf die mindestens zwei der folgenden Merkmale zutreffen: Alter über 60 Jahre oder Schwangerschaft, dokumentierte Thrombophilie, familiäre Vorbelastung, ausgedehnte Krampfadern, Adipositas. Auch eine Körpergröße unter 160 oder über 190 Zentimeter gilt als ungünstig. Ebenso die Einnahme der Antibabypille - ohnehin verdreifachen schon die niedrig dosierten Kombinations-Pillen das Thromboserisiko bei Frauen, schreibt unter anderem die "Apotheken-Umschau".
Ein hochgradiges Risiko besteht für Angehörige der Gruppe 3: Sie haben eine eigene Thrombose-Vorgeschichte, leiden an einer schweren Erkrankung, sind nach einer Verletzung - etwa einen Knochenbruch - teilweise immobil oder hatten erst vor kurzer Zeit eine große Operation.
Eine paar Tipps, um auf Nummer sicher zu gehen, gelten für alle Gruppen gemeinsam:
Bewegungsphasen: "Kleine gymnastische Übungen, etwa regelmäßiges Fußwippen im Flugzeug, reichen aus, um den Blutfluss aufrecht zu erhalten", erklärt Ringwald. Der Weg zur Toilette sollte als kleine Bewegungseinheit zwischendurch genutzt werden. Auch bei langen Autofahrten sind regelmäßige bewegte Pausen wichtig.
Nicht einengen: Der Experte rät, lockere Kleidung zu tragen und die Beine nicht übereinander zu schlagen. Wer am Gang sitzt, kann die Beine öfter mal ausstrecken.
Viel trinken: Viel Flüssigkeit ist wichtig, weil sie die Fließeigenschaften des Blutes verbessert. Etwa ein Viertelliter Wasser oder Kräutertee alle zwei Stunden gelten als ausreichend. Alkohol oder Kaffee sollten dagegen wegen ihrer entwässernden Wirkung gemieden werden.
Medikamentengabe abwägen
Für Reisende mit mittelgradigem RTE-Risiko empfehlen Experten zusätzlich knielange Kompressionsstrümpfe. Die Einnahme von Medikamenten, die die Blutgerinnung herabsetzen, sollte in Betracht gezogen werden, wenn zwei oder mehr Risikofaktoren in Gruppe 2 vorliegen oder die Reise länger als 16 Stunden dauert. Eine Empfehlung gibt es für Angehörige der Gruppe 3. Standen dafür früher lediglich Heparin-Spritzen zur Verfügung, so werden nun auch orale Gerinnungshemmer eingesetzt. Diese direkten oralen Antikoagulanzien (Doak oder Noak) werden im Off-Label-Use eingesetzt, weil sie für diesen Zweck nicht zugelassen sind.
Weil sie die Blutgerinnung hemmen, erhöhen die Medikamente auf der anderen Seite die Blutungsneigung. "Die einfache und bequeme Einnahme von Doak darf nicht dazu führen, sie ohne wirklichen Grund für die Prophylaxe der Reisethrombose zu verordnen", warnt deshalb Ringwald. Auch von Acetylsalicylsäure (ASS) rät er ab: "Das bringt Ihnen keinen Schutz."
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare