Urlaub in der Jugendherberge: lebendig und bunt
Jugendherbergen sind heute mehr als eine Unterkunft für Klassenfahrten. Herbergsleiter stellen sich zielgenau auf die Bedürfnisse der Besucher ein. Und das sind immer mehr Familien.

Das ist ja hier fast wie im Hotel!" Diesen Satz hört Lindaus Jugendherbergsleiter Dirk Umann häufig. Dann muss er schmunzeln. Weil viele immer noch so überrascht sind vom heutigen Standard vieler Jugendherbergen. Und weil er selbst im Übrigen der festen Überzeugung ist: "Wir sind noch besser als ein Hotel." Das ist keineswegs Selbstüberschätzung. "Wir richten uns einfach sehr genau auf unsere Zielgruppe aus", erklärt Umann.
Das sind neben der klassischen Jugendherbergsklientel mit Schulklassen, Orchestern oder Vereinen auch Gruppen, die in Hotels häufig nicht so gerne gesehen sind. Familien mit kleinen Kindern etwa, aber auch Radfahrer, die lediglich für eine Nacht eine Unterkunft brauchen.
Preiswert mit gutem Angebot
Dass die Herberge dazu noch preisgünstig ist, ist ein angenehmer Nebeneffekt, "für viele aber nicht der ausschlaggebende Punkt", sagt Umann. "Wir haben viele Familien, die nicht in eine Jugendherberge müssten." Weshalb sie dennoch kommen, viele als Stammgäste, liegt für Umann auf der Hand: "Wegen des Gemeinschaftsgefühls." Jeder findet, was ihm gefällt, das Angebot reicht vom Erlebnisbauernhof über Surf-Freizeiten und Programm bei den Bodenseepiraten bis zu Skikursen. Auch im Haus selbst gibt es Angebote, ob Spielplatz, Sport oder gemeinsame Kinoabende. "Kinder finden meist sofort Anschluss."
Dazu kommt die Herzlichkeit, mit der Gäste begrüßt werden, Kinder bekommen am Empfang die Schlüsselmacht und dürfen Mama und Papa zum Zimmer bringen - was dank eines Farbleitsystems prima gelingt. Auch das Essen kann sich sehen lassen, in Lindau etwa ist mittwochs Veggie-Day, Aushänge im Speisesaal erklären, warum es gut ist, ab und zu auf Fleisch zu verzichten. Wo es geht, wird Wert auf regionale Produkte gelegt, die Äpfel etwa kommen von einem regionalen Hof.
Man kommt schnell in Kontakt

Die klassische Klientel gibt sich mit den Touristen meist die Klinke in die Hand: "Die Familien und Radfahrer kommen am Wochenende und in den Ferien, also in der Regel dann, wenn die anderen weg sind", erklärt Umann. Genauso ist es ein Stück weiter westlich am See, in Überlingen. Seit neun Jahren leiten Agnes und Holger Weppler die Martin-Buber-Jugendherberge, die durch ihre Vierbettzimmer mit jeweils zwei Stockbetten ebenfalls familienfreundlich ist. "Das Jugendherbergsleben ist viel bunter geworden, seit immer mehr Familien und Radfahrer die Unterkunft für sich entdecken", erzählt Agnes Weppler. "Und im Gegensatz zum Hotel geht es hier weniger anonym zu, es ist ungezwungener."
Zudem ist das Ausflugsangebot rund um den See riesig, reicht von den Pfahlbauten bis zu Schifffahrten hinüber nach Konstanz. Und: Die Überlinger Jugendherberge hat ein Alleinstellungsmerkmal: Sie ist offizielle deutsch-jüdische Begegnungsstätte.
Wohlfühlen statt Zweckmäßigkeit

Dass Jugendherbergen bei Familien punkten, liegt auch daran, dass in vielen Häusern mittlerweile umfangreich renoviert und das Angebot auf Familien zugeschnitten wurde. Während es in den 90ern in den Jugendherbergen vor allem um Zweckmäßigkeit ging, steht jetzt das Wohlfühlen im Vordergrund. In Überlingen etwa sind seit der Renovierung alle Zimmer mit Dusche und WC ausgestattet, es gibt neue Konferenzräume, einen hellen Speisesaal und Aufenthaltsraum sowie eine große Turnhalle.
Die Lindauer Herberge ist in einem alten Landsitz untergebracht, schon seit 1933 ist das Haus Jugendherberge. Der Aufwand, der 2016 für die Sanierung betrieben wurde, war ebenfalls enorm, erinnert sich Umann. "Wir wollten die regionale Identität betonen." Das geschah etwa mit einem Holzdesign, das an Schiffsplanken und Obstkisten erinnert und sich durchs ganze Haus zieht - von der Bar im Gemeinschaftsraum bis zu den neuen Familienzimmern mit Ehe- und Stockbett sowie kleinem Bad mit Dusche und WC. "Ein Hotel", sagt Umann, "wollen wir dabei gar nicht sein. Wir sind einfach eine super Jugendherberge. Sonst würde es auch den Preis nicht geben." Der ist in der Tat günstig: Zwischen 25 und 30 Euro sind es pro Person und Nacht, inklusive Frühstück und Bettwäsche.
Jugendherbergen werden familienfreundlicher

Knut Dinter, Sprecher des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH), bestätigt die seit Jahren steigenden Zahlen an Familien in deutschen Jugendherbergen. 2016 stellten sie 20 Prozent der Übernachtungszahlen. 130 der 500 Unterkünfte hätten dabei besonders hohe Familienstandards. Und die Klientel? "Die ist sehr offen, kreativ und überdurchschnittlich gebildet", weiß Dinter. Und wie Umann betont auch er: "Wer sich als Familie entscheidet, in die Jugendherberge zu gehen, tut das nicht primär wegen des Preises, sondern wegen des Erlebnischarakters. Hier geht es nicht um Prestige-Urlaub, sondern um das Zusammenkommen mit anderen, um Austausch und Naturnähe." Und das Ganze am besten noch mit viel Bewegung. "Chillen ist bei uns nicht so nachgefragt. Wir bedienen eher die Aktiven."
<<< Mehr Infos: www.jugendherberge.de >>>
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