Kinderhotel Oberjoch: Erfolg liegt in der Konsequenz

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Fest definierte Zielgruppe statt Gemischtwarenladen: Geschichte des Kinderhotels Oberjoch zeigt, wie man im Tourismus mit klarer Linie punkten kann

Von Stefanie Sapara
 Foto: Oberjoch

Am Anfang stand die Insolvenz. Dann noch eine. Und dann? Der ganz große Erfolg. Volker Küchler bringt mit, was für einen Beruf in der Hotellerie essentiell ist: Biss, Durchhaltevermögen und eine ordentliche Portion Visionen. Sonst hätte der heutige Hoteldirektor des Kinderhotels Oberjoch im Ortsteil von Bad Hindelang im Allgäu wohl früh das Handtuch geworfen - damals schon, als das Haus noch eine Kombination aus Luxus-Kurklinik und Hotel war.

Zunächst sehr erfolgreich. Doch nach der Gesundheitsreform und Abschaffung der klassischen Kur - Küchler war damals Restaurantleiter - ging es abwärts. 2001 die erste Insolvenz. "Der Investitionsstau im Haus war zudem groß", erinnert sich der 52-Jährige. Auch ein neuer Anlauf mit Kurbetrieb scheiterte, das war 2003.

Der Streichelzoo mit Ponys kommt bei den Kids super an. Es ist eine von vielen Ideen, die Volker Küchler (re.) umgesetzt hat.
Der Streichelzoo mit Ponys kommt bei den Kids super an. Es ist eine von vielen Ideen, die Volker Küchler (re.) umgesetzt hat.  Foto: Oberjoch

Doch Küchler blieb auch dann. Denn tief in sich hegte er den Traum von einem Kinderhotel - und die Überzeugung, dass das Konzept funktionieren würde. Tatsächlich wurde das Haus ab 2006 unter anderem über die Familotel-Gruppe vermarktet. Und Küchler wurde Hoteldirektor. Er lacht: "Sie dachten wohl, das kann nur einer machen, der verrückt genug war, so lange durchzuhalten." Parallel zum Familienhotel wurden allerdings die ehemaligen medizinischen Abteilungen zu Tagungsräumen umgebaut.

Küchler erinnert sich gut: "Alle haben mich für verrückt erklärt, aber Tagungsgäste und Familien haben sich gegenseitig gut ergänzt." Das Problem war ein anderes: "Wir hatten 70 Einzelzimmer im Haus, in den Schulferien waren die nicht zu vermieten. Wir hatten also eine Zimmerkonstellation, die für das Produkt nicht funktioniert hat."

Kaufinteressent um Kaufinteressent führte der gebürtige Oberlausitzer durchs Hotel. "Viele große Ketten waren da, Maritim, Lindner, Robinson. Am Ende haben alle einen Rückzieher gemacht." Und mit jedem "nein" verlor auch Küchler ein bisschen mehr den Glauben daran, dass das Haus in bester Hanglage und unweit der Bergbahnen doch noch das werden könnte, was er sich insgeheim vorstellte.

Pläne für sein Traum-Kinderhotel lagen längst in seiner Schublade, doch als sich 2011 der österreichische Hotelier Ernst Mayer ankündigte und durchs Haus führen ließ, "war ich nicht mehr motiviert", räumt er ehrlich ein. Dabei kannte er Mayer und seine Erfolgsgeschichte mit dem Kinderhotel Alpenrose in Lermoos gut. "Online habe ich genau verfolgt, was er da erschaffen hat. Ein reines Kinderhotel, mit 95 Prozent Auslastung."

Anreise nur mit Kind

Im Winter wurden viele Zimmer neu gestaltet. Fotos: Kinderhotel Oberjoch
Im Winter wurden viele Zimmer neu gestaltet. Fotos: Kinderhotel Oberjoch  Foto: Oberjoch

Und dann passierte tatsächlich, womit Küchler nicht mehr gerechnet hatte: Mayer hatte Interesse an dem Hotel in Deutschlands höchstem Ski- und Bergdorf. "Er sagte: ,Ich investiere acht Millionen in den Umbau", und ich antwortete: ,Ich habe alle Pläne schon da"." Küchler lacht. Von Anfang an haben sich die zwei Hotel-Experten verstanden, wussten, was aus dem einstigen Kurbetrieb werden sollte: eine Ergänzung zur Alpenrose auf deutschem Boden, mit einer eigenen, fix definierten Zielgruppe - "kein Gemischtwarenladen, das funktioniert nicht". Eingebucht wird folglich nur, wer mit Kind kommt. Ein Konzept, das nach Lermoos auch in Oberjoch aufgeht: In den vergangenen sechs Jahren hat sich das Haus etabliert und einen Namen gemacht - nach wie vor ist es das einzige der Kinderhotels-Europa-Kette in Deutschland.

Doch weil es weder Mayers, der zwischenzeitlich im Salzkammergut mit dem Dachsteinkönig ein drittes Hotel eröffnet hat, noch Küchlers Sache ist, sich auf Erfolgen auszuruhen, wurde jüngst noch einmal kräftig investiert: acht Millionen Euro steckte Ernst Mayer erneut in das Haus, mittlerweile ist keine Zimmereinrichtung mehr älter als sechs Jahre. Neue Suiten wurden gebaut - für den Single mit Kind bis zur Großfamilie -, die Bade- und Saunalandschaft saniert und eine Kinder- und Textilsauna eingebaut. Für die Erwachsenen entstand ein Fitnessbereich mit Panoramablick auf die Berge. Eine Neuheit ist auch ein Ruhe-Bereich ausschließlich für Erwachsene - ein Gästewunsch, dem man nun nachgekommen sei, wie Küchler sagt.

Aufgestockt: Für die Erwachsenen gibt es einen neuen Fitnessraum.
Aufgestockt: Für die Erwachsenen gibt es einen neuen Fitnessraum.  Foto: Oberjoch

Während man in der Alpenrose einen kulinarischen Schwerpunkt mit à-la-carte-Menüs setzt, gibt es in Oberjoch - bis zu 550 Gäste wohnen hier - ausschließlich Büfetts. "Und wir konzentrieren uns hier stark auf die Ein- bis Fünfjährigen", erzählt der Hoteldirektor. Aus gutem Grund: Gefällt es den Sprösslingen im Hotel, bleiben die Familien dem Haus im besten Fall über Jahre treu. Zwischen 35 und 45 seien die erwachsenen Gäste im Schnitt - allerdings mit starker Tendenz hin zum Oma-Opa-Enkel-Urlaub.

Auch den klassischen Ferienwohnungsgast könne man mit dem Angebot erreichen. "Eine gute Ferienwohnung hat heutzutage ihren Preis, da bezahlt man schnell 250 Euro am Tag", rechnet Küchler. "Wenn man dann noch das Angebot drum herum mit einplant, ist der Unterschied nicht mehr groß." Dazu zählen etwa All-Inclusive-Verpflegung, täglich 13 Stunden Spiel- und Spaß-Programm durch 25 Betreuer, riesige In- und Outdoor-Spielparadiese, eine Riesenwasserrutsche, aber auch Infrastruktur vom Kinderbett über Wickelauflage, Babyphone, Buggy und Rückentrage bis zum Fläschchenwärmer, die vor Ort kostenlos verfügbar ist.

Teuer, aber gefragt

Kleine Alpengasthöfe würden früher oder später aussterben, sagt Küchler. "Die Ansprüche sind mittlerweile zu hoch. Und mit 40-Euro-Zimmer-Raten kann man auch nicht mehr überleben, dafür ist kein Markt mehr da." Küchler ist sicher: "Es wird künftig nur noch hochwertige Ferienwohnungen oder Vier-Sterne-Hotels geben."

Ab 394 Euro ist eine Nacht für zwei Erwachsene und zwei Kinder im All-Inclusive-Kinderhotel Oberjoch zu haben, im Schnitt bleiben die Gäste sechs Tage. Ein Produkt, das seinen Preis, aber eben auch seinen Markt hat. Knapp 90 Prozent Auslastung sind ein klarer Beweis. Und die Zufriedenheit? Die Weiterempfehlungsrate bei Holidaycheck liegt bei 100 Prozent und das bei knapp 5000 Bewertungen.

Fast die Hälfte der Gäste seien Schweizer, mittlerweile werde Ernst Mayer mit Anfragen überschüttet. "Es gibt Kommunen, die ihre Grundstücke fast herschenken, nur damit dort ein Kinderhotel gebaut wird", sagt Küchler. Gerade in der Schweiz sei das Interesse groß, Bau- und Nebenkosten lägen aber fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Und an die Nord- oder Ostsee? "Da gibt es auch viele Angebote, allerdings ist es uns wichtig, ein Ganzjahresbetrieb zu sein. Das ist in den Alpen einfacher als an der See."

Und wo verbringt ein Hoteldirektor seinen eigenen Urlaub? Küchler schmunzelt. "Ich schaue mir ja unheimlich gerne andere All-Inclusive-Hotels an. Irgendwie kann man nicht anders. Aber ich mag auch einen ruhigen Ferienhaus-Urlaub in der Toskana." Allerdings nicht zu lang. Die nächste Renovierung steht schon an. Bis Pfingsten wird die große Sonnenterrasse neu gestaltet. Denn auch das weiß Volker Küchler: "Je perfekter ein Hotel, umso kritischer die Gäste."

 

Hinweis (vom 03.12.2019): Das Kinderhotel Oberjoch wurde in "Oberjoch – Familux Resort" umbenannt. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.oberjochresort.de sowie per E-Mail info@oberjochresort.de

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