Nördlingen (dpa/tmn)
Lesezeichen setzen Merken

Meteoritenkrater: Aktiv unterwegs im Nördlinger Ries

Die riesige Kraterlandschaft rund um Nördlingen gleicht einem Freilichtmuseum der Erdgeschichte. Wer hier herumwandert, sieht Glasbomben in Gestein und eine Trainingslandschaft von Astronauten.

Von Andreas Drouve, dpa
  |    | 
Lesezeit 2 Min
Mittendrin liegt Nördlingen
Das Ries ist ein riesiger Krater von 25 Kilometern Durchmesser. Mittendrin liegt die Stadt Nördlingen.  Foto: Stefan Puchner/dpa/dpa-tmn

Mit 70.000 km/h raste der Asteroid auf das heutige Bayern zu. Er prallte auf und löschte alles Leben in dieser Gegend aus. Er hinterließ einen Krater mit einem Durchmesser von 25 Kilometern, das Nördlinger Ries.

Seit dem Einschlag sind fast fünfzehn Millionen Jahre vergangen. Heute bereitet der fruchtbare Riesenkrater im Westen des Freistaats den Boden für Aktivitäten wie Wandern und Radeln.

Deutlich zeichnen sich die Kraterränder ab, während sich im flachen Becken ein Flickenteppich aus Dörfern und Feldern ausbreitet, Weißstörche aufsteigen, Fuchsien blühen und in einer Kirche tatsächlich ein Brunnen plätschert.

Die Spuren des Kratersees

Die beste Wanderrunde im Ries ist der knapp 20 Kilometer lange Schäferweg mit Start am Nördlinger Freibad Marienhöhe.

Mitten im Wald auf dem Galgenberg, der vor Jahrhunderten seinen Namen als Richtstätte bekam, ist der Hexenfelsen die erste Station dieser Wanderung. Der isoliert stehende Dolomitklotz zählt zum inneren Kraterring und dürfte zeitweise als Insel aus dem längst verschwundenen Kratersee geragt haben.

Nur fachkundige Augen entdecken auf dem Sockel Ablagerungen des Gewässers, ebenso wie ein Stück weiter auf den Gesteinsmassen des Adlersbergs. Unterwegs hilft Geoparkführerin Carolin Schober-Mittring, die Blicke zu schärfen. «Wir bewegen uns hier durch ein Freilichtmuseum der Erdgeschichte», sagt sie. Der Einschlagkrater gilt als einer der weltweit am besten erhaltenen und erforschten.

Wo Astronauten für die Mondmission trainierten

Unterwegs führt eine Sonderschleife auf dem Lehrpfad Geotop Lindle ins Feuchtgebiet eines einstigen Steinbruchs. Es ist der Lebensraum von Gelbbauchunken. Nebenan gibt eine Aussichtsplattform den Blick auf den Astronauten-Steinbruch frei, inzwischen ein Privatgelände.

«Im August 1970 waren die Astronauten der geplanten Apollo-14-Mission zum Feldtraining im Ries, um im Krater zu lernen, was sie auf dem Mond können müssen», erzählt Carolin Schober-Mittring. «Astronauten waren ja keine Geologen, deshalb mussten sie hier einen Crashkurs in Geologie kriegen.» Noch heute absolvieren Astronauten der Europäischen Weltraumbehörde (ESA) hin und wieder geologische Übungseinheiten im Ries, wie es auf der Website des Geoparks heißt.

Ein Unikat am Wanderweg ist der Suevit-Steinbruch von Altenbürg. Suevit war das wichtigste Impaktgestein im Ries und Baumaterial für viele Gebäude in Nördlingen. Die Glasbomben im Gestein, «Flädle» genannt, entstanden durch die extreme Hitzeeinwirkung beim Einschlag. «Das waren bis zu 30.000 Grad», sagt Schober-Mittring.

Radtour mit Soundeffekten

Aktiv im Ries unterwegs zu sein, heißt auch, ab Nördlingen die östliche Radrunde abzustrampeln. 58 Kilometer, weitgehend durch Flachland, zunächst in die Fuchsienstadt Wemding. Hier stammt der Namensgeber der Fuchsien her, der Botaniker Leonhart Fuchs, der im 16. Jahrhundert lebte (1501-1566).

In Blumenkübeln und -kästen blühen von Mai bis September überall Fuchsien, mit denen auch die Blumenpyramide beim Marktplatz bestückt ist. Die Radroute hat ihre ganz eigenen Soundeffekte. Der Wind fährt durch Apfelbäume und Dinkelfelder und in der Wallfahrtskirche Maria Brünnlein am nordwestlichen Rand von Wemding gluckert Wasser, das Gläubige in Hoffnung auf heilsame Kräfte abzapfen.

Hinauf zum Daniel

Ob zu Fuß oder per Rad - bei der Rückkehr nach Nördlingen setzt der «Daniel» eine Landmarke. So heißt der Turm der St. Georgskirche, auf den 350 Treppenstufen führen. Er ist der Thron über dem Ries. Tritt man dort hinaus, bieten sich Prachtblicke über das Ziegeldächermeer der Stadt und auf die waldreichen Kraterränder in der Ferne.

Die kosmische Katastrophe, aus der vor Millionen Jahren neues Leben entstand, ist für die Gegend und deren Besucher ein Glücksfall.

Auf dem Fahrrad erkunden
Die Kraterlandschaft im Nördlinger Ries lässt sich prima auf dem Fahrrad erkunden.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Residenzstadt Oettingen
Die idyllische Residenzstadt Oettingen liegt am nördlichen Rand des Meoritenkraters.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Vom Turm der St. Georgskirche
Vom Turm der St. Georgskirche reicht der Blick von den Dächern Nördlingens bis zu den Rändern des Ries.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Störche in Oettingen
Da klappert's auf dem Dach: In Oettingen sind Dutzende Störche zu Hause.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Landwirtschaftlich genutzt
Hier wächst nicht nur Dinkel. Die Ebene des Nördlinger Ries wird zu großen Teilen landwirtschaftlich genutzt.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Wallfahrtskirche Maria Brünnlein
Das Besondere an der Wallfahrtskirche Maria Brünnlein offenbart sich im Inneren: ein Brunnen-Altar.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Carolin Schober-Mittring
Wie war das damals mit dem Asteroiden-Einschlag? Carolin Schober-Mittring führt durch den Geopark und kann solche und andere Fragen beantworten.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Gelbbauchunken
Hallo, Frosch! Eine Sonderschleife führt auf dem Lehrpfad Geotop Lindle ins Feuchtgebiet eines einstigen Steinbruchs. Es ist der Lebensraum von Gelbbauchunken.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Stadtmauer-Rundgang
Gut für Schlechtwettertage: Der Stadtmauer-Rundgang in Nördlingen ist fast durchgängig überdacht.  Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn
Stück Mondgestein im Rieskratermuseum
Ein Stück Mondgestein im Rieskratermuseum: Das durch einen Meteoriteneinschlag entstandene Nördlinger Ries weist ähnliche Gesteinsstrukturen auf, wie sie auf dem Mond zu finden sind. Deswegen schickte die NASA ihre Astronauten zur Vorbereitung der Mondlademissionen nach Nordschwaben.  Foto: Stefan Puchner/dpa/dpa-tmn
Gesteinsstrukturen
Durch den Einschlag des Asteroiden sind besondere Gesteinsstrukturen entstanden.  Foto: Stefan Puchner/dpa/dpa-tmn
Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
  Nach oben