Neckarsulm
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Audi: Alter Horch trifft neuen Horch

Vor dem Audi-Forum in Neckarsulm stehen derzeit eine Horch Pullmann Limousine aus dem Jahr 1935 und der neue A8 L Horch. Die China-Variante wird am Standort extrem aufwendig produziert.

Alexander Schnell
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Lesezeit 3 Min
Audi: Alter Horch trifft neuen Horch
Auf der Piazza vor dem Audi-Forum sind derzeit zwei Besonderheiten zu sehen: Die Horch 851 Pullmann Limousine aus dem Jahr 1935, ...  Foto: Audi

Sie sorgen täglich für Aufsehen, die beiden großen Glasvitrinen vor dem Audi-Forum in Neckarsulm. Dort sind immer wieder wechselnd die neuesten Fahrzeuge im Zeichen der vier Ringe ausgestellt.

Noch bis zum 14. Juli ist ein ganz besonderes Duo zu sehen. Zum einen wird eine Horch 851 Pullmann Limousine aus dem Jahr 1935 gezeigt: Die Luxuslimousine ihrer Zeit hat einen Achtzylindermotor mit fast fünf Litern Hubraum und 100 PS unter der langen Fronthaube. Gefertigt wurde der historische Horch in Zwickau - zwischen 1934 und 1936 sind gerade einmal 243 Exemplare entstanden.

A8 L Horch streckt sich auf 5,45 Meter

Audi: Alter Horch trifft neuen Horch
... und der Audi A8 L Horch, den es nur in China zu kaufen gibt.  Foto: Audi

Direkt daneben steht ein Auto, das in Neckarsulm gebaut wird, aber nur in China erhältlich ist: der A8 L Horch. Die auf 5,45 Meter verlängerte Version kommt mit eigenständigem Grill, viel Chrom, speziellen Rädern und Vollausstattung inklusive riesigem Panoramadach noch in diesem Monat im Reich der Mitte auf den Markt.

Warum die chinesischen Kunden gerne Langversionen kaufen, ist einfach erklärt: Wer es im Reich der Mitte zu etwas gebracht hat, leistet sich einen Chauffeur, sitzt bequem mit mehr Beinfreiheit hinten. Mit 5,45 Meter Länge überragt der Horch die normale Langversion noch einmal um 13 Zentimeter.

Werkleiter Fred Schulze ist stolz auf seine Mannschaft

"Unsere Mannschaft hat es erfolgreich geschafft, diese extra lange Karosserie in unsere Produktion zu integrieren und fertigt jetzt mit höchsten Qualitätsansprüchen das neue Mitglied der A8-Familie", sagt Neckarsulms Werkleiter Fred Schulze. "Durch meine Zeit bei Volkswagen in Schanghai kenne ich China sehr gut. Deshalb freue mich, dass meine ersten Anläufe zurück als Werkleiter in Neckarsulm auch ein Modell umfassen, das speziell für den chinesischen Markt entwickelt wurde."

Blick zurück auf die Anfänge des A8

Audi: Alter Horch trifft neuen Horch
Die zweifarbige Lackierung für den neuen Audi A8 L Horch erfordert von den Spezialisten am Audi-Standort Neckarsulm 35 Stunden zusätzliche, händische Arbeit.  Foto: Audi

Er war Audis Eintrittskarte in die Oberklasse. Die hochpreisigen A8-Modelle aus dem Werk Neckarsulm haben in den vergangenen Jahrzehnten satte Gewinne für das Unternehmen erwirtschaftet. Los ging es aber mit einem anderen Namen: Mit dem nach seinem Motor - V8 - benannten Modell bewegte sich die Marke mit den vier Ringen in Richtung Mercedes und BMW. Das war 1988 - seitdem gehören Oberklasse und Neckarsulm scheinbar untrennbar zusammen. 1994 kam der erste A8 auf den Markt.

Revolutionär war damals die besonders leichte Aluminiumkarosserie, die am Standort Neckarsulm entwickelt wurde. Seit dem Jahr 2017 läuft die vierte Generation des A8 in Neckarsulm vom Band - nun erhielt die Limousine eine dezente Überarbeitung, um sie "fit für den zweiten Lebenszyklus zu machen", wie der Hersteller sagt. Dazu gehört nun auch die Horch-Version für Audis größten Einzelmarkt China.

Enormer Aufwand für die Lackiererei

Das stellte verschiedenste Bereiche des Standorts vor große Herausforderungen - unter anderem die Lackiererei. Um den A8 L Horch überhaupt lackieren zu können, bedurfte es zunächst einer vorausschauenden und exakten Arbeit der Fertigungsplaner. Denn die bestehenden Förderstrecken mussten auf mehreren Kilometern Länge umgebaut und mit hochkomplexer Sicherheitstechnik versehen werden. Eine weitere Herausforderung: der Wunsch der chinesischen Kunden nach einer Bicolor-Lackierung. Denn diese kann nicht von einer Serienanlage übernommen werden. Die Lösung: Das Neckarsulmer Sportwagenfinishcenter.

35 Stunden zusätzliche Arbeit

Hier kommen Ogün Kardes aus der Prozesssicherung Lackiererei und seine Kollegen ins Spiel. In jedem A8 L Hoch mit Zweifarblackierung stecken 35 Stunden zusätzliche, händische Arbeit, wie Kardes berichtet: "Ich bin seit 27 Jahren bei Audi - aber so ein besonderes Projekt hatten wir bislang noch nie." Kardes war es auch, der die erste Karosse des Audi A8 L Horch mit Klebeband millimetergenau von Hand maskierte. Für die Entscheidung, dass der A8 L Horch als Bicolor-Lackierung angeboten kann, war das perfekte Ergebnis seiner Arbeit ausschlaggebend.

Viele Schritte zum perfekten Ergebnis

Doch wie genau läuft die Lackierung ab? Die ersten Prozessschritte für die Zweifarb-Lackierung lassen sich noch in der Serienanlage der Neckarsulmer Lackiererei umsetzen. Hier erhalten alle A8-Modelle ihre Lackierung: Auftragen von Füller, Lackschicht und Klarlack. Danach geht es für die meisten Karosserien zum Finishing, ihrer letzten Station auf dem Weg durch die Lackiererei. Nicht jedoch für jene A8L Horch, die eine Bicolor-Lackierung erhalten. Für sie geht es nun ins Sportwagenfinishcenter.

Steht die - zunächst noch einfarbig lackierte - Karosserie des A8L Horch hier nun also in einer Einzelkabine, übernehmen erfahrene Spezialisten. Mit einem speziellen Klebeband und Folie kleben je zwei Beschäftigte den Innenraum und alle Teile, welche die erste Farbe behalten sollen, ab. Millimeter für Millimeter orientieren sie sich dabei an der prägnanten Schulterlinie - Fingerspitzengefühl lautet die Devise.

Übergang der beiden Farben ist nicht spürbar

An den Türinnenkanten wird die zweite Lackfarbe händisch mit der Sprühpistole aufgebracht, bevor die normalen Anlagen die Außenteile der Karosserie übernehmen. Dann ist nochmal echte Präzisionsarbeit gefragt: Nachdem der zweite Lack und die äußere Klarlack-Schicht getrocknet sind, wird von den Audianerinnen und Audianern an der Bicolor-Übergangsstelle händisch "entgratet": Mit geübten Handbewegungen schleifen sie dort, wo beide Lackfarben aufeinandertreffen, allerfeinste Kanten ab. Natürlich ohne dabei den Lack zu beschädigen. Für Kardes und seine Kollegen zählt das Ergebnis: Der Übergang der beiden Farben ist nicht spürbar.

 
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