Was den AMG One zum ultimativen Mercedes macht
Nagelneu und schon im Museum, zu Recht: Als stärkster und spektakulärster Mercedes dieser Ära hat der AMG ganz sicher einen prominenten Platz verdient. Doch nur herumstehen geht nicht. Kommen Sie mit?

Eigentlich schlägt sein Herz für Autos, deren Produktion bereits eingestellt ist. Doch wer vom Grand-Prix-Rennwagen aus den 1930er-Jahren über die frühen Flügeltürer und die Le-Mans-Autos wie den CLK-GTR bis hin zu DTM-Boliden und Supersportwagen wie dem SLR und dem SLS jeden Überflieger von Mercedes in der Sammlung hat, der kommt am AMG One nicht vorbei.
Deshalb war Friedhelm Loh einer der Ersten, der in Affalterbach eines der 275 Exemplare des Formel-1-Renners für die Straße bestellt hat. Und seit der Milliardär aus Mittelhessen vor knapp zwei Jahren das Nationale Automuseum eröffnet hat, gebührt dem Silberpfeil dort ein Ehrenplatz. Doch anders als die meisten Oldtimer parkt der Neuwagen so, dass man ihn zwischendurch auch mal ins echte Leben entlassen und für ein paar Runden auf die Landstraßen entführen kann.
Ein Ufo auf der Umgehungsstraße
Dort allerdings wirkt er wie ein Ufo, das auf der Milchstraße die falsche Ausfahrt genommen hat. Kaum mehr als hüfthoch und am Heck nicht nur ein mächtig, verstellbarer Spoiler, sondern auch eine Finne wie das Leitwerk eines Düsenfliegers und die Flügeltüren weit geöffnet. Selbst auf dem Boulevard der eiligen Eitelkeiten mit erlesener Konkurrenz steht man im AMG One immer in der Pole-Position. Und wenn erst einmal der Motor läuft, stiehlt man auch noch dem letzten Supersportwagen die Schau, so einem Krawall macht der schwäbische Überflieger. Und das in einer ausgesprochen ungewohnten Klangfarbe.
Ein Motor aus der Formel 1
Schließlich steckt direkt hinter den Sitzen nicht wie in dieser Klasse üblich ein hochgezüchteter Acht-, Zehn oder Zwölfzylinder mit gewaltigem Hubraum. Sondern zum ersten und einzigen Mal hat Mercedes einen Motor aus der Formel 1 in das Korsett der Straßenzulassung gezwungen.
Im Heck tobt deshalb ein 1,6 Litern Hubraum winziger V6-Motor, der dafür aber mit irrwitzigen 11.000 Touren dreht - allein das reicht für 422 kW/574 PS. Und als wäre das nicht schon genug, kombinieren sie den Verbrenner mit elektrischem Turbo, einer E-Maschine im Getriebe vor der Hinterachse und zweien an der Vorderachse. So steigern sie die Systemleistung auf 782 kW/1063 PS. Weil es zudem noch eine Pufferbatterie von 8,4 kWh gibt, kann der Silberpfeil auf kurzen Strecken auch ganz geräuschlos fliegen.
Hat der alle Schrauben locker?
Wer diese Bestie bändigen will, muss sich erst einmal in eine relativ knappe Kabine auf eine fest montierten Carbonschale zwängen. Dann muss man die Pedale und das eckige Lenkrad mit fast so vielen Knöpfen wie in der Formel 1 einstellen und sich auch dann auf etwas gefasst machen. Denn wenn zum ersten Mal im Nacken der V6 aufbrüllt, der mit Lewis Hamilton Weltmeister wurde, dann klingt es, als wären da alle Schrauben locker. Es scheppert und rasselt wie bei einem mechanischen Totalschaden, nur um dann mit der steigenden Drehzahl durch alle Klangfarben zu kreischen, die das Orchester des Herrn Otto nur hergibt.
Ungezähmte Bestie
Und das Gefährt kann dabei mehr Speed aufbauen, als es die Sinne irgendwie verarbeiten können - von 0 auf 100 km/h in 2,7, auf 200 in 7,0 auf 300 in 15,6 Sekunden und erst bei 352 km/h mit Rücksicht auf die E-Maschine in den Begrenzer. Vielleicht gibt es noch ein paar schnellere Supersportwagen. Aber keinen, der rabiater ist, ungehobelter, ungezähmter.
Durschschnaufen in der Dorfmitte
Zum irrwitzigen Antrieb gibt es ein sogenanntes Pushrod-Fahrwerk. Das stammt – natürlich – aus dem Rennsport und ist elektronisch geregelt. Über Druckstangen (Pushrods) werden die querliegenden Feder- und Dämpfer-Einheiten angesteuert, was präzises Handling und hohe Performance ermöglicht. Im normalen Fahrbetrieb bietet es überraschend viel Restkomfort.
Doch wehe, man wechselt in den Sport- oder gar den Race-Modus. Dann fällt der Wagen plötzlich vier Zentimeter tiefer, die aktive Aerodynamik schaltet auf Action, die Klappen etwa in den Radkästen öffnen sich und der AMG One kennt kein Halten mehr. Wie mit dem Magnet und nicht nur mit den Michelin Cup-Reifen auf die Fahrbahn gepappt, schießt er davon wie eine Rakete. Er erlaubt mehr Querkräfte, als man ohne Bodybuilding aushält.
Beschleunigung wie beim Katapultstart, Fliehkräfte wie auf der Achterbahn und eine Verzögerung fast wie im Crashtest - hier ist der Mensch der limitierende Faktor und nicht die Maschine. Man sehnt sich deshalb förmlich nach dem nächsten Ortsschild, wenn die Raserei notgedrungen ein Ende hat.
Und wenn der Überflieger dabei kurz in den E-Modus zurückfällt ist, das auch kein Schaden, weil man dann nicht nur durchschnaufen kann, sondern sein eigenes Wort wieder versteht. Nicht umsonst hat Mercedes maßgeschneiderte Ohrstöpsel ins Auto gelegt.
Ein Auto zum Verzweifeln
Es gibt sicher Supersportwagen, die ähnliche Fahrleistungen für weniger Geld bieten, dabei auch noch bequemer sind und einem nicht allein mit ihrem Lärm den Verstand rauben. Doch egal, ob der 16-Zylinder eines Bugatti Chiron oder die vier E-Motoren eine Rimac Nevera - kein Antrieb ist so faszinierend wie der des AMG One. Selbst wenn Mercedes an der Entwicklung fast verzweifelt wäre.
Denn die Schwaben haben länger gebraucht als geplant, müssen jetzt noch ständig nachbessern, mussten zwei brennende Kundenfahrzeuge verkraften und einen Rückruf einleiten. Trotzdem ist es deshalb eine reife Leistung, einen Formel-1-Antrieb auf die Straße gebracht zu haben.
Denn während die Herren Formel-1-Fahrer im Zeichen des Stern Russel und Antonelli ein Heer von Ingenieuren haben, die ihren Motor am Rennwochenende in stundenlangen Prozeduren zum Laufen bringen, startet das gleiche Triebwerk im AMG One fast so einfach wie der Vierzylinder in einer A-Klasse. Okay, wie der Diesel in einem Strich-Acht. Denn ein bisschen Zeit zum Vorglühen braucht das Hightech-Triebwerk am Ende doch, damit es die strengen Schadstoffnormen erfüllt.
Ultimativer Traum und Museumsmagnet
So wird der AMG One für Technik-Freaks und Formel-1-Fans zum ultimativen Traumwagen - und wird es für die meisten - selbst für die Reichen unter ihnen - auch bleiben. Denn erstens ist mit 3,3 Millionen Euro eben nicht nur fast prohibitiv teuer. Sondern gibt es zweitens nur 275 Exemplare und die sind längst alle verkauft und in irgendwelchen Schatzkammern verräumt.
Doch eine gute Nachricht am Ende: In Museen wie der Loh Collection kann man diesem Traum zumindest kurz etwas näher kommen. Und gemessen am Kaufpreis sind die 21 Euro fürs Ticket ein Klacks.
Datenblatt: Mercedes-AMG One
| Motor und Antrieb: | V6-Turbobenziner als Plug-in-Hybrid mit drei E-Motoren |
| Hubraum: | 1599 ccm |
| Max. Leistung E-Motoren | Verbrenner |System: | 450 kW/611 PS | 422 kW /574 PS | 782 kW/1063 PS |
| Max. Drehmoment: | k.A. |
| Antrieb: | Allradantrieb |
| Getriebe: | Automatisiertes 7-Gang-Getriebe |
| Maße und Gewichte | |
| Länge: | 4.756 mm |
| Breite: | 2.010 mm |
| Höhe: | 1.261 mm |
| Radstand: | 2.720 mm |
| Leergewicht: | 1.695 |
| Zuladung: | k.A. |
| Kofferraumvolumen: | k.A. |
| Fahrdaten: | |
| Höchstgeschwindigkeit: | 352 km/h |
| Beschleunigung 0-100 km/h: | 2,9 s |
| Durchschnittsverbrauch: | 8,7 Liter/100 km |
| Elektrische Reichweite: | 18,1 km |
| CO2-Emission: | 198 g/km |
| Kraftstoff: | Super |
| Schadstoffklasse: | Eu6 |
| Energieeffizienzklasse: | k.A. |
| Kosten: | |
| Basispreis des AMG One: | 3.272.500 Euro |
| Typklassen: | k.A. |
| Kfz-Steuer: | k.A. Euro/Jahr |





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