Zeitspuren vor der Haustür
In Bad Rappenau ist der neue Heimatbote mit heimatgeschichtlichen Beiträgen vorgestellt worden. Die Recherchen sind für die ehrenamtlichen Autoren mitunter sehr aufwändig.

So manche Rappenauer haben in ihren Kleiderschränken tief hinten drin vielleicht noch Unterwäsche von Benger-Ribana liegen – vermutlich sogar, ohne es zu wissen. Jener Firma, die im 19. Jahrhundert zu einer großen deutschen Textilfabrik heranwuchs und im Jahr 1963 ihren Firmensitz unter dem Wilhelm Benger Söhne von Stuttgart nach Bad Rappenau verlegte. Im neuen Heimatboten ist die Unternehmenshistorie zusammengefasst, außerdem erinnern sich Zeitzeugen an den Arbeitgeber, bei dem bis zur Insolvenz 1983 zeitweise 500 Menschen angestellt waren.
20 Autoren beschäftigen sich in der jetzt erschienen 37. Ausgabe des Heimatboten-Magazins, das gemeinsam von der Stadt Bad Rappenau und dem örtlichen Heimat- und Museumsverein herausgegeben wird. Vereinsvorsitzender Erich Schuh (77) sagt bei der Vorstellung des Hefts am Mittwoch im Rathaus, der Reiz für viele Autoren liege darin, „in Dingen zu forschen, die anderen vielleicht verschlossen sind“. Beiträge über Themen wie Benger-Ribana seien natürlich besonders Nah am Puls vieler, weil sie eine persönliche Verbindung dazu haben. „So treffen wir den Nerv der Bürger. Wenn sie mit den Themen selbst noch etwas anfangen können.“
Benger-Ribana-Modeschau im Solefreibad
Zum einen werde am Beispiel Benger-Ribana die Schnelllebigkeit der Zeit deutlich, auf der anderen Seite gehe es um Erinnerung. Der Beitrag von Stadtarchivarin Regina Thies und ihrem Mann Reinhard ist mit Fotos aus der damaligen Unterwäsche- und Bademoden-Kollektion bebildert, auch eine Szene bei einer mehr als gut besuchten Modenschau im Solefreibad ist zu sehen.
Das Ehepaar Thies habe als Autorenteam für den Heimatboten „Blut geleckt“, sagt Erich Schuh und lacht. „Es gibt so viele Ideen für Beiträge.“ Fürs kommende Jahr liege sogar bereits ein fertiger Artikel vor, sagt Rathausmitarbeiterin Eva Goldfuß-Siedl. „Ohne Leidenschaft geht es nicht.“
Die Recherchen sind mitunter äußert aufwändig. So beschäftigte sich Erich Schuh mit der Frage, was das Wasserschloss mit dem Widerstand im Dritten Reich zu tun hatte. Nachforschungen über die Familiengeschichte der von Gemmingens führten ihn zu Max-Ulrich von Drechsel, einem Onkel von Pater Eberhard von Gemmingen und einem Widerstandskämpfer im Dritten Reich. Im Regenstauf im Landkreis Regensburg ist eine Realschule nach von Drechsel benannt. Erich Schuh fuhr hin, sprach mit Nachfahren, machte Fotos. „Das hat wirklich Freude gemacht.“
Corona-Rückblick: Im Freibad wurde eine Schwimmrichtung vorgegeben
Die Beiträge im Heimatboten befassen sich mit geschichtlichen Ereignissen in ganz unterschiedlichen Zeiträumen, hebt Schuh hervor. „Die Spanne reicht von 4000 bis 6000 Jahren.“ Frühgeschichtliches sei ebenso von Interesse wie zum Beispiel ein Beitrag über das Solefreibad und die Umbaumaßnahmen seit den 90 Jahren, ebenso wie der Badebetrieb während der Corona-Pandemie. Die Beachvolleyballanlage im hinteren Liegebereich des Freibads gibt es schon seit mehr als 25 Jahren! Autorin Verena Gold berichtet über „ein nicht so schönes Kapitel“ der Schwimmbadgeschichte, als Corona zu kuriosen Beschränkungen des Alltags geführt habe, „die auch vor dem Badevergnügen keinen Halt gemacht haben“.
So führt Gold eine Pressemitteilung auf, die im Mai 2020 von der Stadt Bad Rappenau herausgegeben wurde. Für manch einen mag es wirken, als wäre das schon Jahrzehnte her. Von einer Einbahnstraßen-Regelung in den Umkleiden ist die Rede und von einer vorgegebenen Schwimmrichtung entgegen dem Uhrzeigersinn.
Ebenfalls die jüngere Geschichte behandelt Hubert Waldenberger. Er fasst detailliert zusammen, wie es in Zimmerhof zum Bau des Lebensmittelmarkts Norma kam, der am 26. Juni 2023 seine Tür öffnete. Heimatsvereins-Vorsitzendem Schuh, der selbst in Treschklingen lebt, ist es ein besonderes Anliegen, Recherchen in Ortsteilen zu fördern.

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