Stimme+
Lost Place erwacht
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Neues Leben in der Richener Spritfabrik

   | 
Lesezeit  2 Min
audio Anhören
Erfolgreich kopiert!

Metallbau, Floristik, Braukunst: Die stillgelegte Richener Zuckermelasse-Destillerie wird zur Handwerks-Kolonie. Das ist der besondere Charme der Spritfabrik:

Braut Bier nach dem Champagner-Verfahren: Gerald Strauß, Werbefachmann und Inhaber der Bierbrau-Manufaktur Vater-Strauss, ist seit Frühjahr im Industriedenkmal.
Fotos: Jörg Kühl
Braut Bier nach dem Champagner-Verfahren: Gerald Strauß, Werbefachmann und Inhaber der Bierbrau-Manufaktur Vater-Strauss, ist seit Frühjahr im Industriedenkmal. Fotos: Jörg Kühl  Foto: Kühl, Jörg

In der ehemaligen Spritfabrik in Richen zieht immer mehr Leben ein. Schnaps wird in der stillgelegten Großanlage zwar seit 2008 nicht mehr produziert, dafür seit Kurzem Bier. Die Braumanufaktur Vater-Strauss mit Wurzeln in Gemmingen ist auf dem Betriebsgelände der ehemaligen Alkohol-Destille Hans Wiessner GmbH sesshaft geworden. Den Personaltrakt, der aufgrund der Sanitärräume teilweise gekachelt ist, hat der Brauer als geeignet erkannt. Edelstahlbehälter, Maischetopf, Gärtank und andere Ausrüstungsteile fanden Platz in dem Nebengebäude der industriellen Großdestille.

Was die Brauerei Vater-Strauss mit Champagner zu tun hat

Im Januar erfolgte der Umzug aus den Räumlichkeiten in Gemmingen, die Gerald Strauss bis dahin mit Clemens Stiefvater gemeinsam fürs Biermachen genutzt hatte. In Richen ist Gerald Strauss nun brautechnisch auf Solopfaden unterwegs. „Den ersten Sud habe ich hier im Mai angesetzt“, berichtet der 56-Jährige, der als weiteres berufliches Standbein eine Werbeagentur führt. Sein Bier produziert er nach dem Champagnerverfahren, das bedeutet, die Kohlensäure entsteht in der Flasche.

Die wichtigste Bierart für die junge Braumanufaktur ist das Helle. „Unsere Cashcow“, sagt Strauss dazu. Das Helle wird ganzjährig hergestellt, ebenso wie das Pils. Nicht jeden Tag angesetzt wird ein Weizen. Nur in der kalten Jahreszeit gibt es das Winterbier: ein heller Bock mit 7 Grad Stammwürze.

120 Jahre Spritfabrik Richen: Warum sie gerade hier entstand

Geschichte Gerald Strauss würde nicht so weit gehen zu behaupten, das Bierbrauen sei ihm in die Wiege gelegt. Doch die Geschichte seiner Vorfahren passt ganz gut in die Legende: „Mein Vater stammt aus dem Böhmerwald, meine Großeltern hatten sich beim Hopfenpflücken in der Hallertau kennengelernt.“ Mit dem Brauen hat der 56-Jährige bald zehn Jahre Erfahrung.

Den ersten Sud hatte er mit seinem damaligen Kollegen 2016 angesetzt. 2018 erfolgt der erste öffentliche Ausschank im Rahmen des Gemminger Parkfestes. Ein weiteres Jubiläum feiert der Werbegrafiker mit einer selbst gestalteten Postkarte. Sie zeigt eine hübsche Luftansicht der Örtlichkeit und darunter „120 Jahre Spritfabrik Richen“. Die Destillationsanlage entstand damals sechs Jahre, nachdem die Bahnverbindung zwischen Eppingen und Steinsfurt eröffnet worden war.

Im alten Alkohol-Labor entstehen jetzt Blumengebinde

Während Gerald Strauß im Nebengebäude der Destille sein Geschäft betreibt, hat sich Jasmin Zapf in der alten Spritfabrik selbst niedergelassen. Die 39-Jährige betreibt in den historischen Räumlichkeiten das Floristik-Studio Min, benannt nach den drei letzten Buchstaben ihres Vornamens. Seit März 2024 ist die Meisterfloristin nun schon in der Immobilie, die ihr Schwiegervater Klaus-Peter Ehehalt 2012 erworben hat. Gemeinsam mit ihrem Mann Fabian Ehehalt, der als Architekt arbeitet, hat sie die Räume substanzwahrend umgestaltet. Dabei blieben einige der funktionalen Gebäudestrukturen erhalten. Markanter Blickfang ist der Spültisch des Labors, in dem der Reinheitsgehalt des hergestellten Industriealkohols regelmäßig geprüft wurde. Fabian Ehehalt hat auch die Decke, die ein Tonnengewölbe ziert, wieder freigelegt.

Wie Hanns-Henning Christofel mit Klaus-Peter Ehehalt an einem Traum arbeitet

Als erster Nutzer der stillgelegten Spritfabrik hatte übrigens Hanns-Henning Christofel vor 13 Jahren angefangen, den weithin sichtbaren Industrie-Monolith zu beleben. Der Metallgestalter, Mitglied des Gemminger Kulturvereins Kukuk, nutzt den reichlichen Platz zur Produktion von handwerklich aufwändig gestalteten Gegenständen wie Gartenmöbel oder Interieur.

Brauerei, Floristik, Metallgestaltung: Klaus-Peter Ehehalt ist seinem Traum, in der alten Spritfabrik eine kleine Kolonie von Kunst und Handwerk zu etablieren, ein Stück nähergekommen. Wer einen Blick in das imposante Industriedenkmal werfen möchte, kann dies bei einem Glas Bier tun: Die Brauerei Vater-Strauss ist samstags von 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet.

Jasmin Zapf, Floristik-Meisterin und Inhaberin des Studio Min, ist seit März 2024 in der ehemaligen Spritfabrik Richen.
Jasmin Zapf, Floristik-Meisterin und Inhaberin des Studio Min, ist seit März 2024 in der ehemaligen Spritfabrik Richen.  Foto: Kühl, Jörg
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben