Vor 30 Jahren verschwand bei Ittlingen ein Gleis, das man heute bräuchte
Vor 30 Jahren wurde bei Ittlingen ein zweiter Schienenstrang ausgebaut. Was damals wie ein Gebot der Zeit schien, klingt heute absurd. Denn das fehlende Gleis verhindert heute, dass der S-Bahn-Takt zwischen Eppingen und Heidelberg enger wird.

Seit zehn Jahren verbindet die moderne S-Bahn Eppingen mit Heidelberg. Ein zweites Jubiläum gibt weniger Anlass zur Freude: Vor 30 Jahren wurde das zweite Gleis bei Ittlingen ausgebaut. Heute verhindert genau dieser Engpass den besseren S-Bahn-Takt, den sich die Kommunen im Oberen Elsenztal so dringend wünschen.
Das Buch "Eppinger Eisenbahngeschichte(n)" ist eine wahre Fundgrube. In dem Werk, das Ulrich Merz kürzlich in einer Reihe der Heimatfreunde herausgegeben hat, sind auch viele Bilder jener Schienenbusse zu sehen, die in den 50er Jahren als "Retter der Nebenstrecken" groß in Mode kamen.
Forderungen nach besserem Fahrplan
Ein Foto zeigt den Bus gleich doppelt, daneben der Ittlinger Bahnhof, der damals noch mit einem zweiten Gleis ausgestattet war und sich Kreuzungsbahnhof nennen durfte. Es lief nicht recht auf der Schiene im Elsenztal, die Deutsche Bahn wollte die Strecke 1976 dicht machen. Die Gemeinden protestierten. Trotzdem schien die Rationalisierung unausweichlich, wie der Eppinger Ulrich Merz recherchiert hat. Im Herbst 1989, vor 30 Jahren, wurde in Ittlingen das zweite Gleis ausgebaut, zwei Weichen verschwanden. Das Elsenztaldorf hatte keinen Bahnhof mehr, sondern formal nur noch einen Haltepunkt.
Damals ein Gebot der Zeit, scheint die Entgleisung im Elsenztal aus heutiger Sicht absurd. Seit Dezember 2009 fährt die S-Bahn zwischen Eppingen, Sinsheim und Heidelberg. Und seither lassen Eppingen und Ittlingen, die sich mit erheblichen Summen an der Elektrifizierung der Strecke beteiligt haben, keine Gelegenheit aus, einen besseren Fahrplan zu fordern.
Wertschätzung des Verkehrsmittels Bahn verändert sich
Die S-Bahn fährt in der Regel jede Stunde, die Kommunen wollen einen Halbstunden-Takt und blitzen damit regelmäßig beim Verkehrsministerium des Landes ab. Die Infrastruktur gebe einen engeren Takt nicht her. Dazu bräuchte es ein Ausweichgleis − jenes Gleis, das man vor 30 Jahren in Ittlingen für überflüssig befand. Die Strecke wieder auszubauen, wäre mit hohen Kosten verbunden, betont das Land, das keine entsprechenden Absichten hegt.
So ist die Episode in Ulrich Merz' Eisenbahnbuch eine von vielen, die zeigt, wie wechselhaft die Wertschätzung des Verkehrsmittels Bahn ist. Im Jahr 1954 waren die Kraichgauer hellauf begeistert, als die Schienenbusse die Dampfzüge ersetzten. "Durch das herrliche Elsenztal fuhren die Fahrgäste der Bundesbahn im schönen Schienenbus mit Anhänger", schrieb die Eppinger Zeitung am 24. Mai 1954.
Der sogenannte Uerdinger Schienenbus war auf der Strecke bis Ende der 80er Jahre unterwegs. Bahn-Nostalgiker können die Gefährte heute noch auf der Krebsbachtalbahn erleben, wo sie zwischen Mai und Oktober an manchen Tagen von Hüffenhardt nach Neckarbischofsheim unterwegs sind.
Im Oberen Elsenztal fährt längst die S-Bahn und arrangiert sich mit dem einen Gleis. Das zweite kommt so schnell nicht wieder.
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