Viele Schritte bis zur Ankunft

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Bad Rappenau - Sprachschule Mutig engagiert sich auch für die Integration ihrer Schüler

Von Ulrike Plapp-Schirmer

Seit fünf Jahren gibt es die Sprachschule von Lydia Mutig (sitzend, Dritte von links). Immer wieder gelingt es ihr, Schüler weiterzubringen.Foto: Ulrike Plapp-Schirmer
Seit fünf Jahren gibt es die Sprachschule von Lydia Mutig (sitzend, Dritte von links). Immer wieder gelingt es ihr, Schüler weiterzubringen.Foto: Ulrike Plapp-Schirmer

Bad Rappenau - Mutig. Der Name ihres Mannes habe ihr anfangs gar nicht gefallen, erzählt sie. Viel deutscher erschienen ihr Namen wie Müller oder Schmidt. Doch dann kam Lydia Mutig von Kasachstan nach Deutschland, und hier lernte sie ihren Namen erst richtig zu schätzen. Mutig ging die Pädagogin ihr neues Leben an. Nach elf Jahren erfüllte sie sich den Traum von einer eigenen Sprachschule.

Fleiß

Lydia Mutig kennt die Geschichten, die die Frauen und Männer aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Polen, Thailand, Indien oder der Türkei erzählen, denn sie ähneln ihrer eigenen Geschichte. Elf Jahre lang ging sie putzen und legte jeden selbstverdienten Cent zur Seite. "Niemand hat mir den Schlüssel zu dieser Schule in die Hand gegeben", sagt sie. Lydia Mutig weiß, wie schwer es vor allem älteren Migranten fällt, Deutsch zu lernen. Sie macht ihren Schützlingen nicht nur Mut, sie fordert sie auch zur Eigeninitiative auf: "Sie müssen selbst laufen lernen." Die Beherrschung der Sprache sei ein erster Schritt.

Das Engagement der Lehrerin geht über den Unterricht hinaus. Sie hört zu, berät, hilft beim Ausfüllen eines Formulars: "Ich finde für jeden Zeit", sagt sie. Die Schule sei ihr Leben: Am kommenden Montag, 25. Oktober, feiert sie ihr fünfjähriges Bestehen. Und manch einer, der hier seine ersten Schritte in deutscher Sprache, deutscher Geschichte und deutscher Kultur gegangen ist, hat Fuß gefasst und eine qualifizierte Arbeit gefunden. "Die zum Kurs kommen, wollen sich schnell anpassen", meint Lydia Mutig. Dass ausländische Diplome von Fachkräften mit Migrationshintergrund oft nicht anerkannt werden, erklärt sie zu einem großen Problem.

Unsichtbar

Alexander Petri lebt seit 1996 in Deutschland. Er hatte von Anfang an Arbeit, deshalb blieb ihm keine Zeit zum Lernen. Jetzt ist er arbeitslos, und das Bundesamt für Migranten und Flüchtlinge schickte ihn zum Integrationskurs. "Warum nicht gleich?", fragt Petri. Als er das erste Mal arbeitslos war, habe er selbst nach einem Sprachkurs gefragt, doch Kurse wie dieser werden erst seit 2005 bezahlt. Selbst einen Kurs zu finanzieren − dazu fehlte Petri das Geld. Und so hat auch die Kurdin Sara Bilgi 18 Jahre in Deutschland verbracht, ohne Möglichkeit, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Drei Kinder zog sie groß, doch sie selbst blieb unsichtbar. Seit April ist sie jeden Tag zwischen 8 und 12 Uhr in Rappenau, in einer Gruppe Gleichgesinnter.

Während oben gelernt wird, werden die Kinder der jüngeren Teilnehmerinnen unten betreut. Anders würde es bei den meisten nicht gehen: "Ich bin sehr froh, dass ich diese Schule besuchen kann", sagt die Tschechin Hana Strnadova. Dass ihre Kinder gut versorgt sind, ist ihr wichtig. Wie sonst bekäme sie den Kopf frei, eine so schwierige Sprache wie Deutsch zu lernen?

Lydia Mutig geht es besonders gut, wenn sie Menschen mit Migrationshintergrund trifft, die es geschafft haben. Sie glaubt, ein Ausländerbeirat mit Vertretern von Stadt, Gemeinderat, Jugendamt, Vereinen und ihrer Schule könnte helfen, Migranten schneller zu integrieren. Mutig hofft, mit ihrer Idee Gehör zu finden. Aufgeben wird sie nie: Sie weiß, dass man jede Tag viele Schritte gehen muss − um anzukommen.

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