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Bad Rappenau
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Rezepte nur noch durchs Fenster

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Dr. Geza Szalay aus Bad Rappenau-Obergimpern hält den Praxisbetrieb auf ungewöhnliche Art und Weise am Laufen.

Annegret Strohm-Fuchß holt im Auftrag einer Apotheke bei Dr. Geza Szalay in Obergimpern am Fenster Rezepte ab.
 Foto: Adrian Hoffmann
Annegret Strohm-Fuchß holt im Auftrag einer Apotheke bei Dr. Geza Szalay in Obergimpern am Fenster Rezepte ab. Foto: Adrian Hoffmann  Foto: Hoffmann, Adrian

Das Angebot, Rezepte am Fenster der Praxis abholen zu können, kommt bei vielen Patienten von Allgemeinarzt Dr. Geza Szalay aus Bad Rappenau-Obergimpern gut an. Für Szalay selbst ist die Maßnahme ein Schutz der Patienten - sie dient aber auch zum eigenen Schutz und zum Schutz seiner Familie.

Wenn Ärzte bei der Pandemie noch immer von Hysterie sprechen, könne er das nicht verstehen, sagt Dr. Szalay. "Ich nehme das alles sehr ernst, und wie viele Ärzte fühle ich mich allein gelassen." Die Schutzmaßnahmen, die er treffen könne, seien nicht ausreichend. Er trage einen Mundschutz, der möglicherweise gar nicht effektiv sei, nur "damit ich mich selbst beruhige". Aber besseres Material sei derzeit nicht zu bekommen.

Mögliche Covid-19-Patienten überweist Szalay ans Gesundheitsamt. Er lässt sich am Fenster die Symptome schildern und auf dieser Basis trifft er seine Entscheidung. "Es geht halt momentan nicht mehr, dass ich jemanden abhöre", erklärt Szalay - auch aus dem Fenster heraus nicht.

Verbesserte Arbeitsbedingungen statt Applaus

Der Mediziner ist der Ansicht, dass Deutschland erst am Beginn steht. Aus seiner Sicht würden Krankenschwestern und Pflegekräfte in Seniorenheimen regelrecht als "Kanonenfutter" verwendet. Mancherorts sei es aufgrund von Materialknappheit Personal in der Krankenpflege sogar untersagt, Mundschutz zu tragen. "Arbeitsrechtlich geht das sicher nicht, aber klagen Sie doch mal dagegen", so Szalay. "Die, die das ganze System am Leben erhalten, werden letztlich bestraft." Es brauche da kein solidarisches In-die-Hände-Klatschen, sondern verbesserte Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und in der Krankenpflege im Allgemeinen sowie mehr und bessere Schutzkleidung. Mit dem Sparkurs schlittere man in etwas ganz Schlimmes hinein. Er hätte nicht gedacht, dass die Ausgabe von Paracetamol einmal dosiert werden müsse.

Auch jüngere Menschen könnten betroffen sein

Insbesondere jüngere Menschen nähmen die Krankheit zu wenig ernst, sagt Geza Szalay. Es könnte zu Lungenfibrosen kommen - eine Veränderung des Lungengewebes, wodurch die Lunge verhärtet und vernarbt. Erste erkennbare Anzeichen einer Lungenfibrose sind Atemnot und trockener Reizhusten. Die Kapazität der Lunge werde durch eine Fibrose eingeschränkt, erklärt der Arzt. "Es ist falsch zu sagen, dass jungen Menschen nichts passiert." Eine Grippe hätten alle schon einmal durchgemacht, aber gegen Covid-19 hätten die Menschen noch keine Antikörper entwickelt. Wenn die ersten Patienten, die mehr als 80 Jahre alt seien, nicht mehr beatmet werden könnten, weil jüngere Patienten den Vorzug bekommen - dann werde die Aufregung groß sein.

In seiner Praxis in Obergimpern versuche er das Beste aus der Situation zu machen, so Szalay. Seine Frau helfe auch mit, halte sich aber im Hintergrund. Sie möchten auch ihre Angehörigen nicht anstecken. Inzwischen habe sich die Krankheit so stark weiter verbreitet, dass "jeder getestet werden müsste".

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