Nach Waffen- und Chemikalienfund: Rätsel um "Bergbau-König" aus Kirchardt
Vor knapp zwei Wochen fanden Polizisten im Haus eines 79-Jährigen in Kirchardt Waffen und Chemikalien. Der Senior macht wegen hoher Altlasten auch in Sachsen-Anhalt Schlagzeilen – als "verschwundener Bergbau-König".

Vom verschwundenen "Minen-Millionär" ist in Medienberichten aus Sachsen-Anhalt die Rede, gar vom einstigen "Bergbau-König" – gemeint ist der 79-jährige Senior Jürgen R., in dessen Haus in Kirchardt vor knapp zwei Wochen die Polizei mit einem größeren Aufgebot zugange war. Der Mann ist noch heute als Geschäftsführer der Kaolin- und Tonwerke Salzmünde GmbH im Saalekreis eingetragen. Dabei steht der Tagebau dort seit fünf Jahren still.

Das Anwesen im Industriegebiet "Wimpfener Grund" in Kirchardt sieht nicht gerade nach Millionärsvilla aus. Ganz im Widerspruch dazu stehen die Recherchen verschiedener Medien, wonach Jürgen R. seit 1992 mit der Übernahme des Tagebaus Millionen gescheffelt haben soll. Jürgen R. selbst ist an seinem Haus nicht anzutreffen, obwohl er sich mutmaßlich darin aufhält. Die Tür bleibt ungeöffnet, wenn jemand klingelt. Vielleicht ist das aber weniger konspirativ zu sehen, sondern eher seinem gesundheitlichen Zustand geschuldet.
Offene Forderungen gegen früheren Tagebau-Chef aus Kirchardt
Das deutet auch eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Heilbronn an. "Möglicherweise auf Grund krankheitsbedingter Einschränkungen öffnete der Betroffene nicht selbst, sondern ein Schlosser die Türe", antwortet Mareike Hafendörfer auf eine Anfrage zum Besuch der Polizei bei dem Mann. Die Polizisten seien zur Vollstreckungshilfe für einen Gerichtsvollzieher dabei gewesen. Über die zu Grunde liegenden Forderungen, woher sie kommen und um welche Summen es geht, sei ihr nichts bekannt, so Hafendörfer.
Polizisten fanden an jenem Tag auch Waffen und Chemikalien in dem Haus und einer zugehörigen alten Industriehalle nebenan. Jürgen R. ist gelernter Chemie-Ingenieur. Wie die Polizei mitgeteilt hatte, befanden sich die Waffen legal im Besitz ihres Eigentümers. Es würden aber mögliche Verstöße gegen das Ausgangsstoffgesetz und das Sprengstoffgesetz geprüft.
Das Ausgangsstoffgesetz regelt in Deutschland unter anderem die Verwendung von Stoffen und Gemischen, die in ihrer Herstellung explosiv sein können. Was genau in Kirchardt lagerte, klärten die Behörden bislang nicht auf. Fakt ist: Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst waren vor Ort und führten auf einem Feld in der Nähe des Anwesens eine kontrollierte Sprengung aus.
Haus von Jürgen R. liegt versteckt in einem verwilderten Garten in Kirchardt
Nachbarn in Kirchardt berichten, R. bereits längere Zeit nicht mehr gesehen zu haben. Ein Pflegedienst fahre regelmäßig vor. Das Haus steht isoliert, liegt versteckt in einem verwilderten Garten. Medienberichte über Jürgen R. waren erst vor wenigen Wochen in Zeitungen in Sachsen-Anhalt erschienen. Im Format "MDR exakt" lief einer der Beiträge. R. habe durch sein "Abtauchen" vor wenigen Jahren ein Desaster hinterlassen, schilderten die Journalisten. Baugruben seien mit Wasser vollgelaufen. Es seien hohe Kosten durch Altlasten zu erwarten. Videoaufnahmen aus den früheren Tagebaubüros, die dem MDR vorliegen, zeigen ein Chaos aus Aktenbergen und Inventar.
Ehemalige Arbeitskollegen berichten, R. sei quasi über Nacht verschwunden. Lange war vielen in Salzmünde offenbar nicht klar, dass er sich nun wieder in Kirchardt aufhalten soll – obwohl manchen Angestellten der Kaolinwerke sein Wohnsitz im Landkreis Heilbronn bekannt war. Vor wenigen Wochen stand auch ein Reporterteam der Level4Films GmbH für den MDR an der Haustür von R., die Haustüre blieb zu.
Gruben in Sachsen-Anhalt gelten als nicht mehr sicher
Birgit Thurow aus Salzatal arbeitete viele Jahre lang als Finanzbuchhalterin der Kaolin- und Tonwerke. Wie ein weiterer Kollege habe sie offene und gerichtlich bestätigte Lohnforderungen an R., sagt die 64-Jährige im Gespräch mit der Heilbronner Stimme. Damit habe der Besuch des Gerichtsvollziehers aber sicher nichts zu tun, so Thurow. Andere Akteure hätten da mehr Einfluss.
Das Landesamt für Geologie und Bergwesen in Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Es stuft die Gruben als nicht mehr sicher ein. Die Frage, die sich stellt: Wer kommt für Sanierungskosten auf? Doch auch dort teilt eine Sprecherin mit: Bestrebungen des Landesamts stünden nicht hinter der Polizeiaktion. Thurow wünscht sich wie viele Menschen in der Region Halle eine Zukunft für den Tagebau. "Wenn die Werke doch bloß verkauft werden würden", sagt sie. "Es gibt bis heute Interessenten."
Kaolin wird unter anderem für Fliesenproduktion benötigt
Kaolin (auch Porzellanerde genannt) ist ein besonderer Stoff – ein weißes, feines und eisenfreies Gestein. Kaolin wird nicht nur in der Porzellanherstellung benötigt, sondern auch zur Produktion von Fliesen und Sanitärkeramik. Schon zu DDR-Zeiten wurde es in großen Mengen exportiert.
Nach der Wiedervereinigung übernahm die Treuhand die Kaolin- und Tonwerke Salzmünde. Zu Hochzeiten waren mehr als 500 Beschäftigte bei den Werken angestellt. Die Treuhand verkaufte Gruben und Schürfrechte im Jahr 1992 an den Kirchardter Geschäftsmann Jürgen R. - für den Preis von einer D-Mark. Der tatsächliche Wert, so das Rechercheergebnis des MDR, soll bei mehr als fünf Millionen Mark gelegen haben.

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