Premiere im Krebsbachtal: Roter Flitzer ist am Zug
Schienenbus mit Radabteil und Bewirtung erstmalsauf Nebenstrecke im Einsatz − Zukunft der Trasse weiter ungewiss

Neuer Farbtupfer im Krebsbachtal: Der Schienenbus namens Roter Flitzer pendelt seit gestern sonn-, feiertags und manchmal mittwochs auf der Nebenstrecke durch den Kraichgau. Am Samstag fuhr der Oldtimer von Stuttgart aus an seine neue Wirkungsstätte. Rot ist Trumpf in der Ausflugssaison. Die Signale für die Trasse dauerhaft auf Grün zu stellen, wäre Sache des Landes. Ausgang weiter ungewiss.
Blumenpflücken Ulrich Steuer wippt in den Knien und imitiert den holpernden Takt des Schienenbusses, der sich durchs Krebsbachtal bewegt. "Das ist einfach eine geniale Strecke." Der Bahnfreund ist beim Förderverein Schienenbus Kornwestheim aktiv. Dort ist der Rote Flitzer gewöhnlich stationiert, um auf Charter- und Ausflugsfahrten durchs ganze Land zu starten. Bis Oktober sind zwei Flitzer-Wagen fest auf der Nebenstrecke zwischen Neckarbischofsheim Nord und Hüffenhardt gebucht − die freundschaftlichen Verbindungen der Kornwestheimer zum Förderverein Krebsbachtalbahn machen es möglich. Und Ulrich Steuer findet es toll. Im Dienste der Bahn hat er viele Schienestränge bereist. "Das hier ist etwas Besonderes", sagt er und ruft durch den Wagen: "Blumenpflücken während der Fahrt erlaubt." Möglich wäre das, so gemütlich passiert das Gespann Wiesen und Pferdekoppeln. In den Orten geht es ganz dicht an Wohnhäusern vorbei.
Ein paar Dutzend Fahrgäste der Überführungsfahrt bekommen am Samstag eine seltene Zugabe geboten. Bevor der Schienenbus aus den 60er Jahren ins Krebsbachtal einbiegt, absolviert er ziemlich zügig die Strecke von der Landeshauptstadt über Heilbronn, Bad Wimpfen, Bad Rappenau und Sinsheim − Ausblicke auf Weinberge und Neckar inklusive. Der Oldtimer sei "herrlich in Schuss", betont Hans-Joachim Vogt, Vorsitzender des Krebsbachtalbahn-Vereins am Samstag bei der Zugtaufe in Hüffenhardt. Per Sektdusche wurde dem Gefährt der Name "Krebsbachtäler" verpasst. Das etwas jüngere Gespann aus der Krefelder Uerdinger-Fabrik ist vielleicht nicht so urig wie der Esslinger Triebwagen, der früher durchs Krebsbachtal fuhr. Dafür hat er einige Vorteile: Die Sitze haben Polster, vorbei die Zeiten der Holzklasse. An Bord gibt es eine Bewirtung, und ein Wagen ist so umgebaut, dass Platz für mehrere Fahrräder bleibt. In Broschüren wird die Trasse als eine der acht baden-württembergischen Radexpress-Linien beworben. Es ist das siebte Jahr mit Ausflugsfahrten im Krebsbachtal. "Aber nicht das verflixte siebte", hofft Vogt, "das hatten wir schon 2015." Zugausfälle, Streiks und schlechtes Wetter verhagelten den Eisenbahnfreunden die Saison, nachdem sie zuletzt erfolgsverwöhnt waren.
Zeit drängt Die Fahrgastzahlen auf der Ausflugsbahn waren davor stetig gestiegen und nährten die Hoffnung, dass bald wieder ein Regelbetrieb im Krebsbachtal möglich ist. Ein Testlauf über zwei Wochen, als moderne Züge Schüler zum Unterricht brachten, war ein voller Erfolg. Alle Beteiligten waren zuversichtlich, dass das Stuttgarter Verkehrsministerium die Weichen für die Zukunft der Bahn stellt. "Leider konnte man sich noch nicht dazu durchringen", bedauert Gerhard Schnaitmann von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg, der als Reiseleiter der Eisenbahnfreunde an Bord war. Die Zeit drängt, meint der Experte. Demnächst stünden teure Investitionen in Bahnübergänge an. "Nur mit Ausflugsverkehr hat man da schlechte Karten." Schon bald − Schnaitmann nennt das Jahr 2017 − sei ein Signal nötig, ob es die Perspektive Regelbetrieb gibt.
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