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Nach Unwetter: Rettung in letzter Sekunde

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Das Unwetter vom vergangenen Samstag hat in Eppingen verheerende Schäden angerichtet. Dass es kein Todesopfer gab, ist glücklichen Umständen zu verdanken. Ein Betroffener erzählt, wie er sich in letzter Sekunde rettete.

Von unserem Redakteur Alexander Hettich
Das Bild vom Samstag zeigt, dass Wasser teilweise hüfthoch in tieferliegenden Garagen stand. Foto: Franz Theuer
Das Bild vom Samstag zeigt, dass Wasser teilweise hüfthoch in tieferliegenden Garagen stand. Foto: Franz Theuer

Die Aufräumarbeiten gehen weiter, die Bilanz wird klarer. Nach derzeitigem Stand wurden 177 Gebäude durch Überschwemmungen beschädigt, 778 Bürger sind direkt betroffen.

Diese Zahlen nannte Bürgermeister Peter Thalmann am Dienstag im Technischen Ausschuss des Gemeinderats, nachdem am Wochenende wohl eines der schlimmsten Unwetter überhaupt über der Stadt niedergegangen war.

Die Nordstadt rund um die Tal-, Orchideen-, Emil-Thoma- und Bräunlingstraße hat es besonders erwischt, wie auch den Stadtteil Adelshofen.

Die Schäden gehen in die Millionen, sind aber noch nicht zu beziffern. Rund 1000 Kubikmeter verschlammter Müll, unbrauchbares Mobiliar und andere Einrichtungsgegenstände sind abtransportiert - genug, um das Eppinger Hallenbadbecken eineinhalb Mal zu füllen.

Doch das sind abstrakte Zahlen. Was passiert ist und wie eng Eppingen daran vorbeischrammte, Todesopfer beklagen zu müssen, zeigt die Geschichte von Franz Lang. "Ich hab alles verloren", erzählt der 73-Jährige, "jetzt geht es bei Null los."

Aber er ist am Leben. Und es war knapp. Samstagnacht um 1 Uhr wacht Lang in seiner Souterrainwohnung in der Talstraße auf. Er muss zur Toilette, das rettet ihn wahrscheinlich. "Aus Toilette und Badabfluss schoss das Wasser in einem Strahl an die Decke", berichtet er. Lang schließt die Tür zum Badezimmer, geht zur Wohnungstür, als diese plötzlich von Schlamm und Wasser eingedrückt wird. "Alles auf mich drauf."

Lang strauchelt, fällt über Möbel, reißt im Fallen eine Holztrennwand ein. Das Wasser steigt, "in Nullkommanix", auf 90 Zentimeter. 1, 20 Meter, 1,50 Meter. Lang müht sich, nach draußen zu kommen, da schwimmt eine Mülltonne auf ihn zu. Mitten in seiner Wohnung. "Ich dachte, wenn mich die erwischt, ist es aus." Letztlich erwischt der 73-Jährige mit der Hand den Türrahmen, kann sich nach draußen ziehen. Gerettet. Aber alles, was in der Wohnung war, ist hin. Möbel, Wertsachen, Dokumente.

 


 

Nachbarn nehmen den Eppinger sofort auf, geben ihm trockene Kleider. Die Nacht verbringt er in einer Unterkunft der Stadt, mittlerweile wohnt er bei Verwandten. Der Schock sitzt tief, aber auch die Rührung über die Hilfsbereitschaft. "Die Feuerwehrleute", sagt Lang, "haben Übermenschliches geleistet."

Eine Frau spricht Lang auf der Straße an. "Sie hat gesagt: Was brauchen Sie, ich gehe es kaufen?" Der 73-Jährige bitte um einen Kamm und eine Haarbürste. Sie bring noch einiges mehr. Als Modehändler Oliver Spiess von der Geschichte erfährt, erzählt Lang, schenkt er ihm neue Kleider und Gutscheine. "Die ganze Geschichte habe ich jetzt schon 20 Mal erzählt", sagt Lang. Er tut es gerne wieder. Die Solidarität hat ihn beeindruckt.

Die Aufarbeitung des Unwetters wird die ganze Stadt noch einige Zeit beschäftigen. Das Netz von Hochwasserschutzbecken scheint seinen Dienst getan zu haben. Wenn so viel Wasser in so kurzer Zeit niedergeht, sei dem keine Kanalisation und kein Hochwasserbecken gewachsen, heißt es seitens der Stadt. Offenbar wirkte gerade die Bräunlingstraße "wie ein Trichter", regte SPD-Stadrat Michael Mairhofer Überlegungen an, ob man hier nachrüsten kann. Auch Fragen der Fruchtfolge und der Anbaukulturen auf umliegenden Äckern will er - "ohne Schuldzuweisungen" - mit Landwirten diskutieren. Peter Wieser von den Grünen forderte eine breit angelegte Diskussion über die Gefahren der Bodenerosion.

Oberhalb der Bräunlingstraße liegen Zwiebel- und Möhrenäcker, aus denen der Schlamm gespült wurde. Möhren wachsen auf aufgelockerten Dämmen. "Die nehmen bei normalen Niederschlägen das Wasser gut auf", erläuterte Bürgermeister Peter Thalmann. Was Samstagnacht über Eppingen niederging, war alles andere als normal.

 

 

 

 

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