"Man muss sich entscheiden, was man feiert"

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Gemminger Kirchengemeinde bietet mit der Church Night am Reformationstag eine Alternative zu Halloween

Von unserer Redakteurin Tanja Ochs

Auch wenn es kein staatlicher Feiertag ist, ist der Reformationstag für Christen ein besonderer Tag. Mit verschiedenen Aktionen wie der Church Night erinnert die evangelische Kirche an die Reformation. Andernorts wird stattdessen heute Halloween gefeiert. Dass beides nichts miteinander zu tun hat, erklärt die Gemminger Pfarrerin Dr. Lynn Schnigula.

Ist der Reformationstag nach fast 500 Jahren überhaupt noch wichtig?

Lynn Schnigula: Für uns ist es ein sehr bedeutendes Datum. Martin Luther hat mit seinen 95 Thesen die Reformation eingeläutet. Der Reformationstag ermöglicht den Menschen, sich auf ihre evangelischen Wurzeln zu besinnen. Es ist heute wichtiger denn je, sich seiner religiösen Identität bewusst zu sein.

Wie stark ist Luthers Einfluss heute noch auf diese Identität?

Schnigula: Beides ist eng miteinander verbunden. Ich bin das beste Beispiel: Ohne Luther gäbe es keine Frauen im Amt. Er hat die Reformen innerhalb der Kirche angestoßen. Die Trennung von katholischer und evangelischer Kirche geht darauf zurück, und es wird wahrscheinlich nie mehr nur eine christliche Kirche geben, auch wenn wir inzwischen aufeinander zugehen.

In Gemmingen feiert die evangelische Gemeinde die Church Night mit einem Kirchenkino. Ist das besser als ein Gottesdienst anlässlich des Reformationstages?

Schnigula: Mit einem normalen Gottesdienst sprechen wir nur die an, die sich ohnehin mit der Kirche verbunden fühlen. Aber wir wollen bewusst ein Angebot machen, mit dem wir viele Menschen erreichen. So etwas wird es immer häufiger geben müssen. Außerdem kann man in einer Kirche viel mehr machen, als Gottesdienste zu feiern.

Wie sieht das aus?

Schnigula: Kirchenkino gibt es in Gemmingen seit einigen Jahren. Der Film in der Kirche beginnt um 19 Uhr, vorher und nachher gibt es ein geselliges Beisammensein. Der Eintritt ist frei. Das Motto der Church Night ist in diesem Jahr "Ein Teil des Ganzen", dazu passend hat die Gruppe "Kreuz und Quer gedacht" den Film ausgesucht. Allerdings verraten wir vorher nicht, welcher das sein wird.

Wie verträgt sich Halloween mit dem Programm in der Kirche?

Schnigula: Meiner Meinung nach gar nicht. Wir feiern bewusst kein Halloween und wollen nicht nur jungen Menschen eine Alternative bieten. Halloween ist das ganze Gegenteil des Reformationstages: Wer sich verkleidet, verschleiert bewusst seine Identität, verlässt seinen Alltag und ist für ein paar Stunden jemand anderes. Da muss man sich entscheiden, was man feiern will.

Kann man die Halloween-Bewegung aufhalten?

Schnigula: Ich denke nicht. Unsere Konfirmanden gehen auch auf Halloween-Partys. Das kann man nicht verbieten, und ich würde ein Verbot auch für den falschen Weg halten. Aber man kann Kindern und Jugendlichen natürlich erklären, was wir am Reformationstag feiern. Halloween ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden und wird auch nicht mehr verschwinden, aber es hat nichts mit dem Reformationstag zu tun.

Bedauern Sie, dass der staatliche Feiertag abgeschafft wurde?

Schnigula: Für mich ist es auch so sicher kein Tag wie jeder andere. Aber ich hätte es gut gefunden, hätte man den Tag als Feiertag behalten. Das wäre dann noch ein evangelischer Feiertag unter den vielen katholischen gewesen. Immerhin wird der Tag im nächsten Jahr ein Feiertag sein, wenn wir 500 Jahre Reformation feiern. Dazu planen wir in Gemmingen ein Gemeindefest.

Martin Luther hat heute vor 499 Jahren seine berühmten Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen.Foto: dpa
Martin Luther hat heute vor 499 Jahren seine berühmten Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen.Foto: dpa
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