Landesgartenschau: Bad Mergentheim will hoch hinaus
Blümchenschau war vorgestern. Längst sind Landesgartenschauen Entwicklungsprogramme für Städte, die Zugang zu Fördertöpfen eröffnen. Einen gewaltigen Schub erhofft sich Bad Mergentheim.

Die Stadt will das Großereignis 2026 erstmals in den Main-Tauber-Kreis holen, sieht sich aber namhafter Konkurrenz gegenüber.
Stadt wächst gegen den Trend
Landesgartenschau? Warum nicht. Die energische Verkäuferin im Bahnhofskiosk findet die Idee gut. "Vielleicht", überlegt sie, "wird dann mal was aus Bad Mergentheim." Draußen kurvt ein Stadtbus vorbei, der frisch mit dem fröhlich-bunten Gartenschau-Logo bepinselt ist. Es stellt eine stilisierte Blüte dar, oder einen Wassertropfen. Soll heißen:
Die alte Kur- und Quellenstadt schickt sich an, einen modernen Anstrich aufzulegen. Die Gartenschau käme da gerade recht. Muss Bad Mergentheim erst etwas werden, wie die skeptische Kioskfrau unkt?
Carsten Müller würde energisch widersprechen. Mergentheim ist etwas, wie der fürs Marketing zuständige Rathausmitarbeiter unterstreicht, und zwar "gegen den Trend eine wachsende Stadt". Mit mehr als 23.000 Einwohnern hat die Kurstadt, die seit 1926 das Bad im Namen führt, Wertheim als größte Stadt des ländlich geprägten Main-Tauber-Kreises abgelöst. Firmen wie Würth, der Klinik- und Kurbetrieb oder die Hotellerie mit ihren 3000 Gästebetten bringen Arbeitsplätze, mit ihnen kommen junge Familien.
Entwicklungsmotor für Problemgebiete

"Der knappe Wohnraum ist ein ganz großes Thema", betont Rathaussprecher Müller, der von seinem Büro auf den Bahnhofsvorplatz schaut, eine unansehnliche Ansammlung von Blumenrabatten, Unterführungen, Bushaltestellen und anderen Barrieren. "Es gibt Riesenbaustellen", sagt Müller mit Blick auf die Pläne zur Stadtentwicklung.
Der Bahnhof und sein Umfeld gehören dazu. Überhaupt die Bahnlinie. Sie teilt die Stadt in zwei Hälften. Die meisten Wohngebiete sind im Süden, größere Geschäfte im Norden. Wer dorthin will, steht am einzigen, schrankenbewehrten Übergang häufig im Stau. Hier soll mehr Durchlässigkeit her. Eine Fußgängerbrücke über die Gleise ist Teil der Bewerbungsmappe für die Landesgartenschau.
Modernes Wohnviertel soll entstehen
Gleich beim Bahnhof soll mit dem Herrenwiesenquartier ein modernes Wohnviertel entstehen, mit dem brachliegenden Areal eines ehemaligen Sägewerks hat die Stadt große Pläne. Neben dem Landschaftspark mit Stadtstrand, der sich um den bestehenden Kurpark an der Tauber gruppieren soll, ist das Gartenschau-Dossier vor allem ein Städteprogramm.
Das, so ist man vor Ort überzeugt, ist ganz im Sinne des Landes, das auf bleibende Werte setzt. Das Budget sieht für die Daueranlagen 23 Millionen Euro vor. Der Zuschuss des Landes ist mit fünf Millionen Euro überschaubar. Doch erfahrungsgemäß fließt viel mehr Geld in die Ausrichterstädte.
"Wer die Gartenschau hat, bekommt Zugriff auf alle Fördertöpfe", weiß Carsten Müller, der die Bewerbung koordiniert. Bad Mergentheim ist die einzige Stadt in der Region Heilbronn-Franken, die ihren Hut in den Ring geworden hat. Und es ist der zweite Anlauf. Vor neun Jahren war die Tauberstadt gescheitert - an Öhringen, das 2016 zum Zug kam.
Eine Seilbahn auf den Ketterberg als Zugnummer

Im Sommer entscheidet das Land, wer die drei Schauen in den Jahren 2026 bis 2030 ausrichtet. Mergentheim hat sich für alle drei beworben, der erste Termin wäre aber wie gemalt: Dann jährt sich die Entdeckung der Quellen zum 200. Mal, der Verleihung des Bad-Titels wäre dann ein Jahrhundert her.
Acht Konkurrenten gibt es, darunter Ulm, Vaihingen an der Enz oder Ludwigsburg. Auch die Barockstadt im Stuttgarter Speckgürtel würde gerne mit dem Schub Gartenschau städtebauliche Wunden verarzten. Eine klafft besonders schmerzlich. Die B 27 teilt Ludwigsburg als Stadtautobahn in zwei Hälften. Ein Deckel über die Verkehrsschneise ist Bestandteil der Bewerbungsmappe, der Teiltunnel würde aber rund 100 Millionen Euro kosten.
Ein Aufsehen erregendes Einzelprojekt hat Mergentheim ebenfalls auf der Agenda. Rathaussprecher Carsten Müller führt den Besucher über Serpentinenstraßen hinauf auf den Ketterberg. Von hier geht die Blickachse direkt ins historische Zentrum der Stadt. "Senner-Blick" heißt das Panorama rathausintern - nach dem Gartenschau-Planer Johann Senner.
Image-Schub erhofft
Hat die Bewerbung Erfolg, könnte eine Seilbahn vom Bahnhof hier herauf gondeln. Rund drei Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Die Bewerbung funktioniert aber auch ohne den Lift, betonen die Verantwortlichen. Sie setzen auf breite Unterstützung der Bevölkerung. Manuela Stolz von der Händlervereinigung City-Initiative erhofft sich einen Image-Schub: "Es ist auf jeden Fall gut, wenn der Name der Stadt nach außen getragen wird." In Bad Mergentheim demonstrieren sie Einigkeit, damit es klappt mit 2026. Das würde sicher nicht nur die Dame im Bahnhofskiosk freuen.
Land: Konzept zählt
In Baden-Württemberg gibt es Gartenschauen, früher Grünprojekte genannt, und die ungleich größeren Landesgartenschauen. Beide finden im jährlichen Wechsel statt. Das Landeskabinett vergibt nach der Sommerpause ein Fünferpaket aus drei Landesgartenschauen (2026, 2028 und 2030) sowie zwei Grünprojekten (2027 und 2029). Vaihingen/Enz ist die einzige Stadt, die sich für beides beworben hat. Bad Mergentheim argumentiert unter anderem damit, dass der Main-Tauber-Kreis noch nie zum Zug kam. Die regionale Verteilung spielt aber laut einem Ministeriumssprecher keine Rolle: „Das Konzept entscheidet.“
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