Kompromisslose und ehrliche Beschreibung
Arne Retzlaff inszeniert "Draußen vor Tür" − Aufführungen im Kraichgau

Die Badische Landesbühne zeigt in Bad Rappenau und Eppingen Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür". Es gilt als eines der bedeutendsten Stücke der Nachkriegsliteratur. Warum das Werk bis heute nichts an seiner Brisanz verloren hat, erklärt Regisseur Arne Retzlaff im Gespräch.
Draußen vor der Tür wurde am 21. November 1947, einen Tag nach Borcherts Tod, in Hamburg uraufgeführt. Warum ist dieses Stück auch heute noch aktuell?
Arne Retzlaff: Erstens gibt es leider immer noch Kriege und Kriegsheimkehrer, traumatisierte Soldaten, die aus der extremen Ausnahmesituation Krieg in den normalen Alltag zurückfinden müssen und auf Unwissen, Desinteresse und Unverständnis stoßen. Zweitens spricht das Stück nicht nur über Krieg, sondern über einen Außenseiter. Alle richten sich in der neuen Gesellschaft wieder ein, verdrängen das Erlebte, verdrängen die Verantwortung. Der heimkehrende Unteroffizier Beckmann schafft dies im Stück nicht. Er kann das Gewissen und das Verantwortungsgefühl nicht einfach ausstellen. Und daran droht er zu scheitern.
Borchert schrieb das Drama innerhalb einer Woche, geprägt von den eigenen Kriegserlebnissen. Handelt es sich also um ein realistisches Dokument der Nachkriegsmentalität?
Retzlaff: Es handelt sich um Literatur, um kompromisslose und ehrliche Beschreibung der Realität. Borchert, selbst Soldat, verwundet, als Deserteur angeklagt und zum Tode verurteilt, zur Bewährung wieder an die Front geschickt, krank, wird von den Eliten einer Gesellschaft instrumentalisiert. Diese Erfahrungen am Rande des menschlich Erträglichen verwandelt er in Literatur, die bis auf den heutigen Tag die Menschen bewegt.
Es geht um die Rückkehr des Soldaten Beckmann nach Deutschland. Wie erlebt er seine Heimat?
Retzlaff: Er kommt aus der Gefangenschaft, aus Sibirien, in seiner Heimatstadt Hamburg an und findet sich in einem Trümmerfeld wieder. Sein Sohn ist unter dem Bombenschutt begraben, seine Frau hat die eigene Einsamkeit und Ungewissheit nicht mehr ertragen und hat einen anderen Mann. Keiner nimmt ihm die Verantwortung ab, und eine Arbeit bekommt er auch nicht. Er wird nicht gebraucht, nicht als Mann, nicht als Mensch. Alptraumhaft und verzerrt sieht er das Verhalten einer ignoranten Gesellschaft.
"Draußen vor der Tür" spielt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Weil es zahlreiche Kriege auf der Welt gibt, ist das Stück von ununterbrochener Aktualität. Gibt es noch andere Motive, die dazu beitragen?
Retzlaff: Die meisten Deutschen haben heute keine Kriegserfahrungen mehr. Aber uns umgibt nur eine zarte Hülle aus Wohlstand, Gesetz, Moral. Ein Unfall, eine schwere Krankheit, eine falsche Entscheidung, eine Schwäche, und auch wir sind "draußen vor der Tür" und erleben in ähnlicher Weise die Ignoranz und Kälte einer Gesellschaft. Ich war nicht im Krieg. Ich versuche, als Künstler mit meinen Erfahrungen, meinen Kenntnissen und meiner emotionalen Tiefe, die Situationen und Figuren des Stückes zu durchdringen und sie auf unsere heutige Gesellschaft zu untersuchen.
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