Gedächtnis des Unternehmens kennt große Gefühle
Der Kirchardter Rechtsanwalt Markus Trunzer ist Syndikus für Audi in Neckarsulm und pflegt dort die Technik-Tradition

kirchardt Als Syndikus von Audi in Neckarsulm hat der Kirchardter Rechtsanwalt Markus Trunzer kühl und emotionslos zu entscheiden. In der Rechtsabteilung der Autoschmiede unterm Scheuerberg geht es nun mal um verschiedenartigste juristische Probleme, vom Behördenkontakt bis zum Arbeitsrecht.
Doch ein bestimmter Bereich bedeutet puren Spaß und jede Menge Gefühl: die Traditionspflege des Unternehmens. „Das ist ein riesiger Marketingfaktor“, weiß Trunzer als Geschäftsführer bei Audi Tradition. Seit er Mitte der 90er-Jahre bei Audi angefangen hat, hat die Traditionspflege an Bedeutung stark zugelegt. Und das hängt nicht nur damit zusammen, dass der Autohersteller aus rein rechtlichen Gründen nachweisen muss, dass er die Namen Horch, Wanderer, DKW, Wanderer und NSU noch heute pflegt, aus denen Audi schließlich entstanden ist. Womit man beispielsweise unlängst eine Klage abwehren konnte, mit der ein fremder Motorradhersteller sich die Marke NSU schnappen wollte - eine Legende, die in den 50er- und 60er-Jahren die Welt sprichwörtlich überrollte. Aber was bedeutet Traditionspflege bei einem Autohersteller eigentlich? Trunzer zählt verschiedene Bereiche auf: Etwa das Archiv, das Audi auch für Forschungszwecke öffnet. „Das ist das Gedächtnis des Unternehmens“, umschreibt Trunzer.
Für Fans wohl am faszinierendsten: der Bereich Technik. Wer Ersatzteile sucht, knifflige technische Probleme hat - bei Audi Tradition wird ihm geholfen. Trunzer: „Wir bearbeiten im Jahr einige tausend solcher Anfragen.“ Absolut nicht selten kommt es vor, dass irgendjemand irgendwo eine alte Quickly ausgräbt, die sogar noch läuft - aber keine Papiere mehr hat. Beim Thema Ersatzbetriebserlaubnis zählt Trunzer einige hundert Fälle pro Jahr: „Das ist immer wieder verblüffend.“
Zurzeit erarbeitet Audi Tradition ein Konzept, wie die Ersatzteilversorgung gesichert werden kann. Bisher war das bei den schraubenverrückten NSU-Fans kein größeres Problem. Die sind allein in Europa in rund 30 Clubs organisiert und decken sich nicht nur bei den jährlichen NSU-Treffen ein. Handlungsbedarf erkennt Audi Tradition mittlerweile bei Fahrzeugen, die noch heute ein Inbegriff für Sportlichkeit und souveräne Technik sind: „Jetzt werden die Quattros und Coupés zu Oldtimern“, weiß Markus Trunzer. Besitzer dieser motorisierten Sportpferde sollen ihre mittlerweile historischen Stücke bestmöglich ausstatten können - auch wenn damit die Ersatzteilpreise wie bei der Quickly schlagartig der Vergangenheit angehören dürften. Traditionspflege heißt bei Audi auch dies: „Wir besitzen aus historischen Gründen mittlerweile hunderte Autos“, berichtet Trunzer. Dazu gehören übrigens auch nagelneue Modelle, die eingemottet werden, um in 25 Jahren als Oldtimer ihre Wiederauferstehung feiern zu können.
Wie sehr all das das Gefühl anspricht, erlebt das Team von Audi Tradition besonders bei den zahlreichen Rallyes und Veranstaltungen unterm Jahr: „Da stehen oft Leute mit Tränen in den Augen an einem Prinz 4 und sagen: ,Das war mein erstes Auto.’ “
Dass mit dem Zweiradmuseum auch die Stadt Neckarsulm NSU-Geschichte beleuchtet, ist in den Augen der Audianer keine Konkurrenz - im Gegenteil. Die aktuelle Ausstellung im Audi-Forum zum Thema 100 Jahre Automobilbau etwa empfindet Trunzer als Ergänzung zu den Exponaten im Deutschordensschloss: „Es hat sich gezeigt, dass sich das gegenseitig befruchtet.“
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