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Eppingen

Als am Bahnhof zwei verschiedene Uhrzeiten galten

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Heute kaum vorstellbar: Im Eppinger Bahnhof tickten einst zwei Uhren. Badische und württembergische Zeit unterschieden sich um ein paar Minuten. Die Zugfahrt über die Grenze wurde zur Zeitreise.

Es kann nur eine geben: Seit 1892 gilt die "Eisenbahnzeit". Vorher tickten in den Dienststuben des Eppinger Bahnhofs zwei Uhren. Foto: Alexander Hettich
Es kann nur eine geben: Seit 1892 gilt die "Eisenbahnzeit". Vorher tickten in den Dienststuben des Eppinger Bahnhofs zwei Uhren. Foto: Alexander Hettich  Foto: Hettich, Alexander

"Eppingen, Grenzbahnhof. Wir haben das Großherzogtum Baden erreicht, bitte stellen Sie ihre Uhren um drei Minuten zurück." Keiner weiß es. Aber so mag eine Ansage gelautet haben, die Passagiere Ende des 19. Jahrhunderts auf der Bahnfahrt von Heilbronn nach Karlsruhe ereilte.

Beamte zweier Staaten im Bahnhofsturm

"Man muss davon ausgehen, dass da zwei Uhren hingen", sagt Ulrich Merz, der kürzlich ein viel beachtetes Buch über die Eppinger Eisenbahngeschichte veröffentlicht hat. Im Westturm des Eppinger Bahnhofs - landläufig Badischer Turm, obwohl er nie so hieß - gab es zwei Dienststuben. Dort taten ein Beamter der großherzoglich badischen Staatseisenbahn und ein Kollege von der königlich württembergischen Eisenbahn Dienst - jeder nach seiner eigenen Uhrzeit.

Gebaut wurde Eppingens Bahnhof in den 1870er-Jahren, erst 1892 war es mit der bizarren Zeitreise vorbei. Zum 1. April jenes Jahres trat die einheitliche Mitteleuropäische, die "Eisenbahnzeit", in Kraft, wie Merz in seinem Buch schreibt. Die Minutenzeiger wurden also um 26 oder 23 Minuten nach vorne befördert und damit synchronisiert.

Die Bahn brachte 1892 die Zeitenwende

Um der Verwirrung vorzubeugen, wurde im Großherzogtum bei offiziellen Terminen die alte Karlsruher Zeit für eine Übergangsphase in Klammern gesetzt. Der Eppinger Volksbote gab sich ob der Neuerung fast beleidigt: "Wir werden also genötigt sein, unsere Zeitmesser um diese Zeit vorzurichten", notierte das Blatt. "Man wird diese Zeit beim Morgengrauen merklich empfinden." Seither tickten nicht nur Baden und Württemberg, sondern auch Bayern im gleichen Takt.

Eppingen war zu Beginn der Eisenbahngeschichte offiziell Grenzbahnhof, obwohl die Trennlinie zwischen den Staaten etwas weiter östlich verlief. Für die Passagiere hatte das kaum Relevanz - von der Uhrzeiten-Verwirrung abgesehen. Grenzformalitäten gab es nicht, die Züge fuhren durch. Anders war das wohl im Güterverkehr.

Der Eppinger Schuppen war in einen badischen und württembergischen Teil getrennt, jeden Kran und jedes Werkzeug gab es doppelt. Vermutlich wurden Güterzüge bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hier umgeladen, wie Autor Merz einer Quelle entnommen hat. Es war also der Eisenbahnverkehr, der die Zeitenwende brachte. Zuvor war das für die Menschen, die meist keine großen Entfernungen zurücklegten, nicht von großer Bedeutung gewesen.

Am Bodensee gab es früher fünf Ortszeiten

Wer im 19. Jahrhundert eine Schiffsreise am Bodensee machte, kam indes aus dem Uhren-Umstellen gar nicht mehr heraus. Fünf verschiedene Zeitzonen, die sich um bis zu 28 Minuten unterschieden, durchquerte der Reisende auf der Fahrt von Bregenz nach Konstanz und weiter nach Kreuzlingen in die Schweiz: Prager, Münchner, Stuttgarter, Karlsruher und Berner Zeit. Auch das hatte ein Ende am 1. April 1892 - dem Tag, an dem die Uhren im Eppinger Bahnhof erstmals im Gleichschritt liefen.

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