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Haus der letzten jüdischen Richener Einwohnerin wird gerettet

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Eppingen saniert eine geschichtsträchtige Immobilie an der Ittlinger Straße in Richen. Das Wohnhaus beherbergte einst einen Lebensmittelladen, später eine Postfiliale. Bis 1938 war das Haus in jüdischem Eigentum. Die interessantesten Fakten im Überblick:

Türrahmen mit zwei schräg gegenüber eingelassenen Holzdübeln, wie sie für die Montage des Haussegens typisch sind.
Türrahmen mit zwei schräg gegenüber eingelassenen Holzdübeln, wie sie für die Montage des Haussegens typisch sind.  Foto: Jörg Kühl

Das Haus Ittlinger Straße 10 in Eppingen-Richen hat schon viel erlebt: Wie Stadtarchivarin Petra Binder recherchiert hat, wurde das Haus 1838 errichtet. Es diente unter anderem als Wohnhaus, als Laden und als Postfiliale. Erbauer war Moses Rothschild, Sohn von Wolf Rothschild, dem das Nachbarhaus gehörte. Moses Rothschild war laut Petra Binders Recherchen Handelsmann und Synagogenvorsteher der jüdischen Gemeinde in Richen.

Der jüdische Metzger Abraham Eppsteiner aus dem mittelfränkischen Leutershausen heiratete 1881 Jette Rothschild, die Tochter des Erbauers Moses Rothschild. 1882 erhielt er die Genehmigung, eine Metzgerei zu betreiben. Im selben Jahr kam Tochter Betty Eppsteiner zur Welt. Nach dem Tod der Eltern, Abraham und Jette Eppsteiner, gehörte das Haus ab 1910 Betty Eppsteiner alleine, die ledig war.

Das Schicksal der letzten jüdischen Einwohnerin Richens

Sie übernahm auch das Geschäft der Mutter, die nach Tod des Mannes eine „Spezereihandlung“, ein ein Lebensmittelgeschäft, betrieben hatte, wie die Stadtarchivarin Eppingens weiter ausführt.

Nach der Pogromnacht 1938 wurde Betty Eppsteiner, die als einzige jüdische Richenerin noch im Dorf wohnte, gedrängt, Richen zu verlassen. Sie war somit die letzte jüdische Einwohnerin des heutigen Eppinger Stadtteils. Alle anderen jüdischen Mitbürger waren schon früher verzogen, ausgewandert oder verstorben. Betty Eppsteiner teilt das Schicksal vieler Juden im Kraichgau. Sie wurde 1940 ins südfranzösische Gurs deportiert, wo sie am 1. Dezember starb.

Das Haus in Richen samt Geschäft hatte sie verkaufen müssen. Das Lebensmittelgeschäft wurde bis Anfang der 1970er Jahre betrieben. 1972 bis 1985 zog die Post ein. „Danach war es ein reines Wohnhaus, meines Wissens“, schließt Stadtarchivarin Petra Binder ihre Recherche. Bis 2020 war das Haus bewohnt.

Das hat die Stadt Eppingen mit dem Haus an der Ittlinger Straße vor

2021 erwarb die Stadt das Haus. Es befand sich in stark sanierungsbedürftigem Zustand. Architekt Joachim Fischer aus Eppingen berichtet von Einregnungen und Verwitterungen an Fassade, Sandstein-Stürzen und Fensterlaibungen. Zahlreiche Holzbalken sind morsch, besonders im Obergeschoss, wo sich ein Badezimmer befand. „Man braucht schon einiges an Know-How, um das wieder herzurichten“, sagt der Architekt.

Doch Rückbau ist keine Option: „Alles abreißen, das hat man in den 70ern gemacht“, sagt der Leiter Hochbau, Thomas Frey. Deshalb hat die Stadtverwaltung mit Zustimmung des Gemeinderats auch das historische Haus Ittlinger Straße 40 unlängst verworben. Die Stadt will in Richen als Vorbild vorangehen, denn der Stadtteil ist noch bis 30. April 2028 staatlich gefördertes Sanierungsgebiet. Privatleute können für Modernisierungsmaßnahmen 30 Prozent der Investitionskosten, maximal 50 000 Euro, gefördert bekommen.

So viel Fördergeld können Privatpersonen für die Sanierung beantragen

Für die Ittlinger Straße 10 beträgt die Förderquote rund 45 Prozent, da es sich um ein eingetragenes Kulturdenkmal handelt. „Wir rechnen mit Fördermitteln des Landes von rund 300 000 Euro“, berichtet Frey. Dafür entsteht ein Demoobjekt des Machbaren im historischen Altbaubestand: Wärmepumpe, Fußbodenheizung, Photovoltaik auf dem Dach. Die Stadt will einen Teil der Kosten über die Vermietung des Objekts wieder erwirtschaften.

Die Details im Haus faszinieren. So führt eine gezimmerte Treppe in das Obergeschoss. Der Ladencharakter ist noch durch die straßenseitige Eingänge mit Handläufen und den Rolladenkasten nachvollziehbar. Sogar auf die jüdische Vergangenheit der Bewohner gibt es Rückschlüsse. So befinden sich am Türrahmen zum Wohnbereich zwei schräg zueinander eingelassene Holzdübel, wie sie für die Montage des „Haussegens“ damals wie heute üblich sind.

Um Feuchtigkeitsregulierung und Historie zusammenzuführen, entschlossen sich die Sanierer für Rotkalk als Innenputz. „Man muss es lieben“, kommentiert Architekt Fischer die Besonderheiten.

Das Haus Ittlinger Straße 10, Wohnstätte von Betty Eppsteiner: Der Eppinger Architekt Joachim Fischer plant die Sanierung. Zuvor hatte die Stadt Eppingen hat das Haus erworben.
Fotos: Jörg Kühl
Das Haus Ittlinger Straße 10, Wohnstätte von Betty Eppsteiner: Der Eppinger Architekt Joachim Fischer plant die Sanierung. Zuvor hatte die Stadt Eppingen hat das Haus erworben. Fotos: Jörg Kühl  Foto: Jörg Kühl
Thomas Frey, Abteilungsleiter Hochbau in der Stadtverwaltung Eppingen, überwacht die Arbeiten.
Thomas Frey, Abteilungsleiter Hochbau in der Stadtverwaltung Eppingen, überwacht die Arbeiten.  Foto: Jörg Kühl
Richen: Das Haus Ittlinger Straße 10, Wohnstätte der letzten jüdischen Einwohnerin Betty Eppsteiner. Die Stadt Eppingen hat das haus erworben und saniert es jetzt zu einem modernen Wohnhaus.
Richen: Das Haus Ittlinger Straße 10, Wohnstätte der letzten jüdischen Einwohnerin Betty Eppsteiner. Die Stadt Eppingen hat das haus erworben und saniert es jetzt zu einem modernen Wohnhaus.  Foto: Jörg Kühl
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