Eppinger Wald ist einer von sechs Pilotrevieren für Artenvielfalt
Forstliche Versuchsanstalt testet in Eppingen den Aufwand für für die Waldrandpflege. Ziel ist es, künstliche Lichtinseln für mehr Artenvielfalt zu schaffen. Das sind die ersten Erfahrungen:

Im Eppinger Forstrevier Ottilienberg brüllen die Kettensägen. Alle paar Minuten klatscht ein Baumstamm auf den Boden. Die Forstwirte Thomas Sutter und Tim Körner schneiden neben rechts und links dem Lattwaldweg Buchten in den Waldrand, um Lichtinseln zu schaffen. Einzelne Bäume bleiben stehen: Ausgerechnet solche mit erkennbaren Löchern und Rissen. Diese Exemplare gelten für bestimmte Organismen, die Totholz bewohnen, als idealer Lebensraum. Auch Baumarten, die nicht so häufig vorkommen oder solche, die als klimastabil gelten, lassen die Forstwirte stehen.
Findet im Eppinger Wald eine Trendumkehr statt?
Die Forstwirte trennen Äste und Reisig ab, eine Rückemaschine mit Greifer separiert die Stämme vom Kronenholz und Reisig. Beide Fraktionen werden auf Polter, beziehungsweise Häufen zusammengetragen und aus dem Wald entfernt. „Das mag viele überraschen, weil wir ja sonst das Gegenteil machen“, wirft Jürgen Stahl ein. Er ist er langjährige Revierleiter von Ottilienberg. Die Strategie laute sonst ja, so viel Totholz wie möglich im Wald zu belassen. „Nährstoffarme Lebensräume sorgen für besonders hohe Artenvielfalt“, berichtet Forstwirtin Julia Stahl von der Forstverwaltung des Landkreises Heilbronn. Sie ist im Forstamt für Öffentlichkeitsarbeit zuständig und unterstützt Amtsleiter Armin Jacob im Stab.
Deshalb soll mehr Sonnenlicht auf den Waldboden fallen
Nach ein paar Stunden sieht man im Eppinger Forstrevier Ottilienberg bereits das Ergebnis: Sonnenlicht fällt ungehindert auf den Waldboden, der bis vor Kurzem noch von einem Blätterdach beschattet war.
Strukturreichen Waldrändern wird eine hohe ökologische Bedeutung zugeschrieben, unterstreichen die Forstleute. Ihre Mikroklimata und Mikrohabitate seien essentiell für Biodiversität, insbesondere für Insekten und Schmetterlinge im Wald. „Damit unsere derzeit viel zu dichten und dunklen Waldränder aufgewertet werden können, werden die Buchten in den Waldbestand geschlagen“, so die Strategie.
Um zu flächendeckenden Empfehlungen zu kommen, hat die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) des Landes baden-Württemberg sechs Forstämter der Kreisverwaltungen ausgesucht, wo jeweils in zwei Revieren entsprechende Versuche durchgeführt werden.
Diese Fragen soll der Feldversuch im Revier Ottilienberg beantworten
Im Heilbronner Landratsamt betrifft das neben dem Revier Ottilienberg in Eppingen das Forstrevier Weinsberg. Die Versuche sollen folgende Fragen klären: Wie laufen solche Maßnahmen ab und welcher Pflegeaufwand ist nötig, damit sich eine waldrandtypische Vegetation entwickeln kann?
105 000 Euro stellt das Land pro Jahr dafür bereit. Die Versuchsreihe ist auf drei Jahre angelegt. Neben der Pflege von Waldinnenrändern, wie am Beispiel des Lattwaldwegs in Eppingen, gibt es auch Versuche an Waldaußenrändern – also dort, wo Wald an andere Landschaftsnutzungen angrenzt, etwa an Weinberge oder an Ackerland.
Waldränder seien besonders artenreich, erläutert Revierleiter Jürgen Stahl. Etwa 12 000 Arten seien in diesem Landschaftstyp zu finden, darunter die Schmetterlingsarten Spanische Flagge, Schillerfalter und Pfauenauge.
Was es kostet, entlang 200 Meter Weg im Wald mehr Struktur zu schaffen
Zum einen geht es um die Herstellung der Buchten. Außerdem werden Baumgruppen und Solitärgehölze freigestellt. Zu den Maßnahmen gehört auch die Freistellung von Strauch- und Krautbereichen sowie von Totholz.
Letzteres dient dazu, den Organismen, die in sich zersetzenden Baumstämmen leben, bessere Entwicklungschancen durch erhöhte Sonneneinstrahlung zu ermöglichen. Das Maßnahmenpaket ist allerdings doppelt so aufwändig, was die Arbeitsstunden der Forstleute und Waldarbeiter angeht – als auch doppelt so teuer, weiß der Revierleiter. So koste allein die Waldrandpflege entlang des 200 Meter langen Teilstücks des Lattwaldwegs 3000 Euro.


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