Bad Rappenauer Verbundschule macht Politik erlebbar
Die Verbundschule Bad Rappenau hat ein Konzept entwickelt, das Demokratie erlebbar macht. Damit geht sie weit über die vom Lehrplan geforderte Demokratiebildung hinaus.

Demokratiebildung ist im Lehrplan von weiterführenden Schulen verankert, ist regelmäßig Thema im Unterricht, wird an Schulen auch ganz praktisch über das Mitbestimmungsrecht von Schülern und Eltern geregelt und gelebt. Der Verbundschule in Bad Rappenau war das aber nicht genug. Die Pädagogen Vanessa Edler und Sören Michaelsburg hatten die Idee, dem Thema „Demokratie“ einen ganzen Tag zu widmen. Der sollte vor allem eins zum Ziel haben: aus einem für viele junge Menschen eher abstrakten Thema etwas Erlebbares zu machen.
Demokratie-Tag an der Verbundschule soll jährlich wiederholt werden
Mit dem Demokratie-Tag wendet sich die Verbundschule an alle 820 Schülerinnen und Schüler im Gemeinschaftsschul- und im Realschulzweig. Für jeden Jahrgang gibt es unterschiedliche Angebote. Einmal im Jahr soll der Demokratie-Tag fortan stattfinden. Im Idealfall durchläuft jedes Mädchen und jeder Junge bis zum Schulabschluss mehrere Module.
Der diesjährige Auftakt wird evaluiert und fortgeschrieben, Referentinnen und Referenten - etwa von der Landeszentrale für politische Bildung - fürs kommende Jahr gleich wieder gebucht. Aber schon erste, spontane Rückmeldungen geben Rektorin Yvonne Geier und Vanessa Edler als Gemeinschaftskundelehrerin das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Strahlende Gesichter auf den Gängen, natürlich auch, weil die Eltern mit einem gesunden Frühstück und Lunchpaketen für die passende Verpflegung gesorgt haben.
Bad Rappenau setzt ein starkes Signal für Demokratie
„Als Fachbegriff“, sagt Vanessa Edler, „ist Demokratie Kindern erstmal nicht geläufig.“ Als gelebte Praxis hingegen schon: Junge Leute hätten einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, beobachtet die Gemeinschaftskundelehrerin. Sie wachsen gleichberechtigt auf, dürfen ihre Meinung frei äußern, bringen sich mit ihren Ideen ein: „sowohl privat als auch in der Schule“.
In einem Theaterstück, das die Vorbereitungsklassen am Demokratie-Tag besuchten, ging es daher auch um ein gutes Miteinander. Wo Sprachbarrieren vorhanden waren, wurden diese durch das Schauspiel überwunden. Die 5. Klasse stieg am Demokratie-Tag in das Projekt „Mobbing und Du“ ein, das an der Verbundschule seit ein paar Jahren läuft. Die 6. Klasse setzte es fort.
Neunt- und Zehntklässler auf Klassenfahrt in Dachau
Die Siebtklässler beschäftigten sich mit Rede und Gegenrede, Medien, Fakten-Checks und Fake News, mit demokratischen Entscheidungsprozessen und kommunalpolitischen Planspielen. Die Klassen 9 und 10 waren außer Haus: Sie fuhren ins ehemalige Konzentrationslager Dachau, wo sie den Folgen einer totalitären Diktatur gegenüberstanden, ins EU-Parlament oder in den Stuttgarter Landtag. Einige Achtklässler gingen in Heilbronn ans Gericht oder besuchten den Workshop des Stuttgarter Hauses der Heimat, in dem es um Migration ging.
Der Bad Rappenauer Oberbürgermeister Sebastian Frei hatte Achtklässler ins Rathaus eingeladen, wo er sich selbst und sein Amt vorstellte und Fragen beantwortete. Gründlich hatten sich die Schüler auf diese Begegnung vorbereitet. Nun fragten sie im Ratssaal nicht nur, ob der OB sich für eine Verbesserung der Busverbindungen zwischen den Ortsteilen und der Kernstadt einsetzen könne. Mit dem Wunsch nach einem Downhill-Trail rannten sie bei Sebastian Frei offene Türen ein, mit ihrer Kritik an Vandalismus und Schmierereien teilten sie sein Unverständnis.
Haltung zeigen in Zeiten, in denen demokratische Strukturen offen in Frage gestellt werden
Positiv bewertete das Stadtoberhaupt am Ende die Begegnung mit den jungen Leuten: „Wir konnten bewusst machen, dass die Kommunalverwaltung und der Gemeinderat die Menschen viel unmittelbarer betrifft als die Politik in Berlin“, sagte er. Die Schüler verstünden im direkten Kontakt eher, wie Kommunalpolitik laufe – „und wir können umgekehrt hören, wo der Schuh drückt.“ Gerade in Zeiten, „in denen man sieht, wie demokratische Strukturen ganz offen in Frage gestellt werden“, sei Demokratiebildung wichtig, so Sebastian Frei.


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