Ein Leben im Dienst - Pater Eberhard von Gemmingen wird 90 Jahre alt
In Bad Rappenau geboren, später Leiter von Radio Vatikan in Rom: Pater Eberhard von Gemmingen blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Mit Papst Benedikt XVI. führte der Jesuit das erste Interview nach dessen Wahl. Am 4. April wird Gemmingen 90 Jahre alt.

Der in Bad Rappenau geborene Pater Eberhard von Gemmingen feiert am Samstag, 4. April, in München seinen 90. Geburtstag. Er lebt dort zusammen mit Brüdern des Jesuitenordens in der Kommunität Rupert Mayer. Gemmingen war mehr als ein Vierteljahrhundert lang, von 1982 bis 2009, Leiter des deutschsprachigen Programms von Radio Vatikan in Rom. An diese Zeit denke er bis heute gerne zurück, sagt er in einem Telefonat mit unserer Zeitung. „Vor allem an die schöne Altstadt von Rom“, die noch aus viel mehr bestehe als nur aus den bekannten Touristenplätzen.
Jetzt sei er in einem Alter, in dem ihn manche Dinge anstrengten, zum Beispiel Geburtstagsfeiern mit vielen Menschen. Er rede gerne mit einer Person, ohne Geräuschkulisse im Hintergrund. Denn er höre schlecht und trage ein Hörgerät. Das Gehen falle ihm heute schwerer. Trotzdem „geht es mir für mein Alter erstaunlich gut“, sagt Gemmingen.
Eberhard von Gemmingen führte das erste Interview mit Papst Benedikt XVI.
Geboren in einer Zeit, die von Umbrüchen geprägt war, fand Gemmingen früh seinen Weg in den Jesuitenorden. Es ist ein Weg, der ihn nicht nur in die Tiefe des Glaubens führte, sondern auch mitten hinein in die Welt der Medien. Eine Verbindung, die sein Leben prägen sollte. Von Rom aus erklärte er kirchliche Entwicklungen, ordnete ein, übersetzte das oft schwer Verständliche in eine Sprache, die viele erreichte. Und: Nach der Wahl von Joseph Kardinal Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. führte er das erste persönliche Interview mit ihm. Gemmingen hatte in Tübingen studiert, als Ratzinger dort Professor war, und kannte ihn persönlich.
Er erinnert sich an eine „kleine Nervosität“, die er als Interviewer hatte, doch das legte sich schnell. Woran er sich bis heute stört, waren „deutsche Medien“, die Ratzinger als konservativ sahen und von einer Rückkehr ins Mittelalter sprachen, während Medien in anderen Ländern weltweit diesen Papst ganz anders und weltoffen empfingen. „Blöde Allgemeinplätze“ seien damals geäußert worden, und „einfach dummes Zeug“.
Als junger Halbwaise kam von Gemmingen in das Jesuitenkolleg St. Blasien
Gemmingens Jahre in Rom waren geprägt von großen Ereignissen und Veränderungen in der katholischen Kirche. Päpste kamen und gingen, Debatten wurden geführt, Krisen durchlebt. Gemmingen war nah dran, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Auch im persönlichen Gespräch bleibt er dieser Haltung treu. Er spricht ruhig, überlegt, manchmal mit einem leisen Lachen. Wenn er auf sein Leben zurückblickt, dann ohne Pathos.
Gelegentlich besucht Gemmingen noch die alte Heimat. Er entstammt dem Geschlecht der Freiherren von Gemmingen. Als er drei Jahre alt war, siedelten seine Eltern vom Bad Rappenauer Wasserschloss nach Neuenstadt-Bürg über. In Bürg trifft er sich mit seinen beiden Schwestern, von denen eine noch dort lebt. Sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg 1945 an der Ostfront, und Gemmingen kam als junger Halbwaise in das Kolleg St. Blasien, eine seit 1934 von den Jesuiten betriebene Internatsschule in einem ehemaligen Benediktinerkloster.
Auf die Frage, was er jungen Menschen für ihren Lebensweg empfiehlt, sagt er: „Sie sollen selber denken. Sich nicht eine öffentliche Meinung zur eigenen Meinung machen lassen.“ Und sie sollten kritisch bleiben gegenüber sozialen Medien, denn „soziale Medien sind asozial“.
Für seinen eigenen weiteren Lebensweg wünscht sich Gemmingen vor allem eines: „Dass ich gesund bleibe, schnell sterben kann und nicht leiden muss.“
Auch der Heimat- und Museumsverein Bad Rappenau richtet Glückwünsche aus
Zum 90. Geburtstag von Pater Eberhard von Gemmingen gratuliert auch der Bad Rappenauer Heimat- und Museumsverein ganz herzlich. „Das Wasserschloss ist ein schönes Wahrzeichen von Bad Rappenau. Wer nach dessen Herkunft forscht, begegnet natürlich schnell der Familie von Gemmingen“, sagt Martin Sauter, stellvertretender Vereinsvorsitzender. „Der durch die Medien bekannt gewordene Pater Eberhard von Gemmingen wurde hier geboren.“
Pater von Gemmingen habe einen großen Bekanntenkreis, den er auch mit seinen wöchentlichen Predigten versorge, schildert Sauter. Diese halte er regelmäßig an der Universitätskirche St. Ludwig in München. Der Newsletter kann gratis abonniert werden. Einmal im Jahr findet das Freundetreffen der Jesuiten in Ludwigshafen statt. Über Telefon und Internet kann man den Pater unter dem Jahr jederzeit erreichen.
Auch Martin Sauter stellte Gemmingen ein paar Fragen und erhielt interessante Antworten. Wie lebt es sich in München? Gemmingen: „Ich sehne mich nach dem Dorf. Leben unter lauter großen Häusern und lauten Straßen und blöden Radfahrern, die sich an keine Regeln halten, ist doof.“ Vermissen Sie Rom? „Ja. Aber ich hab mich dran gewöhnt und gehe mit Google Earth dort spazieren.“ Was wünschen Sie sich für Ihren Geburtsort Bad Rappenau „Dass Rappenau den alten Stadtkern wahrt und pflegt. Neusiedlungen sind meist nicht gemütlich.“
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare