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Zivilcourage-Preis Hohenlohe
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Mutige Menschen in sechs Fällen von Zivilcourage ausgezeichnet

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Vom verhinderten Tod durch Medikamente über die Abwendung sexueller Angriffe bis hin zum Einschreiten beim brutalen Angriff von drei gegen einen: Diese Geschichten sind beispielhaft - die Hauptfiguren beeindrucken und überraschen.

Die diesjährigen Preisträger, Laudatoren und Vertreter der stiftenden Organisationen nach der Preisverleihung in der Künzelsauer Sparkasse.
Die diesjährigen Preisträger, Laudatoren und Vertreter der stiftenden Organisationen nach der Preisverleihung in der Künzelsauer Sparkasse.  Foto: Kunz, Christiana

Solche Storys gibt’s im Film, mit derartigen Geschichten lässt man sich abends auf dem bequemen Sofa gerne vom Fernseher berieseln. Dabei verliert man oft aus dem Auge: Solche Geschichten geschehen manchmal auch in echt. Mit Menschen aus Haut und Haar, die keine Rollen spielen und riskieren, dass ebendieser Haut etwas geschieht und jene Haare gekrümmt werden.

Die Hauptfiguren sechs solcher Geschichten aus dem vergangenen Jahr haben der Verein „Sicher im Hohenlohekreis“ (SIH), die Hohenloher Zeitung und die Sparkasse Hohenlohekreis am Donnerstag mit dem Zivilcourage-Preis geehrt – für ihr Einschreiten, das Menschen in Notlagen einen guten Ausgang ermöglicht hat. Bei der Verleihung stellt HZ-Redaktionsleiter Ralf Reichert ihre Geschichten vor, die Preise übergeben Vertreter von Organisationen, die sich mit dem jeweiligen Sachthema beschäftigen.

Unterschiedliche Aspekte der Zivilcourage

Am Anfang all dieser Taten steht eine Entscheidung, wie es Ute Karle von der Notfallseelsorge Baden-Württemberg formuliert: „Sie haben wohl etwas Anderes vorgehabt, aber Ihren Alltag unterbrechen lassen.“ Sie übergibt den Zivilcourage-Preis an drei Menschen, die einen Mann vor der Selbsttötung bewahrt haben. Dabei betont Karle auch, dass dieses Einschreiten durchaus mit Risiken verbunden war, denn eine Garantie für Erfolg gebe es nicht: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“

Ins Risiko hat sich auch die damals 20-jährige Simela Koyunseven begeben, die einen Mann vor weiteren Verletzungen durch drei Schläger bewahrte. Für Christine Schlagenhaufer wurde sie dadurch zum Vorbild. Schlagenhaufer ist SIH-Schatzmeisterin – und verleiht den Preis an eine Kollegin: Denn Simela Koyunseven absolviert ihre Ausbildung bei der Sparkasse in Künzelsau, wo Schlagenhaufer im Hauptberuf Personalreferentin ist. Die Laudatorin erzählt: Einige Zeit nach dem Fall habe sie ein merkwürdiges Geräusch außerhalb ihres Büros gehört. „Da habe ich mich erinnert an Simela Koyunseven und bin hingerannt“. Es war nichts Ernstes. Aber die Auszubildende habe sie durch ihr Handeln tief beeindruckt.

Mitmenschlichkeit siegt

Wache Augen hat auch Christof Weibler, der nicht nur erkannte, dass ein hilfloser Mann auf der Straße unterwegs war, sondern sich dann auch um ihn kümmerte. „Herz und Mitmenschlichkeit haben gesiegt“: So sagt es Landrat Ian Schölzel, der den Preis übergibt. Es sei „beeindruckend, dass Sie hingegangen sind, sich versichert haben, dass der Mann orientierungslos ist, und sich die Zeit genommen haben“.

Thorben Niklas Hauerstein trug dazu bei, dass „ein junges Mädchen davor bewahrt wird, seine Würde zu verlieren“: So beschreibt Monika Chef, Leiterin der Organisation „Weißer Ring“ im Hohenlohekreis, die Wichtigkeit seines Handelns. „Wir betreuen leider immer mehr Frauen und junge Mädchen, die sexuelle Gewalt erleben, hier im Hohenlohekreis.“ Es sei wichtig, dass Menschen dafür sorgen, dass es nicht dazu komme.

Mut, noch einen Schritt weiter zu gehen

Betrügerische Anrufe von organisierten Banden und falschen Polizisten kommen häufig vor: „Wir sind schon sehr glücklich, wenn Menschen die Gefahr erkennen und sofort auflegen“, sagt der Heilbronner Polizei-Vizepräsident Markus Geistler, der den Preis an Annelie Gladys Pilz verleiht. In so einer Situation seien Menschen normalerweise völlig verunsichert. „Aber bei Ihnen sind die Täter an die Falsche geraten.“ Denn schließlich habe sie „noch einen Schritt weiter gemacht“ – als sie die Polizei rief und jener bei einer fingierten Geldübergabe half, die Täter festzunehmen. „Das erfordert besonderen Mut.“

Den hat auch Pascal Melzig bewiesen, der einen mit Messer bewaffneten Ladendieb dingfest gemacht und damit Gefahr für das Personal abgewendet hat. Dazu betont Laudator Andreas Bauer vom Handelsverein „Kün aktiv“: „Nur durch das Eingreifen konnte der Täter so schnell festgenommen werden.“ Melzigs Tat sei ein „gutes Zeichen für die Händler und Kaufleute“.

Drei Passanten verhindern Tod durch Tabletten im Wald

Lebensretter: Alexander Beyfuß, Sven Ulrich und Nicole Schiemer (von links) zusammen mit Laudatorin Ute Karle von der Notfallseelsorge Baden-Württemberg.
Lebensretter: Alexander Beyfuß, Sven Ulrich und Nicole Schiemer (von links) zusammen mit Laudatorin Ute Karle von der Notfallseelsorge Baden-Württemberg.  Foto: Kunz, Christiana

Ein 71-jähriger Mann ist verschwunden. Seine Ehefrau meldet ihn am 23. August 2024 um 21.37 Uhr als vermisst. Er leidet unter Depressionen und hatte bereits in der Vergangenheit versucht, sich das Leben zu nehmen. Er war mit dem Auto zu seinem Bruder aufgebrochen, dort aber nicht angekommen.Am Tag darauf geht Nicole Schiemer gegen 19 Uhr mit ihrem Hund bei Schöntal spazieren. Auf einem Waldweg sieht sie ein rotes Auto, daneben liegt ein Mann, offenbar stark angeschlagen. Er ist nur bei schwachem Bewusstsein. Sie holt eine Decke aus dem Fahrzeug, bettet ihn darauf. Im Wagen entdeckt sie einzelne Tabletten. Wollte sich der Mann umbringen? Es scheint so.

Ausgerechnet an diesem Tag hat sie ihr Handy vergessen. Es ist drückend heiß, 34 Grad. Trotzdem rennt sie mit dem Hund eineinhalb Kilometer zur Straße. Dort angekommen, hält sie die Autos von Sven Ulrich aus Ravenstein und Alexander Beyfuß aus Rieneck an. Nicole Schiemer schickt sie los, um dem Mann beizustehen Davor wählen sie den Notruf. Schiemer wartet an der Einmündung auf die Rettung. Ulrich und Beyfuß leisten Erste Hilfe. Sie bringen den Mann in die stabile Seitenlage, geben ihm zu trinken und versuchen, ihn bei Bewusstsein zu halten. Schließlich können sie den Mann einem Notarzt übergeben. In stark geschwächtem Zustand wird er ins Krankenhaus gefahren.

Frau legt Telefonbetrügern das Handwerk

Fallenstellerin: Annelie Pilz mit PolizeiVizepräsident Markus Geistler.
Fallenstellerin: Annelie Pilz mit PolizeiVizepräsident Markus Geistler.  Foto: Kunz, Christiana

Annelie Pilz aus Neuenstein ahnt nichts Böses, als sie am 26. März 2024 um 14.34 Uhr daheim ans Telefon geht. Eine Stimme meldet sich und behauptet, ihre Tochter habe einen schlimmen Autounfall verursacht und dabei eine Radfahrerin angefahren, die nun verstorben sei. Jetzt drohe ihre Tochter, ins Gefängnis zu kommen. Davor bewahren könne sie nur eine Kaution in Höhe von 35.000 Euro. Wenn sie den Betrag an einen Polizisten übergebe, bleibe ihre Tochter frei. Das ist etwas, das Polizeibeamte unter keinen Umständen fordern würden. Annelie Pilz erkennt sofort, dass die Geschichte nicht stimmt und sie betrogen werden soll. Sie handelt überlegt. Zunächst geht Pilz auf die Forderung des Anrufers ein. Noch während sie telefoniert, veranlasst sie, die Polizei zu verständigen. Die Beamten werden sofort aktiv. Und Annelie Pilz erklärt sich bereit, bei der Übergabe des Geldbetrags bei sich zuhause mitzuwirken. Dann ist es so weit. Sie drückt einem Unbekannten ein Kuvert mit Scheingeld in die Hand. Polizisten observieren währenddessen ihr Gebäude und greifen nach der Übergabe sofort zu. Zwei Tatverdächtige werden an Ort und Stelle festgenommen.

Auszubildende zeigt Mut gegenüber brutalen Gewalttätern

Wortgewaltig: Simela Koyunseven (links) mit Christine Schlagenhaufer.
Wortgewaltig: Simela Koyunseven (links) mit Christine Schlagenhaufer.  Foto: Kunz, Christiana

Am 14. Februar 2024 um 14.10 Uhr hat die Ruhe auf der Konsul-Uebele-Straße ein Ende. Ein Mann wird von drei Männern angegangen und geschlagen. Die Angreifer stoßen ihn zu Boden und treten auf das Opfer ein. Von einem Büro aus beobachtet ein Mann den brutalen Vorfall. So erfährt die Auszubildende Simela Koyunseven davon. Ihr Kollege ruft die Polizei, während sie auf die Straße rennt. Sie schreit die drei Angreifer – erwachsene Männer – an. Sie sollen aufhören. Solch eine Attacke, drei gegen einen: Das gehe doch nicht! Die erstaunten Täter starren sie an. Sie merkt, in welch gefährlicher Situation sie ist. Davon unbeirrt redet sie weiter und erklärt den Männern, die Polizei sei verständigt und gleich da. Daraufhin suchen sie das Weite und flüchten. Koyunseven kümmert sich um das Opfer, zwei Kollegen eilen ihr zu Hilfe. Sie sagen später als Zeugen aus. Auch deshalb konnten die Täter ermittelt werden. Der Angegriffene erlitt leichte Verletzungen. Koyunsevens Einschreiten verhinderte, dass dem Opfer schwere oder gar lebensgefährliche Kopfverletzungen zugefügt wurden.

Aufmerksamer Mann steht Vermisstem in Not bei

Kümmerer: Christof Weibler (links) mit Landrat Ian Schölzel.
Kümmerer: Christof Weibler (links) mit Landrat Ian Schölzel.  Foto: Kunz, Christiana

Die Frau ist aufgeregt und in Sorge. Am Montag, 18. März 2024, ruft sie um 13.46 Uhr die Polizei an: Sie vermisse ihren 73-jährigen, gesundheitlich stark eingeschränkten Ehemann. Als sie kurz weg gewesen sei, habe er die Wohnung verlassen. Es ist heikel: Der Vermisste leidet an Demenz, an Parkinson und an Depressionen. Er ist auf die Einnahme wichtiger Medikamente dringend angewiesen. Seit drei Jahren war er nicht mehr alleine draußen unterwegs. Niemand weiß, wo er sein könnte. Die Suche ist schwierig – für die Polizei ebenso wie auch für die Angehörigen. Es ist kurz nach 20 Uhr, als Christof Weibler im Bretzfelder Teilort Siebeneich einen älteren Mann entdeckt. Er macht auf ihn einen merkwürdigen, orientierungslosen Eindruck. Weibler spricht ihn an. Dann verständigt er die Polizei und bleibt so lange bei ihm, bis die Beamten da sind. Es ist der Vermisste, der seit dem frühen Nachmittag gesucht wird. Seine Frau und die Angehörigen atmen auf, der Mann kann versorgt werden. Eine potenziell lebensbedrohliche Situation wird rechtzeitig abgewendet.

Fahrgast verhindert sexuelle Übergriffe

Durchkreuzer: Thorben Niklas Hauerstein mit Monika Chef.
Durchkreuzer: Thorben Niklas Hauerstein mit Monika Chef.  Foto: Kunz, Christiana

Ein Regionalexpress der Deutschen Bahn fährt am 6. Dezember 2023 von Crailsheim nach Öhringen. Es ist 17.20 Uhr und schon dunkel. Kurz nachdem der Zug die Haltestelle in Waldenburg passiert hat, belästigt ein 45-jähriger Mann eine 47-jährige Frau. Er geht sie unsittlich an und bedrängt sie sexuell. Ihr gelingt es, weitere Übergriffe abzuwehren. Dann hat der Mann ein 14-jähriges Mädchen im Visier. Er nähert sich ihr erneut auf unsittliche Weise und versucht, ihr das Mobiltelefon wegzunehmen. Doch ein unbekannter Mann greift ein und hilft dem Mädchen. Auch der Fahrgast Thorben Niklas Hauerstein aus Öhringen bekommt den Vorfall mit und schreitet ein. Er geht auf den 45-Jährigen zu, hält ihn fest und verhindert so, dass es zu weiteren sexuellen Übergriffen kommt. Er wirkt mit Worten auf den Mann ein und hindert ihn daran, zu fliehen. Am Öhringer Bahnhof übergibt er den polizeibekannten Täter dann an die mittlerweile verständigte Polizei. 

Kunde hält Dieb trotz Messer-Drohungen fest

Anpacker: Pascal Melzig (links) mit Andreas Bauer von „Kün-aktiv“.
Anpacker: Pascal Melzig (links) mit Andreas Bauer von „Kün-aktiv“.  Foto: Kunz, Christiana

Ein 48-jähriger Mann betritt er am 4. Dezember 2023 um 20.15  Uhr ein Geschäft in Öhringen. Er packt sieben Flaschen mit Spirituosen in seinen Rucksack. Zwei Mitarbeiterinnen sehen das und erkennen den Mann. Er hat dort schon mehrfach Waren gestohlen und eigentlich Hausverbot. Die beiden Frauen sprechen ihn auf sein Verhalten an. Sie greifen nach seinem Rucksack und halten ihn fest. Darauf droht der Männer den Frauen Gewalt an. Er führe ein Messer mit sich und werde zustechen, wenn sie nicht von ihm abließen. Er reißt sich los und flüchtet über eine Rolltreppe. Pascal Melzig aus Öhringen, ein Kunde, beobachtet das. Er greift beherzt ein, hält den Flüchtigen fest und fixiert ihn am Boden. Dann droht der Täter erneut, mit seinem Messer zuzustechen. Doch Pascal Melzig weicht nicht zurück. Er hält den Mann weiter fest und übergibt ihn kurze Zeit später den alarmierten Polizisten, die rasch zum Ort des Geschehens geeilt sind.

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