Ulrich Hartmann geht in den Ruhestand – der letzte Hollenbacher Pfarrer geht
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Mehr als 30 Jahre lang war Ulrich Hartmann der Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde Hollenbach. Nun geht er – mit einem Stück Hohenlohe im Herzen.
Mehr als 30 Jahre hatte Ulrich Hartmann sein Wohnzimmer im Hollenbacher Pfarrhaus. Inzwischen steht hier - für den Umzug bereit - das Inventar seines Büros und eine CD-Sammlung mit Musik, die er kürzlich für sich entdeckt hat.
Foto: Götz Greiner
Eine Dohle keift vom Kirchturm. Ulrich Hartmann freut sich über ihre Ankunft im Gotteshaus. Hier hat er mehr als 30 Jahre sein täglich Brot verdient. „Da kommen jetzt die Frühlingsgefühle auf“, sagt der Pfarrer, der nun die Abkürzung „i. R.“ an seine Berufsbezeichnung hängen darf: „im Ruhestand“. Die Dohlen müssen nun mit den Turmfalken darum kämpfen, wer die beiden Nistkästen im Kirchturm beziehen darf, das die evangelische Kirchengemeinde erst vor Kurzem dort eingerichtet hat, sagt Hartmann: Ein Neuanfang – vor einem solchen steht auch der leidenschaftliche Vogelbeobachter.
Ein Reutlinger, der keine Türen in Hohenlohe einrennt
Im März geht es zurück nach Reutlingen. Dort ist Hartmann aufgewachsen, dort hat er eine Eigentumswohnung. Vögel beobachten, das kann man da auch, freut er sich. Trotzdem wird er einiges in Hollenbach vermissen. „Es ist schade, dass Reutlingen so weit weg ist von hier“, bedauert er. Bevor er in den Mulfinger Teilort gekommen sei, habe ihm ein Studienkollege aus Orlach in der Gemeinde Braunsbach gesagt: „Mit den Hohenlohern kann man gut auskommen, man darf nur nicht mit der Tür ins Haus fallen.“ Das habe sich bewahrheitet. Er habe die Leute und die „überschaubaren Verhältnisse“ kennen gelernt. „Die Menschen hier sind nicht festgefahren. Es wird kein Grund gesucht, warum etwas nicht geht.“
Die Linde, das Pfarrhaus, die Kirche: Dieses Ensemble sei etwas Besonderes in Hollenbach, an das er gerne zurückdenken werde. Hier habe er viele schöne Momente erlebt. Einen hat er schon in der Predigt im Gottesdienst zu seiner Verabschiedung hervorgehoben. Die Osternacht des vergangenen Jahres war wolkenlos. „Als die Sonne aufging, kam ihr Licht nach dem Gottesdienst durch die Glasbausteine und hat das Kreuz beleuchtet.“ Das habe die ganze Gemeinde bewundert. „Auch in unerwarteten Momenten wird einem da gezeigt, wie wertvoll das Leben ist“, kommentiert er das Erlebnis.
Theater, Gehörlose und angewandte Ethik
Im Ort hat er ebenfalls eine Heimat gefunden. Beim Theater Hollenbach hat Hartmann öfter mitgespielt, einmal sogar seine Predigt in der Rolle gehalten, die er in dem damaligen Stück gespielt hat. Es sei schön, dass die Stücke einen Inhalt hätten, „kein Klamauk“ seien. Das Theater sei auch schon Dorfgespräch gewesen, etwa bei einem Stück, in dem es um den Umgang mit Menschen mit Behinderung gegangen sei.
Dieser Umgang mit Menschen spielt für den ehemaligen Beauftragten für die Gehörlosenseelsorge eine zentrale Rolle. Überhaupt die Frage der Ethik. Geprägt hat ihn offenbar sein Studium in der schottischen Hauptstadt Edinburgh. „Dort ist die Art, wie Theologie betrieben wird, eine andere.“ Sein Beispiel dafür klingt anfänglich trocken – aber es hat seine Gottesdienste beeinflusst: In der deutschen Theologie ist die Ethik ein Bereich der systematischen Theologie, in der christlicher Glaube reflektiert wird. In Edinburgh habe die Ethik zum Fach praktische Theologie gehört, in dem es darum geht, wie Glaube ausgeübt und Gottesdienst gefeiert wird. Ein Beispiel: „Was verlange ich der Gemeinde ab, wenn sie im Gottesdienst ein bestimmtes Lied singen sollen, von ihren Fähigkeiten oder von der Stimmung?“ Wenn ein schöner Sommertag ist, müsse man sich fragen, ob man ein dunkles Lied singen lässt, das vielleicht den ganzen Tag die Stimmung drückt.
Hartmann übt wieder Geige und Bratsche
In letzter Zeit habe man ihn oft gebeten, doch in Hollenbach zu bleiben. „Es ist klar, dass kein Pfarrer nachkommt“ und die Stelle wohl gestrichen werde. Doch Hartmann zieht es nach Reutlingen. Geige und Bratsche will er wieder aus den Koffern holen. Musik liegt ihm nicht nur am herzen, weil er auch Pfarrer für Kirchenmusik im evangelischen Kirchenbezirk Künzelsau war. In Mulfingen hat er in einem Musizierkreis mitgespielt, der der Coronazeit zum Opfer gefallen ist. Vor kurzem hat er eine neue Musikepoche für sich entdeckt: Er ist begeistert von den Komponisten in der Zeit vor Johann Sebastian Bach und hat inzwischen eine große CD-Sammlung angelegt. Größere Vorhaben hat Hartmann für seine Zeit in Reutlingen noch nicht geplant. „Ich werde schauen, ob Bedarf an Ruheständlern ist, die in der Kirche etwas machen.“ Und vielleicht unternimmt er hin und wieder einen Ausflug zu seiner früheren Gemeinde – und zu den Dohlen und Turmfalken.
Zur Person
Ulrich Hartmann wurde 1962 in Heilbronn geboren. Seine Familie zog 1965 nach Reutlingen, dem Heimatort seiner Mutter. Sein Großvater war evangelischer Dekan. Er studierte Theologie in Tübingen, München und Edinburgh (Schottland). „Damals hat man das einfach so studiert, nicht unbedingt mit dem Ziel, Pfarrer zu werden“, sagt er. Er wurde es dennoch. Nach dem Pfarrvikariat bei der Gehörlosenseelsorge in Heilbronn wurde er 1994 Pfarrer Hollenbach. Er war Pfarrer der Gehörlosengemeinde Schwäbisch Hall/Hohenlohe und Pfarrer für Kirchenmusik im ehemaligen Kirchenbezirk Künzelsau. Am 1. Februar wurde er mit einem Gottesdienst verabschiedet.
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