Wohnungslose Menschen unterzubringen, stellt Kommunen vor Herausforderungen – ein Blick auf Öhringen
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Obdachlosigkeit hat viele Gesichter: Sie ist häufig still und unscheinbar – und längst kein urbanes Phänomen, sondern auch auf dem Land verbreitet. So auch in Öhringen im Hohenlohekreis.
Szenen einer Großstadt: ein Schlafender auf einer Parkbank, ein Bettler auf dem kalten Asphalt in der Fußgängerzone, eine Person, die all ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen transportiert. So sieht Obdachlosigkeit in den meisten Köpfen wohl aus. Doch Obdachlosigkeit hat viele Gesichter, ist häufig still und unscheinbar – und sie ist längst kein urbanes Phänomen.
Sprunghafter Anstieg von Obdachlosigkeit zwischen 2022 und 2023
In Deutschland waren laut statistischem Bundesamt im Januar 2025 rund 474 700 Personen wohnungslos, davon rund 94 550 im überwiegend ländlich geprägten Baden-Württemberg. Zum Vergleich: Zum 31. Januar 2022 waren es bundesweit rund 178 000, am Stichtag 2023 372 000 Personen (siehe auch Stichwort). Dieser sprunghafte Anstieg habe mehrere Gründe: zum einen seien 130 000 Geflüchtete aus der Ukraine wohnungslos gemeldet worden. Außerdem habe es im erst zweiten Jahr dieser statistischen Erhebung eine Verbesserung in der Datenmeldung gegeben.
Auch ländliche Gemeinden müssen sich den Herausforderungen von Obdachlosigkeit stellen
Von 2024 auf 2025 sind die Zahlen jedoch nochmal um acht Prozent gestiegen. Das spiegelt nicht nur die wachsende soziale Ungleichheit wider, es wirft auch ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, denen sich ländliche Gemeinden stellen müssen, um ihren Mitbürgern ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Denn: Jeder Mensch hat in Deutschland ein gesetzlich verankertes Recht auf ein Dach über dem Kopf. Das umzusetzen, obliegt den Kommunen, die dafür Unterkünfte bereitstellen müssen. Keine leichte Aufgabe in Zeiten, in denen Wohnraum rar ist.
Zahlen
Die Statistik erfasst Wohnungslose, die am Stichtag 31. Januar 2025 beispielsweise in überlassenem Wohnraum, Sammelunterkünften oder Einrichtungen für Wohnungslose untergebracht waren. Geflüchtete werden in der Statistik berücksichtigt, wenn ihr Asylverfahren positiv abgeschlossen wurde sowie Ukrainer, die ohne Asylverfahren in Deutschland leben. Deutschlandweit liegt der Ausländeranteil bei Obdachlosen bei 86 Prozent. Personen, die auf der Straße leben sowie Menschen, die bei Bekannten oder Angehörigen unterkommen, werden nicht in der Statistik berücksichtigt.
In der Großen Kreisstadt Öhringen sind derzeit 63 Obdachlose untergebracht – im Alter zwischen 0 und 80. Die meisten fielen im Stadtbild nicht weiter auf. „Das läuft etwas unterm Radar“, erklärt Frank-Achim Stransky vom Ordnungsamt. Er bestätigt, dass Obdachlosigkeit im ländlichen Raum gesellschaftlich kaum wahrgenommen werde. Doch auch in Öhringen steigt die Zahl der Wohnungslosen – und mit ihr wachsen die Herausforderungen.
Und noch etwas steigt: Die Zahl älterer, wohnungsloser Menschen, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind. Oft seien die kommunalen Unterkünfte jedoch nicht barrierefrei – oder die, die es sind, sind bereits bewohnt. Dabei ist nicht nur Barrierefreiheit ein Thema. Es muss auch in jedem neuen Fall abgewogen werden, wo man den- oder diejenige sinnvoll unterbringt. „Eine Frau kann ich nicht in ein Zweibett-Zimmer zu einem Mann stecken“, nennt Stransky ein Beispiel. Manchmal gelte es, ganze Familien unterzubringen. „Es fallen einfach immer mehr Menschen durchs soziale Raster“, so Stransky.
Kommunen können Menschen unterbringen, aber nicht betreuen
Sowohl was die Kapazitäten der Unterbringung angehe als auch der personellen Betreuung durch die Verwaltung: „Das alles ist immer auf Kante genäht“, sagt Öhringens Oberbürgermeister Patrick Wegener. Wobei Wegener und Stransky beim Wort Betreuung abwinken. „Wir können die nötige Infrastruktur sicherstellen, wir bringen die Menschen unter, wir können sie aber nicht betreuen. Das geben die politischen Rahmenbedingungen von Bund und Land auch nicht her“, so Wegener. „Es gibt Grenzen des Machbaren“, betont der OB.
Viele Gründe, warum jemand obdachlos wird
Gründe, warum jemand obdachlos werde, gebe es viele: soziale, finanzielle und psychische Probleme, Alkohol und Drogen oder eine Kombination aus mehreren. „Ist ein Problem gelöst, sind häufig noch viele weitere übrig“, erklärt Stransky. Das mache es umso schwerer, da wieder herauszukommen. So sei es nicht selten, dass Menschen viele Jahre in den Unterkünften verbringen. „Einer wohnt dort seit 25 Jahren“, berichtet Stransky. Dabei seien „die Umstände in den Unterkünften oft nicht gut, das kann man nicht schönreden“, so Stransky. Er zeigt Fotos von einem Zimmer mit völlig verdreckter Matratze, mit unzähligen leeren Alkoholflaschen und jeder Menge weiterem Müll. Keine Seltenheit.
Wie verbringen Obdachlose die Feiertage?
Wie verbringen Menschen in so einem Umfeld Weihnachten? „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt Frank-Achim Stransky. So unterschiedlich wie die Menschen selbst. Die einen wollen davon nichts wissen, bei manchen sind mit dem Fest alte Wunden verbunden. Wieder andere besorgen sich einen Baum und feiern im dekorierten Zimmer mit Häkeldeckchen auf dem Tisch.Obdachlosigkeit hat viele Gesichter: „Ganz wichtig ist mir“, betont Stransky, „allen Menschen mit Respekt zu begegnen – warum auch immer sie in dieser Situation sind.“
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