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Ziehl-Abegg verlässt die Künzelsauer Innenstadt

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Das Künzelsauer Traditionsunternehmen plant einen schrittweisen Umzug in den Gewerbepark Hohenlohe. Die Stadt hat leerstehende Flächen an der Würzburger Straße gekauft und will dort Einzelhandel und Wohnungen ansiedeln.

Der Ventilatorenhersteller Ziehl-Abegg belegt derzeit die größten Flächen im Gewerbepark Hohenlohe. Foto: privat
Der Ventilatorenhersteller Ziehl-Abegg belegt derzeit die größten Flächen im Gewerbepark Hohenlohe. Foto: privat

Die Anzeichen verdichten sich, dass die Traditionsfirma Ziehl-Abegg in der Innenstadt von Künzelsau ihre Zelte abbricht und komplett in den Gewerbepark Hohenlohe zieht. Bereits heute hat der Hersteller von Ventilatoren, Motoren und Spezialantrieben seine großen Produktionststätten im Gewerbepark am Fuße der Waldenburger Berge. Dort arbeiten derzeit rund 750 Menschen.

Konzentration auf der Höhe

In der Innenstadt, wo die Hauptverwaltung, das Trainingscenter, die Entwicklungsabteilung mit Messlabor sowie der Bereich Regeltechnik sitzen, hat das Unternehmen 950 Beschäftigte. "Es wird wohl so sein, dass Ziehl-Abegg nach und nach seine Produktion verlagern wird und sich im Gewerbepark Hohenlohe konzentriert", sagt Künzelsaus Bürgermeister Stefan Neumann. Das habe das Unternehmen in den vergangenen Monaten signalisiert.

Ziehl-Abegg bestätigt zumindest, dass sich das Unternehmen weiteres Gelände auf der Höhe gesichert hat. "Wir haben im Gewerbepark Hohenlohe große Flächen, auf denen auch künftig die weitere Entwicklung des Unternehmens stattfinden kann", betont Ziehl-Abegg-Sprecher Rainer Grill. Einen Zeitplan will das Unternehmen aber nicht nennen. "Wenn ein Standort verlagert wird, steht vor diesem Schritt eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse. Daher hängt der Zeitpunkt für den Start von weiteren Bauvorhaben von der Auftragslage und der wirtschaftlichen Entwicklung ab", betont Grill.

Im Gewerbepark bestätigt man, dass die Verhandlungen fast abgeschlossen sind. "Derzeit sind wir dabei, einen weiteren Grunderwerb mit der Firma Ziehl-Abegg umzusetzen", so Zweckverband-Geschäftsführerin Claudia Rohn gegenüber der HZ.

Verlust von Kaufkraft befürchtet

In der Künzelsauer Stadtverwaltung geht man von einem Prozess aus, der sich in fünf Jahren vollziehen wird. "Uns ist es lieber, wenn die Firmen in den Gewerbepark gehen, bevor sie die Region komplett verlassen", unterstreicht Stefan Neumann. Dennoch gingen der Stadt durch den Umzug Gewerbesteuereinnahmen verloren und der Innenstadt würde Kaufkraft entzogen. Künzelsau ist zu 40 Prozent am Zweckverband Gewerbepark beteiligt, Waldenburg und Kupferzell halten je 30 Prozent der Anteile.

Im vergangenen Jahr hatte sich Ziehl-Abegg verärgert gezeigt, dass die Stadt Investoren-Pläne ablehnte, einen modernen Kaufland-Markt auf ihrem leer stehenden Gelände in der Würzburger Straße zu bauen. Im Gegenzug sollte auf dem derzeitigen Kaufland-Areal an der B19 ein neues Einkaufszentrum mit Wohnungen und Parkflächen entstehen. Einen Zusammenhang mit dem geplanten Umzug will das Unternehmen aber nicht herstellen.

Gespräche mit Investoren

Das freie Gelände in der Würzburger Straße hat die Stadt inzwischen gekauft. Über die Kaufsumme wurde Stillschweigen vereinbart, Experten gehen von von drei bis vier Millionen Euro aus.

"Das ist eine der letzten Restflächen in Innenstadtnähe, deshalb wollen wir das Areal entwickeln", betont Stefan Neumann. Dem Bürgermeister schwebt vor, dort Einzelhandelsflächen und Geschosswohnungen anzusiedeln. "Wir haben zu wenig Wohnraum und eine wachsende Hochschule, deshalb ist es richtig, dass wir solche Flächen erwerben", sagt Neumann. Noch in diesem Jahr sollen Gespräche mit Investoren geführt werden, im nächsten Jahr soll die Fläche auf den Markt gebracht werden.


Kommentar: Aderlass

Der Aderlass ist beträchtlich: R. Stahl, Sigloch, dann Mustang, bald auch Ziehl-Abegg. Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Traditionsfirmen verlassen die Innenstadt von Künzelsau. Diese Entwicklung ist kein Phänomen, das ausschließlich die Kreisstadt des Hohenlohkreises trifft. In ganz Deutschland zieht es die wachsenden Industrieunternehmen in die großen Gewerbeparks auf der grünen Wiese. Dort finden sie den Platz, den sie brauchen, um sich für eine erfolgreiche Zukunft zu rüsten.

Für Künzelsau ist die Entwicklung dennoch brandgefährlich, denn die Menschen, die auf der Höhe arbeiten, gehen nicht mehr automatisch in der Innenstadt einkaufen. Und die auf den frei werdenden Flächen entstehenden Wohnungen sind zwar wichtig, die dort einziehenden Neubürger können aber nicht annähernd die Kaufkraft ersetzen, die derzeit noch rund 1000 Ziehl-Abegg-Mitarbeiter im Tal aufbringen.

Diese Entwicklung gefährdet den Einzelhandel und eine lebenswerte Innenstadt. Wie schwer es fällt, neue Marken im Zentrum anzusiedeln, zeigt die Geschichte des Peka-Areals. Umso wichtiger ist, dass jetzt eine Entscheidung über den Neubau des Landratsamtes in der Innenstadt fällt. Dort arbeiten ebenfalls knapp 1000 Menschen. Und der Kreis steht im Wort, auch wenn sich inzwischen die Stimmen im Kreistag mehren, den Neubau auf die grüne Wiese zu setzen.

Das wäre nach der Schließung des Krankenhauses der Supergau für die Kreisstadt und der Beginn neuer heftiger Auseinandersetzungen über die Zukunft des gesamten Hohenlohekreises.

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