Interview: Forstexperte über Chancen und Probleme nachhaltigen Wirtschaftens
Roland Hartz, Chef des Forstbezirks Tauberfranken, spricht im Stimme-Gespräch über Geschichte und Entwicklung des vielstrapazierten Begriffs "Nachhaltigkeit", umweltgerechte Waldbewirtschaftung und deren Grenzen.

Er trägt Verantwortung für 15 240 Hektar Staatswald in fünf Landkreisen: Roland Hartz, Forstwissenschaftler und Chef des Forst-BW-Bezirks Tauberfranken, spricht über Genese und Entwicklung, Chancen und Grenzen eines vielstrapazierten Wortes.
Herr Hartz: Wenn Sie den Begriff "Nachhaltigkeit" hören: Woran denken Sie dann ganz spontan?
Roland Hartz: Mir fällt das Wort "Generationengerechtigkeit" ein: Nachfolgende Generationen sollen nicht weniger haben, als wir selbst gehabt haben.
Vor über 300 Jahren wurde jener Ausdruck in der Forstwirtschaft erstmals geprägt. Heute ist er in aller Munde.
Hartz: Er ist übergegangen auf alle Wirtschaftszweige: Heute sind Automobilhersteller und Discounter vermeintlich nachhaltig, während die Nachhaltigkeit der Forstwirtschaft von manch einem heutzutage immer mehr in Frage gestellt wird.
Der Begriff hat aber auch in der Waldbewirtschaftung selbst einen Bedeutungswandel erfahren...
Hartz: Genau: Am Anfang ging es nur um die Menge an Holz. Nachfolgende Generationen sollten genauso viel Rohstoff vorfinden wie vorher. Heute wissen wir längst, dass diese Betrachtung zu eindimensional ist: Wir müssen auch auf die Schutz- und Erholungsfunktion der Wälder schauen - und auf das Ökosystem als Ganzes. Aber: Der Begriff ist eine wirtschaftliche Kategorie. Und keine rein ökologische oder biologische.
Welche Phasen nachhaltiger Forstwirtschaft gab es im historischen Blick?
Hartz: Zunächst eben die reine Konzentration auf die Holzmenge. Im 19. Jahrhundert ging es um die Frage des höchsten dauerhaften finanziellen Ertrags. Das späte 20. Jahrhundert war dann geprägt von der Ökologie-Diskussion und der Erkenntnis, dass Ökologie eigentlich Langfrist-Ökonomie ist: Man hat erkannt, dass es eine ganzheitliche Betrachtung braucht und man mit großen Monokulturen nicht mehr weiterkommt. In der jüngsten Vergangenheit hat sich das aber etwas verselbstständigt: Man tut so, als bedeute Nachhaltigkeit, den Wald gar nicht mehr zu nutzen.
Sie spielen auf Peter Wohlleben an - und dessen Forderung, die Wälder einfach sich selbst zu überlassen, um der drohenden Klimakatastrophe noch entkommen zu können?
Hartz: Für mich ist die Frage, ob wir - gerade angesichts des Kriegs in der Ukraine und seiner drohenden Folgen - nicht in eine neue Phase eintreten und merken: Wir müssen tatsächlich nach unseren eigenen Ressourcen schauen, anstatt immer mehr zu importieren. Und in Zeiten, wo wir über drohende Energie-Knappheit reden: Man sollte, anders als vom Umweltbundesamt gefordert, die Gebäude-Heizung mit Holz weiter gestatten.
Deutschland importiert schon jetzt sehr viel Holz aus dem Ausland...
Hartz: Unsere Ressourcen sind durch die Dürrejahre geschwunden, aber wir haben noch eine recht große Substanz. In der Summe sind wir immer noch Selbstversorger. Und das macht auch Sinn: Denn im Ausland sind die forstwirtschaftlichen Standards ja oftmals deutlich geringer.
Wenn Wohllebens Idee falsch ist: Warum weisen Sie bei der Forst BW dann selbst immer mehr sogenannte Bannwälder aus?
Hartz: Natürlich sind Schutzflächen nötig. Aber: Herr Wohlleben fordert ja nicht die Sich-selbst-Überlassung von zehn Prozent, sondern von weiten Teilen des Waldes. Aus meiner Sicht ist das eine völlig unrealistische Perspektive. Es ist verlogen zu sagen, dass wir den Rohstoff Holz nicht brauchen.
Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie nachhaltig wird in Ihrem Forstbezirk, der sich zwischen Landesgrenze und Heilbronn erstreckt, gewirtschaftet?
Hartz: Hmm (lacht): Wir haben viele naturnahe Wälder. Damit sind wir sicher nachhaltiger als die großen Kiefern-Monokulturen in Nord- und Ostdeutschland. Ich würde uns eine acht oder neun bescheinigen.
Was ist die größte Herausforderung für die nachhaltige Forstwirtschaft?
Hartz: Ich würde schon sagen: der Klimawandel. Die Wuchsbedingungen verändern sich drastisch. Darauf müssen wir Antworten finden. Wir pflanzen unter anderem vermehrt Arten wie die Eiche - aber auch die eingeführte Douglasie.
Der Wald der Zukunft wird ein anderer sein: Wird nachhaltiges Wirtschaften so schwieriger oder, pointiert gefragt, womöglich sogar leichter?
Hartz: Wenn man sich nur die Holzmenge anschaut: Wir werden zwar etwas weniger Holz haben, aber das wird nicht das große Problem. Die Frage ist: Kann man noch Baumarten kultivieren, die der Mensch dringend braucht. Die Fichte ist eben ein wunderbares Bauholz. Das kann man mit heimischem Laubholz momentan noch eher schlecht.
Glauben Sie, dass Ihre Urenkel eines Tages fragen werden, warum man im Jahr 2022 noch Wälder abgeholzt hat, um damit Häuser?
Hartz: CO2 ist auch im gefällten Holz gebunden, das wird oft vergessen. Und: Beton und Stahl sind in der Herstellung extrem energieintensiv. Holz ist da im Vergleich viel umweltfreundlicher.
Wie wird der Krieg die Preisentwicklung auf dem Holzmarkt verändern?
Hartz: Wir erleben im Moment eine Hochphase: Zuerst der Bauboom, jetzt steigen die Preise wegen fehlender Lieferketten und geringerer Holzmenge auf dem Markt; auch die Löhne und Betriebskosten werden steigen. Ich denke, das geht zunächst auch so weiter.
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