Boris Palmer und Landwirtschaftsvertreter diskutieren auf der Muswiese über Flächenverbrauch
Beim landwirtschaftspolitischen Abend des Anbauverbands in der großen Maschinenhalle der Familie Hofmann, die während der Muswiese zur Festhalle wird, geht es ums Thema Flächenverbrauch.

Wiesen, Äcker und Weiden: Hohenloher Landschaften, wie sie schöner nicht sein könnten, sind auf der Großbildwand zu sehen. Dann schiebt sich eine graue Masse ins Bild: das Innenleben eines Betonmischers, das nach und nach alles verdrängt. Bildstark wird so verdeutlicht, dass nach Angaben von Bioland im Ländle "die letzten beiden Generationen so viel Natur und Landwirtschaft verdrängt haben wie 80 Generationen davor".
Denn beim landwirtschaftspolitischen Abend des Anbauverbands in der großen Maschinenhalle der Familie Hofmann, die während der Muswiese zur Festhalle wird, geht es ums Thema Flächenverbrauch: 1300 Interessierte sind gekommen, so Organisator Heiko Reinhardt, Landwirt und im Bioland-Landesvorstand vertreten. Er freut sich über das Interesse. Vor allem Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer ist der Andrang zu verdanken, aber auch Farmbau-Chef Wolfgang Maier und Jan Plagge (Bioland) haben an diesem durch Christine Hofmann vom Hohenloher Tagblatt moderierten Abend einiges zu sagen.
Boris Palmer bekämpft die Baulücken in seiner Stadt
In der Diskussionsrunde geht die Moderatorin zunächst auf die beiden Vorträge von Palmer und Maier ein. "130 Einwohner pro Hektar" hat Boris Palmer vorgegeben. Hofmann verweist auf Hohenlohe, wo 50 Einwohner pro Hektar leben - und manchmal auch deutlich weniger. Sie will wissen, wie sich das Bewusstsein für den Wert der Fläche stärken lässt.
Nun ist Tübingen mit etwa 93.000 Einwohnern keine Kleinstadt, aber es gibt zehn eingemeindete Ortschaften, von denen immerhin acht ländlich strukturiert sind. Dort gelten sicher andere Bedingungen, aber Palmer betont mehrfach, die attraktivsten Flächen seiner Stadt seien die am dichtesten besiedelten.
Für ihn ist die Wohnqualität keine Frage von Quadratmetern, sondern vielmehr des Städtebaukonzepts und der "qualitätvollen Architektur". Er nennt zudem auch die vertikale Architektur - das Wachstum in die Höhe - alternativlos.
Palmer zeigt vor allem Konversionsprojekte - ehemalige Kasernen etwa, die mittlerweile eigene kleine Stadtteile sind. Aber auch an früheren Fabrikstandorten, am alten Güterbahnhof oder im Bereich eines Neckar-Altarms sind zahlreiche Wohnungen entstanden: "Dafür wurde kein Quadratmeter Land neu erschlossen." Als Palmer 2007 sein Amt antrat, hatte Tübingen 600 Baulücken und Brachen. Natürlich sei es verlockender, weil zeit- und geldsparend, auf einem Acker zu bauen, so Palmer: keine Nachbarn, keine Altlasten, keine Vorgaben, unproblematisches Gelände. Stattdessen Brachen und Baulücken zu nutzen, gelinge am besten "über den Geldbeutel", sprich über die Grundsteuer C für unbebaute baureife Grundstücke. Hochverdichtetes Bauen und der flächensparende Verzicht auf große ebenerdige Parkflächen, die Verkehrswende hin zu mehr und besseren Fahrrad- und ÖPNV-Möglichkeiten haben der Stadt nicht geschadet: Das belegt Palmer mit der stark steigenden Zahl der Arbeitsplätze. Solaranlagen-Pflicht und Fernwärme-Versorgung sind ebenfalls Teil seines Städtebaukonzepts.
Die gemeinschaftlichen Tiefgaragenplätze unter Tübinger Wohnquartieren und Verzicht auf oberirdische Dauerparkplätze in Wohnstraßen sind in ländlichen Gemeinden so kaum umsetzbar. Auch das an sieben Wochentagen rund um die Uhr funktionierende ÖPNV-Netz fehlt: Palmer muss die Diskussion früher verlassen, um in Crailsheim den letzten Zug zu erwischen.
Wolfgang Maier schwört auf Agri-PV
Bei Wolfgang Maier sind es vor allem die Maierhöfe nach historischem Vorbild, die Christine Hofmann nachfragen lassen - also die an einer Stelle zusammengeführten landwirtschaftlichen Betriebe, in denen sich die Landwirte gegenseitig stärken. Maier steht zu diesem Konzept. "Sonst investieren Sie zwei, drei Millionen, bekommen eine Staublunge und alles geht an die Bank." Wichtig ist Maier auch die Energie, die aus Bauernland zu gewinnen ist. Neben Biogas und Wind ist das vor allem Agri-PV, also der Photovoltaikanlagen, unter denen Feldfrüchte wie Spargel oder Erdbeeren wachsen: Pflanzen, die nicht allzu viel Sonne benötigen.
Bioland-Präsident Plagge wehrt sich gegen einige Aussagen von Maier: Viele Landwirte wollten lieber selbst im Stall arbeiten, "als einen Haufen Mitarbeiter zu beschäftigen". Für ihn bedeutet Flächenversiegelung den Verlust wertvollen Landes für die Ernährung und weniger Lebensraum für Mensch, Tier und Pflanzen. Auch Bioland-Höfe litten unter unkontrollierter Ausbreitung von Siedlungsflächen; sie verlören ihre Grundlage. Für Ernährungssicherheit und regionale Biolebensmittel müssten wertvolle Böden für Lebensmittelproduktion und Artenvielfalt geschützt werden. Er plädiert für "Flächenzertifikate statt Cowboykapitalismus".
Hier geht's zum Volksantrag
Unterschriftsbögen für den Volksantrag "Ländle leben lassen", den Bioland unterstützt, lagen am Freitag aus. Ziel ist es, dem übermäßigen Flächenverbrauch entgegenzuwirken. Infos gibt's auf www.laendle-leben-lassen.de.
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