Weltberühmtes Foto - Vater kam aus Künzelsau

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Chartres - Das Foto wirkt auch heute noch. Es sind die Blicke der Menschen, die unter die Haut gehen. Sie gelten einer Frau ohne Haare und dem Baby, das sie trägt. 66 Jahre später stellt sich heraus: Der Vater des Babys war ein Künzelsauer.

Von Matthias Stolla
FRANCE. Eure-et-Loir. Chartres, August 18th, 1944. Just after the liberation of the town, a French woman who had had a baby with a German soldier was punished by having her head shaved. © Robert Capa / International Center of Photography / Magnum Photos / Agentur Focus
Chartres am 16. August 1944: Die Menge treibt Simone Touseau und ihr Baby durch die Stadt. Foto: Robert Capa/International Center of Photography/Magnum Photos/Agentur Focus



Chartres - Das Foto wirkt auch heute noch. Es sind die Blicke der Menschen, die unter die Haut gehen. Schadenfreude und Rachedurst sind nicht verblasst. Sie gelten einer Frau ohne Haare und dem Baby, das sie trägt. Das Foto von der Kahlgeschorenen in Chartres ist weltberühmt. 66 Jahre nachdem es Robert Capa geschossen hat, stellt sich heraus: Der Vater des Babys war ein Künzelsauer.

Die Szene hat sich nach der Landung der Alliierten in der Normandie so oder so ähnlich in vielen Städten Frankreichs abgespielt. Kaum waren die deutschen Besatzer abgezogen, feierte die Bevölkerung die Befreiung und bestrafte Kollaborateure: Einheimische, die mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten oder auch nur im Verdacht standen.

Schande

Opfer der Racheaktionen wurden auch Denunzianten und Frauen, die eine Liebesbeziehung zu einem deutschen Soldaten hatten. Zum Zeichen der Schande wurden sie öffentlich kahlgeschoren und durch die Straßen getrieben.

Die Bloßstellung blieb Simone Touseau, die als Übersetzerin für die deutschen gearbeitet hatte, nicht erspart. Ihrer Geschichte ist der Geschichtslehrer Gérard Leray in Chartres auf der Spur. Mit dem Lokalhistoriker Philippe Frétigné arbeitet er an einem Buch über das am 16. August 1944 von Robert Capa aufgenommene Foto.

Gérard Leray
          Foto: privat
Gérard Leray Foto: privat

Beweise

Bei der Suche nach den Namen von Akteuren und Zeugen stieß er auf eine Spur, die ihn nach Künzelsau zur Redaktion der Hohenloher Zeitung führte. Per E-Mail schrieb er im November 2010: "Bei meinen Recherchen im Nationalarchiv in Paris fand ich Beweise, dass Erich Göz der Vater des Kindes ist." Jener Erich Göz, so der Lehrer, wurde am 20. September 1909 in Künzelsau geboren. Die Redaktion fragte er: "Können Sie mir helfen, ihn zu identifizieren?"

Das gelang mit Hilfe von Stefan Kraut. Der Künzelsauer Stadtarchivar fand heraus: "Erich Göz ist als Sohn des Oberamtsrichters Erwin Göz und seiner Frau Bertha, geborene Hochstetter, in Künzelsau zur Welt gekommen." Und: 1914 ist die Familie nach Geislingen an der Steige verzogen, sein Bruder und seine Schwester leben nicht mehr.

Für Gérard Leray steht fest, dass Erich Göz der Vater des im Mai 1944 geborenen Babys auf dem Foto ist. Eines seiner Beweisstücke ist die schriftliche Aussage des Anwalts Claude Gerbet, der Simone Touseau nach dem Krieg in einem Gerichtsverfahren wegen Denunziation vertreten hat. Darin wird erwähnt, der Vater ihres Geliebten sei Richter. Auf Erich Göz trifft das zu.

Leray hat zudem herausgefunden, dass der Verlobte von Simone Touseau als Aushilfe in der deutschen Frontbibliothek in Chartres gearbeitet hat. Auch das trifft auf Erich Göz zu. Der Historiker hat weitere Zeugenaussagen, die bestätigen: Simone Touseaus Verlobter sei damals etwa 30 Jahre alt und "von hohem intellektuellem Niveau" gewesen, sein Vorname wird genannt und sein gutes Französisch.

Gefallen

Simone Toseau starb am 21. Februar 1966 "als Opfer ihres Alkoholismus und von allen verlassen", sagt Leray. Er hat zudem erfahren, dass ihr Verlobter im Juli 1944 im ehemaligen Polen gefallen sei. Stefan Kraut in Künzelsau bestätigt: "Erich Göz fiel am 8. Juli 1944 in Lipnitzki bei Lida an der Ostfront." Leray ist sich deshalb sicher: "Alles passt zusammen. Wir haben es mit demselben Man zu tun."

Demnach ist das Baby auf dem Foto ein halber Künzelsauer. Ein glückliches Ende nimmt die Geschichte deshalb nicht, obwohl Gérard Leray versichert: "Das Baby ist immer noch am Leben." 66 Jahre alt muss der Mensch inzwischen sein. Mehr ist nicht zu erfahren, denn der Lehrer in Chartres will weder den Namen noch das Geschlecht verraten: "Ich habe geschworen, niemals die Identität zu enthüllen."

Er selbst sei der einzige Historiker, der mit dem Baby von einst habe sprechen dürfen, und das auch nur ein einziges Mal. "Die Person ist traumatisiert und selbstmordgefährdet", sagt Leray. Nicht nur das Foto, der ganze hässliche Vorfall von Chartres wirkt auch heute noch.

Das Buch über die Tondue de Chartres (Die Kahlgeschorene von Chartres) soll Anfang des Jahres in Frankreich erscheinen. Weiteres in französischer Sprache unter tonduechartres.wordpress.com/

Zur Person: Robert Capa

Robert Capa, geboren am 22. Oktober 1913 in Budapest, eigentlich Endre Erno Friedmann, war ein US-amerikanischer Fotograf ungarischer Herkunft. Capa wurde vor allem als Kriegsreporter bekannt. berühmt sind seine Aufnahmen aus dem spanischen Bürgerkrieg, vor allem das Foto, das einen republikanischen Soldaten im Augenblick seines Todes zeigt. Die Authentizität des Bildes ist umstritten, es wurde dennoch zu einer Ikone. Robert Capa starb am 25. Mai 1954 in Thai-Binh, Französisch-Indochina.

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