Strenge Lehrer, unbeschwerte Freizeit
100 Jahre Altes Schulhaus: Drei Ernsbacherinnen berichten aus ihrer Jugend

Helene de Mattia erinnert sich an fast jedes Detail. "Die haben wir 1934 gesetzt", sagt die Ernsbacherin beim Anblick der beiden mächtigen Eichen vor dem Alten Schulhaus ihres Heimatorts. "Diese hier wurde ,Hitler-Eiche’ genannt, und dort war die Hindenburg-Eiche." Zufällig sei Letztere aber im gleichen Jahr beim Tod des früheren Reichspräsidenten eingegangen und musste durch den Baum ersetzt werden, der heute vor dem Gebäude in den Himmel ragt.
Zeitzeuginnen Von 1930 bis 1937 ist de Mattia in Ernsbach zur Schule gegangen. Heute ist sie 90 Jahre alt und gehört zu den ältesten noch lebenden ehemaligen Schülern. 100 Jahre alt wird das Gebäude in diesem Jahr. Grund genug für de Mattia, mit den anderen ehemaligen Schülerinnen Rita Schuster und Sieglinde Drexel (beide 71) an den Ort zurückzukehren, an dem sie viele schöne, aber auch bittere Stunden verbracht haben.
Bitter waren vor allem der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach. Im Krieg fiel der Unterricht oft aus, wenn Luftangriffe drohten. Not herrschte in den Nachkriegsjahren. Damals ließen die Amerikaner im Saal an der Südseite des Erdgeschosses Kakao, Dampfnudeln und Schokolade an bedürftige Familien verteilen − daher auch die Bezeichnung "Buttersäle" für den Raum, in dem heute Religionsunterricht gegeben wird. Schön finden die drei Frauen dagegen, wie es außerhalb der Schule zuging. "Es gab weniger Zeitdruck, es war halt gemütlich", sagt Drexel. "Die Kinder waren zu Hause niemals alleine, denn die Mutter oder die Oma waren immer da", erinnert sich Schuster. "Es gab keinen Fernseher und keine Ablenkung. Die Kinder haben mehr auf der Straße zusammen gespielt."
Zeitreise De Mattia, Drexel und Schuster betreten das Schulgebäude. "Die Räume sind die Gleichen. Außer die Klos, die waren damals draußen", fällt Schuster auf. Sie wohnt gleich nebenan und ist der Schule durch Singen und Basteln mit den Schülern verbunden geblieben. Früher besuchte sie mit Drexel eine Klasse, allerdings nur von 1955 bis 1957, da sie erst mit 13 Jahren aus Stralsund in der damaligen DDR geflohen war.
30 bis 40 Schüler saßen damals gemeinsam im Unterricht. "Wo saßen wir?", fragt Schuster Drexel, als sie sich im heutigen Musikraum befinden. Ihre ehemalige Klassenkameradin deutet auf eine Bankreihe: "Da vorne. Und da war der Ofen gestanden." Sie zeigt auf die freie Stelle zwischen Tür und Schrank. "Für was brauchen die ‘ne Liege?", wundert sich de Mattia. "Wenn’s einem schlecht wird", erklärt Schuster. "Das hatten wir damals nicht", meint de Mattia und zuckt die Schultern.
Es ist nicht das einzige Zeichen, dass die Schüler früher so einiges ertragen mussten. Harte Strafen waren an der Tagesordnung: "Der Rohrstock war noch aktuell", sagt Schuster. Drexel erinnert sich, wie der Pfarrer im Religionsunterricht einmal ein Gesangbuch auf einen Mitschüler warf und sie damit versehentlich am Kopf traf. Und de Mattia musste die ganze Tafel mit dem Satz "Ich darf unter 16 keinen Tanzboden besuchen" vollschreiben, nachdem sie abends singend auf einer Feier im Gasthaus erwischt worden war.
Zeitenwandel Schuster findet das heutige Schulsystem "offener, freier und ehrlicher". Alle Schüler bekämen eine faire Chance. Damals dagegen war es allein schon ein Nachteil, aus einem Dorf wie Ernsbach zu stammen: Der Zugang zum Gymnasium war ungleich schwieriger als für Stadtkinder, was vor allem an der Einstellung der Eltern lag. Schuster hat das am eigenen Leib erfahren: "Der Pfarrer sagte, ich sollte die Schule weitermachen, aber ich durfte von zu Hause aus nicht." Und so kam alles anders: Sie heiratete mit 18, lebt inzwischen 56 Jahre mit ihrem Mann zusammen, hat vier Kinder, zwölf Enkel und zwei Urenkel. Wenn sie zurückblickt, bereut sie jedoch nichts: "Es ist ok, wie es war. Dafür kann ich heute meine Enkel durch die Gegend fahren."
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