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Stramme Schenkel im kraftlosen Spiel

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Badische Landesbühne schwächelt beim Musical "Cabaret" vor 500 Zuschauern in der Öhringer Kultura

Von Michael Dignal

Es geht um einen Drahtseilakt zwischen purem Amüsement und düsterem politischen Szenario. Der Roman von Christopher Isherwood ("Goodbye to Berlin", 1939), das Originalmusical (1966) und die Verfilmung mit Liza Minelli (1972) unter dem längst populär gewordenen Titel "Cabaret" hielten das Gleichgewicht.

Einen neueren, allerdings eher missglückten Versuch konnten nun 500 Zuschauer bei der Aufführung der Badischen Landesbühne Bruchsal in der Öhringer Kultura verfolgen. Der Schauplatz ist Berlin um 1930. Die Story: Der Autor Cliff begegnet der Sängerin Sally. Sie verlieben sich. Er liest Hitlers "Mein Kampf" und erkennt die politische Entwicklung. Sie interessiert sich nicht für Politik. Unhappy End: Er verlässt Berlin und sie bleibt.

Unter der Regie von Carsten Ramm gibt es ausreichend Netzstrümpfe, Strapse und Jazzdance-Nummern zu sehen. Doch die politische Situation wird erst zehn Minuten vor der Pause angedeutet, und später treiben nicht SA-Schergen ihr Unwesen, sondern ein paar Neonazis. Die modische Aktualisierung reicht indes nicht aus, um den düsteren Hintergrund wirklich greifbar zu machen. Und da auch der Vordergrund weitgehend flach bleibt, kommt die Handlung über ein bloßes Bemühen nicht hinaus.

Mitverantwortlich dafür sind auch die Darsteller. Der blasse Chris (Wolf E. Rahlfs) und die mädchenhafte Sally (Julia Goehrmann) sind schlichte Schablonen, die keinerlei Persönlichkeit entfalten. Auch in der Nebenhandlung, der unglücklichen Liebe zwischen der Vermieterin Schneider und dem Juden Schultz, entsteht unter der Oberfläche kein echtes Mitgefühl. Und der Conférencier, eigentlich eine Hauptrolle, ist hier in seiner schwerfälligen Tuntigkeit durchaus entbehrenswert.

Drei Aktivposten kann die Inszenierung immerhin vorweisen: Die Tänzerinnen bringen mit strammen Schenkeln und sexy Kostümen bewegliche Attraktivität ins ansonsten kraftlose Spiel, Cornelia Heilmann erregt als schnoddriges Flittchen ("Fräulein Kost") stellenweise Interesse und Heiterkeit, und die Band (musikalische Leitung: Joe Völker) spielt guten Jazz. Ausgerechnet der letzte Punkt sorgt jedoch für das krasseste Missverhältnis, denn die Lieder - "Cabaret" ist schließlich ein Musical - sind gesanglich geradezu peinvoll schlecht. Darüber kann dann auch die Fototapete mit dem Südseemotiv nicht hinwegtrösten.

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