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Hohenlohe
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Senioren gestalten mit Fotos und einem Lebensbaum ihr Erinnerungsbuch

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Die Tagespflege des DRK-Kreisverbands Hohenlohe macht in der Rettungswache in Öhringen Biographiearbeit mit älteren Menschen. Erzählen, lachen und auch trauern gehören dazu.

Von Regina Koppenhöfer
Hermine Münch und Gerhard Werner sind Gäste in der DRK-Tagespflege. Sie schmücken Birkenzweige mit bunten Bändern. Das weckt Erinnerungen an früher.
Hermine Münch und Gerhard Werner sind Gäste in der DRK-Tagespflege. Sie schmücken Birkenzweige mit bunten Bändern. Das weckt Erinnerungen an früher.  Foto: Koppenhöfer, Regina

Auf dem Tisch vor Ruth Herold und Susanne Kowalke liegt ein Stapel mit Familienfotos. Gemeinsam schauen die beiden ungleichen Frauen die Bilder an. Ruth Herold ist 84 Jahre alt, und sie ist regelmäßiger Gast in der Tagespflege des DRK Hohenlohe. Sie berichtet, wer auf den Schnappschüssen zu erkennen ist. An diesem Morgen wird die alte Dame anfangen, zusammen mit Gruppenleiterin Kowalke ein Biographieheft zu gestalten. Fotos wollen die beiden Frauen darin einkleben. Auch einen Lebensbaum möchte Susanne Kowalke nach den Erinnerungen der Seniorin gestalten. Und sie wird Geschichten und Anekdoten, an die sich Herold erinnert, in dem Büchlein notieren. Das Buch ist Teil der Biographiearbeit, die man beim DRK mit Älteren macht.

Ereignisse und Erlebnisse aus dem Leben der Senioren kennen lernen

"Biographiearbeit ist in der Altenpflege ganz wichtig", sagt Christa Kokoska. Deshalb werde Biographiearbeit mit Senioren nicht nur beim DRK, sondern auch in anderen Einrichtungen und bei vielen Angeboten für Senioren landauf und landab gepflegt. Kokoska, die die Tagespflege beim DRK leitet und Pflegedienstleitung (PDL) ist, erklärt warum. "Weil man die alten Menschen besser versteht. Und je mehr man die Senioren mit ihren Lebensgewohnheiten kennt, um so besser versteht man unter Umständen auch, wie sie auf einen bestimmten Trigger reagieren." Es sei hilfreich für die Mitarbeiter, erläutert sie, Ereignisse und Erlebnisse aus dem Leben der Älteren zu kennen. Man verstehe dann Reaktionen wie Freude, Traurigkeit oder Unmut auf Geschehnisse, auf Worte oder Gegenstände viel besser. Christa Kokoska betont: "Gefühle rauszulassen ist etwas ganz, ganz Wichtiges."

Im Stuhlkreis Gedanken zum Thema machen

Einen Eindruck von der Biographiearbeit bekommt man, wenn man die Tagespflegegruppe in den Räumen der Öhringer Rettungswache besucht. In einem großen Kreis sitzen acht Senioren hier beisammen. Neben Christa Kokoska und Susanne Kowalke begleitet Lena Mack als DRK-Alltagsbetreuerin noch die älteren Herrschaften. An manchen Tagen engagieren sich auch noch Ehrenamtliche in der Gruppe. Im Stuhlkreis, so erklärt Kokoska, wird die Gruppe sich nun gemeinsam Gedanken über ein Thema machen.

Gruppenleiterin Susanne Kowalke (links) von der DRK-Tagespflege wird mit Ruth Herold ein Biographiebüchlein gestalten.
Fotos: Regina Koppenhöfer
Gruppenleiterin Susanne Kowalke (links) von der DRK-Tagespflege wird mit Ruth Herold ein Biographiebüchlein gestalten. Fotos: Regina Koppenhöfer  Foto: Koppenhöfer, Regina

Erinnerungen an Maibräuche

An diesem Morgen spricht man über Maibräuche. In einer Vase stehen Birkenzweige, die die Senioren mit bunten Bändern schmücken. Ruth Herold erinnert sich daran, dass man ihr in der Jugend einst einen "schönen, großen Maibaum" vors Haus gestellt habe.

Das wollte auch Gerhard Werner (89) vor vielen Jahren für seine Liebste machen. Er berichtet, dass er und sieben weitere Freunde deshalb Birken im Wald geholt hätten. Auf vier Motorrädern habe man sich auf den Weg gemacht: Auf jedem Gefährt ein Fahrer, der Sozius und ein Maibaum. Es kam dann wie es kommen musste: Die acht jungen Männer wurden von der Polizei kontrolliert. Gerhard Werner erinnert sich, dass jeder acht Euro Reichsmark Strafe zahlen musste. Schmunzelnd verrät der Senior, dass man letztlich dann aber doch mit den Bäumen habe weiterfahren dürfen.

So verschieden die Älteren sind, die sich in der Tagespflege zusammenfinden, so unterschiedlich sind auch die Erinnerungen der Menschen. Günther Ziemanns (81) Erinnerungen an den Mai sind weniger von romantischer Natur. Mit fester Stimme macht der ältere Herr darauf aufmerksam, dass der Mai ein geschichtsträchtiger Monat sei: Ziemann erinnert an den Tag der Arbeit am 1. Mai und an das Inkrafttreten des Grundgesetzes im Jahr 1949.

Senioren werden gesprächiger und offener

Tagespflegeleiterin Christa Kokoska hat die Erfahrung gemacht, dass die Älteren gesprächiger und offener werden, wenn sie Interesse an ihrem Leben und wenn sie Wertschätzung spüren. Deshalb drehe sich auch die komplette Tagesplanung um die Gäste. Nach dem Austausch in der großen Runde finden sich die Senioren in kleinen Gruppen zusammen. Hier wird nun gebastelt, gespielt oder auch Gehirnjogging gemacht. Drei Männer aus der Runde sitzen beim Skatspiel beisammen.

Und auch jetzt ist die Atmosphäre in der Gruppe wieder entspannt und angenehm. Die schöne Stimmung genießen nicht nur die Älteren, sondern auch die Mitarbeiter. Gruppenleiterin Susanne Kowalke spricht auch für die anderen, als sie verrät: "Ich habe so eine Zufriedenheit in mir, wenn ich merke, es sind alle glücklich bei uns."

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