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Schlitzohren, Scharfrichter, brave Leut’

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Weygang-Museum bietet eine Sonderführung zum Richtschwert

Von Lydia-Kathrin Knirsch
Das Öhringer Richtschwert ist rund 500 Jahre alt. Seine Klinge ist noch gut erhalten. Es wurde wohl selten benutzt.Foto: Lydia-Kathrin Knirsch
Das Öhringer Richtschwert ist rund 500 Jahre alt. Seine Klinge ist noch gut erhalten. Es wurde wohl selten benutzt.Foto: Lydia-Kathrin Knirsch

Öhringen - Die Enthauptung war die nobelste Hinrichtungsmethode im Mittelalter und der frühen Neuzeit, weil sie kurz, effektiv und am schmerzfreisten war", erklärt Matthias Siebert im Weygang-Museum: "Das Köpfen war oft dem Adel vorbehalten. Der kleine Mann landete bei gleichen Verbrechen häufig am Galgen oder wurde aufs Rad geflochten, wo er zum Teil monatelang zur Abschreckung hängen blieb. Die Entscheidung darüber lag beim Richter." Am Tag des offenen Denkmals, der unter dem Motto "Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?", stand, präsentierte das Weygang-Museum eine Sonderführung zum Öhringer Richtschwert.

Unbequeme Denkmale, gibt’s das denn? "Wir haben im Weygang-Museum eigentlich nur schöne Exponate. Es gibt lediglich ein unbequemes Denkmal und das ist das Öhringer Richtschwert", sagt der Künzelsauer Siebert. Unbequem daher, weil es eine Geschichte zu erzählen hat wie kein anderes Exponat in der Weygang-Sammlung.

Matthias Siebert erklärte den 18 Besuchern, wie das Rechtsystem in der Vergangenheit funktionierte, welche Strafen es gab und wie das Leben eines Nachrichters aussah. "In Öhringen gab es zwei Gerichte. Einerseits das sogenannte Rug- oder Niedere Gericht. Es tagte bei kleineren Delikten wie Fluchen, unzüchtiges Reden oder Suff und verhängte überwiegend Geldstrafen."

Hohes Gericht Andererseits habe es das Hohe Gericht, auch Malefizgericht genannt, gegeben. Dieses habe bei schweren Delikten getagt: Raub, Mord, Brandstiftung oder Notzucht: "Es wurde vom Haus Hohenlohe direkt oder von einem eigens bestellten Vogt im Öhringer Rathaus, nach der Erbteilung 1553 im Schloss Neuenstein, gehalten", Die Strafen seien unterschiedlich, zum Teil grausam gewesen, berichtet der 44-Jährige: "Man war nicht zimperlich. Von Körperstrafen und Folter bis hin zum Tod gab es alles." Die Redewendung "ein Schlitzohr sein" stamme aus der Zeit der Körperstrafen. Gaunern und Betrügern habe man das Ohr geschlitzt oder dieses ganz abgeschnitten, um sie als solche kenntlich zu machen, so Siebert.

Wo fanden diese Bestrafungen statt? Siebert: "Die Richtstätte war der Galgenberg zwischen Bitzfeld und der Autobahn." 31 Hinrichtungen seien an dieser Stelle zwischen 1511 und 1600 vollzogen worden: 22 Menschen wurden mit dem Schwert enthauptet, fünf am Galgen gehängt und vier aufs Rad geflochten, erzählt Siebert: "Wir wissen von einem Kleinbauern aus Unterhöfen, der für schuldig befunden wurde, seine Eltern vergiftet zu haben. Er wurde 1817 gerädert. Wochenlang wurde sein abgetrennter Kopf zur Abschreckung zur Schau gestellt."

Werkzeug Vermutlich wurde das Öhringer Richtschwert, das Handwerkszeug des Nachrichters, um 1500 oder 1550 gefertigt. "Die Quellen erzählen hier jeweils eine andere Geschichte", berichtet Siebert. Wie andere Handwerker hielten auch die Nachrichter ihr Werkzeug in Schuss. "Die Klinge ist noch gut erhalten", erklärt Siebert.

Doch wenn ein Scharfrichter sein Werkzeug derart pflegte, müssten dann nicht noch mehr solcher Schwerter erhalten sein? "Nicht unbedingt. Es war oft Brauch, das Schwert nach 100 Exekutionen zu bestatten, um nicht noch mehr Blut damit zu vergießen. Man glaubte, das Schwert könne sich sonst am Henker und dem Hohen Gericht rächen." Da das Öhringer Richtschwert schon so alt und dennoch erhalten ist, ist laut Matthias Siebert nur eine Möglichkeit denkbar: "Die Öhringer waren halt schon immer brave Leut’."

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