Schaurige Moritaten und fröhliche Lieder

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Drehorgeltage lassen vergangene Zeiten wieder aufleben− Liebevoll und detailgetreu ausgestattete Instrumente

Von unserer Redakteurin Bettina Hachenberg

Sabinchen war ein Frauenzimmer, gar hold und tugendhaft", tönt es am Samstagmittag am Fuß der Hofgartentreppe. Begleitet von ihrer Drehorgel singen Rosi und Frithjof Grögler die schaurige Moritat und verkünden am Ende mit erhobenen Zeigefingern: "Und die Moral von der Geschicht’: Trau’ keinem Schuster nicht! Der Krug, der geht so lange zum Wasser, bis dass der Henkel bricht."

Das Rentner-Ehepaar aus Renningen gehört am Wochenende zu 39 Drehorgelspielern, die aus ganz Deutschland, der Schweiz, Polen und sogar aus dem fernen Japan nach Öhringen auf die Landesgartenschau gekommen sind. Mitgebracht haben sie ihre wertvollen und liebevoll ausgestatteten Leierkästen, auf denen sie von Chorälen über Moritaten und Opernmelodien bis zum Volkslied alles kurbeln können.

Bolero So erklingt am Samstagmorgen am Altstadt-Eingang zum Hofgarten zum Auftakt der Drehorgeltage der Bolero von Maurice Ravel. Sieben Drehorgelspieler aus Dinkelsbühl haben das Stück synchron einstudiert. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie auf Deleika-Orgeln spielen. Der Handwerksbetrieb aus Dinkelsbühl gehöre zu den "sehr wenigen" Drehorgelbauern, die es heute noch in Deutschland gebe. Ihnen gemeinsam sei, dass sie alle ums Überleben kämpfen, berichtet Dieter Ehmer, Organisator der Dinkelsbühler Drehorgler. "Jede Orgel ist ein Individualbau, ein handwerkliches Einzelstück." Und dementsprechend teuer. Beginnend bei 2000 Euro sind nach oben keine Grenzen gesetzt.

Ehmer weiß auch vieles aus der Geschichte des Drehorgelspiels zu berichten. Mit rund 3000 hatten die Spieler um die Jahrhundertwende vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin ihr Zentrum. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 erhielten Kriegsversehrte statt einer Rente von der preußischen Staatsregierung Drehorgeln, mit denen sie sich gegen geringen Salär selbst zu versorgen hatten. Ein Körbchen oder einen Beutel, in die man als Lohn für die musikalische Unterhaltung Münzen werfen konnte, führte jeder Drehorgelspieler mit. Hin und wieder saß ein dressiertes Äffchen oder ein Papagei auf dem Leierkasten und bedankte sich für die Gaben, wenn die Drehorgelspieler von Hinterhof zu Hinterhof zogen.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute drehen die Drehorgelspieler die Kurbeln aus reiner Freude. Und manche wie Rosi und Frithjof Grögler singen dazu. Schon als Kind, berichtet Frithjof Grögler, habe er gern Moritaten und Bänkelgesang gehört. Im Ruhestand hatte sich der Jurist und Behördenleiter in der Landesverwaltung dann an diese frühe Vorliebe erinnert − und sich erstmal eine Drehorgel gemietet. Bald teilte auch seine Frau, als Lehrerin ebenfalls im Ruhestand, diese Leidenschaft. Heute sind sie stolze Besitzer von drei Drehorgeln. Und natürlich, wenn sie mit diesen auftreten, wie die meisten Drehorgelspieler passend gekleidet.

Virus "Drehorgelspielen ist ein Virus. Wenn man den mal hat, gibt es keine Heilung", sagt Frithjof Grögler und erntet zustimmendes Nicken von Helmut Seitz. Der 66-Jährige aus Weißenhorn spielt seit 25 Jahren und hat acht Orgeln zuhause. Vier von ihnen hat der ausgewiesene Bastler ganz allein gebaut, vier mit Unterstützung vom professionellen Orgelbauer Raffin. Lebendige Äffchen sitzen längst nicht mehr auf den Drehorgeln. 1954 wurde dies aus Tierschutzgründen verboten. Aber so ganz verzichten wollen die Leierkastenspieler auf die Tiere nicht. So sitzen auch bei Linde und Harald Kink aus Bad Waldsee zwei plüschige Exemplare auf den Instrumenten und bedanken sich, wenn der Münzbeutel nach dem synchronen Spiel auf ihren selbst gebauten, mechanischen Orgeln klingelt.

Den Laga-Besuchern jedenfalls gefällt’s. Wie den Neu-Öhringern Waltraut und Meinolf Brauer. Beide schätzen Orgelkonzerte − und erfreuen sich an den Drehorgelklängen im Hofgarten. Und als die Gröglers, Kinks und Helmut Seitz bekannte Volkslieder spielen, singen sie wie einige andere fröhlich mit.

Auch in Japan kennt man Drehorgeln. Aus Tokio sind Shibaraku Asakusa (rechts) und Himeno Takashima zur Laga nach Öhringen gereist.Fotos: Bettina Hachenberg
Auch in Japan kennt man Drehorgeln. Aus Tokio sind Shibaraku Asakusa (rechts) und Himeno Takashima zur Laga nach Öhringen gereist.Fotos: Bettina Hachenberg
Auftakt der Drehorgeltage: Sieben Leierkastenfrauen und -männer spielen gemeinsam den Bolero. Danach verteilen sich 39 Spieler in Gruppen auf dem Laga-Gelände.
Auftakt der Drehorgeltage: Sieben Leierkastenfrauen und -männer spielen gemeinsam den Bolero. Danach verteilen sich 39 Spieler in Gruppen auf dem Laga-Gelände.
"Und die Moral von der Geschicht’": Die Drehorgelspieler und Bänkelsänger Frithjof und Rosi Grögler und Helmut Seitz (von links) haben die Moritat vom "Frauenzimmer Sabinchen" angestimmt. Ihre mechanischen Orgeln sind liebevoll verziert.
"Und die Moral von der Geschicht’": Die Drehorgelspieler und Bänkelsänger Frithjof und Rosi Grögler und Helmut Seitz (von links) haben die Moritat vom "Frauenzimmer Sabinchen" angestimmt. Ihre mechanischen Orgeln sind liebevoll verziert.
Manfred Ritter aus Mainhardt zeigt im Schlosshof das Lochband seiner Orgel.
Manfred Ritter aus Mainhardt zeigt im Schlosshof das Lochband seiner Orgel.
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