Rebell von Kupferzell prescht nach vorn
Im Kupferzeller Gemeinderat kommt Peter Lemke gleich nach den Philosophen - Junge Mütter entrüstet
Von Hagen Stegmüller
Früher war im großen Saal des Kupferzeller Rathauses noch ein Tisch mit Getränkeflaschen aufgebaut. Die 21 Gemeinderäte labten sich an kostenlosem Orangen- und Apfelsaft, Cola und Mineralwasser. Doch der Tisch ist verschwunden. Stattdessen steht im Foyer ein Wasserspender oft einsam in der Ecke. Wer einen seiner Knöpfe drückt, bekommt einen Becher Wasser, auf Wunsch sogar mit Kohlensäure. Spötter sagen, Kupferzell habe wegen der klammen Kassenlage rechtzeitig gegengesteuert. Gemeinderat in Kupferzell - dazu gehören vor jeder Sitzung neuerdings philosophische Sprüche. "Vielleicht müssen wir etwas verlieren, um am Ende zu gewinnen", zitiert Bürgermeister Joachim Schaaf den Gelehrten Immanuel Kant. Zumindest den Glauben an bessere Zeiten hat Schaaf nicht verloren. "Wir müssen die Krise als Chance begreifen", fordert er. Motto: weniger Schopenhauer, mehr Schaaf.Eigentlich sind nun die 30 Besucher an der Reihe, ihre Anfragen zu stellen. Gemeinderat Peter Lemke kann's aber nicht erwarten. Der "Rebell von Kupferzell" beugt sich ans Mikro vor und fängt an, seine Liste abzuarbeiten. Mit Schaafs Vorgänger, Joachim von Wangenheim, war Lemke regelmäßig aneinander gekracht. Mal ging's um mehr Aufträge für die heimische Wirtschaft, mal wehrte sich Lemke gegen Anschaffungen für den Bauhof. Freunde wurden von Wangenheim und Lemke nie.Ansonsten dominieren im Kupferzeller Rat die drei Fraktions-Chefs Karl Maurer (FWV), Rudolf Kammerer (UWG) und Fritz Rehm (SPD). Bei der Diskussion über die Badeordnung im neuen Hallenbad überrascht Schulleiter Kammerer mit einem ungewohnt deftigem Spruch: "Da schnallen die Mütter ihren Babys die Windeln ab und die pinkeln dann ins Becken", macht er sich für ein Badeverbot für Kleinkinder stark. Die Folge: Entrüstung bei den jungen Müttern im Publikum. "Also so was", zischeln sie und schütteln mit dem Kopf.Wie es der sozialen Grundhaltung seiner Partei entspricht, steuert Fritz Rehm sogleich dagegen: "Wir wollen doch familienfreundlich sein." Auch Karl Maurer von der zehn Sitze starken Bauern-Fraktion FWV braucht zum Baden keine Eselsmilch. "Wir sollten es zunächst einmal gestatten", sagt er, "und die weitere Entwicklung beobachten." Und so wird's bei einer Enthaltung (Kammerer) auch beschlossen.Als es wenig später um die Benutzungsordnung für das Gemeinschaftshaus in Westernach geht, kommt Willi Hörner noch einmal auf sein Aufreger-Thema Hundekot zu sprechen. "Alle Gehwege sind voll davon", sagt er, wird aber rasch vom Bürgermeister gebremst: "Wir sind jetzt bei der Benutzungsordnung, Herr Hörner." Und dann schlägt er vor, eine Person für die Überwachung abzustellen. "Das wäre doch etwas für ausscheidende Gemeinderäte", frotzelt Schaaf. Der 69-jährige Hörner, der das Gremium im Juni nach 33 Jahren verlässt, stimmt ins Lachen der anderen ein. Dann ist Pause. Der Wasserspender bekommt Gesellschaft.
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