Mit dem Mustang-Umzug verschwindet ein Stück Künzelsau
Die stadtnahe Fabrik des Jeans-Herstellers soll Platz machen für Micro-Appartements und einen Lebensmittelmarkt. Das Unternehmen prägte die Wirtschaft der Kreisstadt seit 1932, bis zu 16.000 Jeanshosen wurden einst in Künzelsau genäht - pro Tag.

Dass Mustang seine Sachen packt und nach Schwäbisch Hall zieht- diese Nachricht ist für Künzelsau nur schwer zu verdauen. Über Jahrzehnte war der Jeans-Hersteller für die Stadt nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber, sondern auch ein großer Imagebringer.
Zu Zeiten, als Würth überregional noch kaum bekannt war, beschäftigte das Modeunternehmen schon Hunderte Mitarbeiter in Künzelsau. Und spätestens als Mustang den Auftrag bekam, die deutsche Olympiamannschaft des Jahres 1972 modisch auszustatten, war die 1932 als Berufsbekleidungsschneiderei gestartete Marke in aller Munde.
Höhen und Tiefen gab es immer wieder

Die Legenden sind bekannt: Mit Schnaps kaufte der damalige Juniorchef Albert Sefranek amerikanischen Soldaten eine Hose ab, um die "Ami-Hose" alsbald zu kopieren und als Camping-Hose auf den Markt zu bringen. Später bekamen die Produkte den Markennamen Mustang, der aus der deutschen Modelandschaft nicht wegzudenken war. "Geschichten vom Pferd" erzählt die Firmenhistorie, die Heiner Sefranek 2003 drucken ließ.
Bis zu 16.000 Jeanshosen wurden einst in Künzelsau genäht - pro Tag. Höhen und Tiefen gab es immer wieder, auch die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland - aber die Jeans gehörte zu Künzelsau wie der Kocher. "Den Wegzug von Mustang bedauern wir sehr", sagt Bürgermeister Stefan Neumann. "Die Traditionsmarke wird immer mit Künzelsau verbunden bleiben."
Textilbranche hat sich dramatisch verändert
Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Textilbranche aber dramatisch verändert. Nicht mehr Levi's oder Wrangler waren plötzlich die Wettbewerber des Familienbetriebs aus Künzelsau, sondern kapitalstarke Ketten wie Zara, New Yorker oder H&M. Die kauften ihre Ware immer dort zu, wo es gerade günstig war.
Und mit zwei Kollektionen im Jahr, die über den Großhandel an Modehäuser ausgeliefert wurden, ließ sich kein Markt mehr machen.
Inhaber gibt Mehrheit an Investorengruppe ab

Zu Heiner Sefraneks 50. Geburtstag organisierten die Mitarbeiter - etwa 1000 dürften es gewesen sein - noch einen Umzug durch die Stadt. Im Zuge verschiedener Umstrukturierungen wurden es immer weniger Beschäftigte, die Verluste türmten sich dennoch.
Bis der Inhaber schließlich die Mehrheit an eine Investorengruppe um den heutigen Chef Dietmar Axt abgab. Er hält seit 2012 die Zügel in der Hand.
Verkauf von Immobilien als Ausweg
Der Umsatz bewegt sich seit Jahren knapp unter der 100-Millionen-Euro-Marke, Verluste und zusätzliche Kosten für die Sanierung der Firma sorgen für einen gewaltigen Druck. Ein Nebensatz in der letzten veröffentlichten Bilanz zeigt einen Ausweg: den Verkauf von Immobilien.
2,5 Millionen Euro hat das im vergangenen Sommer in die Kasse gebracht - damit wurden Kredite zurückbezahlt.

Pläne fürs Mustang-Areal
Zugleich war damit aber auch das Schicksal des Standorts besiegelt - für die verbliebenen 120 Mitarbeiter war das Gebäude ohnehin viel zu groß. Auf dem 7000 Quadratmeter großen Areal an der Lindenstraße, wo früher Hunderte Mitarbeiterinnen Tausende Hosen nähten, möchte der Aalener Projektentwickler Merz Objektbau zusammen mit i Live Appartments für Studenten und Mitarbeiter Hohenloher Unternehmen bauen sowie einen Lebensmittelmarkt errichten. Nicht verkauft sind nur die alten Verwaltungsgebäude, die im Besitz der Familie Sefranek geblieben waren.
Alle Bemühungen, einen Standort in Künzelsau zu finden, scheiterten, erzählt Sefranek. In Schwäbisch Hall fand sich eine passende Immobilie im Karl-Kurz-Areal. Die nächsten Geschichten vom Pferd werden also in Hessental geschrieben.
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