Milchsortiment bei Lidl wird gentechnikfrei

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Mehrwertkonzepte bedeuten, dass mehr Geld bei den Landwirten ankommt − Kooperation mit Bauern und Molkereien

Von unserem Redakteur Manfred Stockburger

Jeder sechste Liter Milch, der in Deutschland verkauft wird, geht bei Lidl über den Tresen − etwa eine Milliarde Kilogramm sind das. Nächstes Jahr soll das gesamte Sortiment des Lebensmittelhändlers in Deutschland aus zertifiziert gentechnikfreier Milch kommen.

Die Kühe dürfen dann nicht mehr mit gentechnisch verändertem Soja gefüttert werden, was nach europäischem Recht zulässig ist und anders als bei pflanzlichen Lebensmitteln keine Gentechnik-Kennzeichnung notwendig macht, wie Alexander Hissting vom Verband Lebensmittel ohne Gentechnik in Berlin (VLOG) erklärt. Seine Organisation ist für die Vergabe des öffentlich-rechtlichen Zertifikats mit der grünen Raute zuständig.

Durch die Umstellung hätten die Verbraucher die Möglichkeit, sich beim Einkauf gegen Gentechnik und den Einsatz von Glyphosat zu entscheiden, der mit dem Anbau genveränderten Sojas eng verknüpft sei, so Hissting. "Lidl ist der erste, der die Milch umstellt, wird aber nicht der letzte sein", ist er von der Vorreiterrolle überzeugt.

Schrittweise Den Anfang macht Lidl ab nächster Woche bundesweit mit der Frischmilch. Im September folgen Käsesorten der Eigenmarke Milbona, nächstes Jahr dann schrittweise auch Produkte wie Sahne, Quark und Mozzarella. Die Bauern erhalten für die zertifizierte Milch gut einen Cent pro Liter mehr − der zuständige Einkaufsgeschäftsführer Julian Beer geht davon aus, dass Lidl damit einen zweistelligen Millionenbetrag mehr an die Landwirte bezahlen muss.

Im Regal wird die Milch deswegen nicht teurer: 42 Cent kostet der Liter Halbfettmilch auch am Montag, die Vollmilch 46 Cent. "Unsere Konsumenten sind sehr preissensitiv", sagt Beer, für den das Projekt zugleich ein Bekenntnis zum heimischen Milchmarkt ist. Er sieht seine Zusatzkosten als Investition in die Zukunft, weil er möchte, dass sich gentechnikfreie Milch auf dem Markt insgesamt durchsetzt.

Die Vorarbeiten zur Umstellung hätten indes lange vor der aktuellen Milchkrise begonnen, sagt Julian Beer. Seide Logik: "Mit solchen Mehrwertkonzepten können wir Verbraucherwünsche mit neuen Erlösmöglichkeiten unter einen Hut bringen." In Bayern arbeitet Lidl seit 2009, als der Milchpreis auch im Keller war, mit einer Regionalmarke − hier bekommen die Landwirte fünf Cent zusätzlich pro Liter.

Nicht nur Landwirte wie Heiko Holthusen aus Brake ("Wir brauchen einen guten Preis, um die Betriebe zu halten") hat Lidl dabei an seiner Seite, sondern auch Molkereien wie Hohenloher in Schwäbisch Hall und die Privatmolkerei Bechtel im Oberpfälzer Schwarzenfeld. Deren Geschäftsführer René Guhl betont, dass die Umstellung "keine gmahde Wiesn" gewesen sei − er liefert an Lidl auch die gentechnikfreie Bayern-Milch.

Im eigenen Betrieb musste Guhl viel ändern, weil er die Milchströme getrennt sind. Für seine 1200 Landwirte hat er zudem eine Einkaufsorganisation für gentechnikfreies Kraftfutter eingerichtet − weil die sonst keine Möglichkeit gehabt hätten, es zu beziehen. Den Ansatz von Lidl, Mehrwertprodukte zu schaffen, lobt er trotz des Aufwands: "Die Landwirte wollen keinen Soli, sie sind keine Almosenempfänger."

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben