Mietnomaden: Zurück bleiben Chaos und Ekel

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Künzelsau - Eine Vermieterin musste sich jahrelang mit einem Mietnomaden herumschlagen. Jetzt, sechs Jahre später, gleicht die 25 Quadratmeter große Wohnung einem Dreckloch.

Von Henry Doll
Anita Gessinger überwindet ihre Abscheu und macht sich an die Sanierungsarbeiten. In nicht mal sechs Jahren hat der Mieter die 25 Quadratmeter kleine Wohnung fast schon systematisch zerstört. Fotos: Henry Doll

Künzelsau - Anita Gessinger (56) trägt Mundschutz und Latex-Handschuhe. Sie ekelt sich. Mit einer Spachtel schabt sie welke Tapete von den Wänden. Über ihrem Kopf hängen Spinnweben von der Decke. Seit Jahren wurden sie nicht mehr entfernt. Der Betrachter erblickt Zerstörung und Verwahrlosung pur.

Als Anita Gessinger im September 2004 einem jungen Mann eine Wohnungen in der Gaisbacher Straße in Künzelsau vermietete, hatte sie zunächst einen guten Eindruck. Der junge, etwas dickbauchige Herr habe sich gut ausdrücken können und saubere Briefe geschrieben. Man einigte sich auf 180 Euro Miete.

Jetzt, sechs Jahre später, gleicht die 25 Quadratmeter große Wohnung einem Dreckloch. Kaum vorstellbar, dass hier bis vor wenigen Tagen ein Mensch gehaust haben soll. Mit über 2000 Euro war der Hartz-IV-Empfänger zuletzt im Rückstand, was Anita Gessinger durch Schriftstücke beweist. Geld sah Anita Gessinger nur, wenn die Arbeitsgemeinschaft im Hohenlohekreis (Arge) die Miete des Arbeitslosen bezahlte.

Räumungsbeschluss

Am 22. Dezember 2009 erging der Räumungsbeschluss des Amtsgerichts Künzelsau. Doch der säumige Mieter bemühte erfolgreich die Berufungsinstanz und erwirkte vor der 2. Zivilkammer des Landgerichts Heilbronn eine Einstellung des Räumungsverfahrens. Begründung: Der Mieter könne glaubhaft machen, dass er ab Mitte Januar eine neue Bleibe habe. Bis zum 11. Januar dürfe er bleiben, da die Unterbringung in einem Obdachlosenheim unverhältnismäßig hart sei.

Anita Gessinger, gebürtige Künzelsauerin und ehemalige Beamtin, macht sich mit ihrem Mann an die Rundum-Erneuerung der zerstörten Wohnung. "Die Küche war nagelneu", sagt Anita Gessinger und blickt traurig auf die Herdplatten, in die sich Speisereste zentimeterdick eingebrannt haben. Im Kühlschrank blühen pelzige Schimmelwölkchen. Auch einen Schuppen, den er gar nicht hätte benutzen sollen, hat der Mietnomade bis unter die Decke zugemüllt. Zwei Nachbarinnen kommen zufällig vorbei. Der Mann sei unauffällig gewesen, berichten die jungen Frauen. "Nur manchmal kam er, wenn er Strom brauchte", sagt eine und lacht. Studenten einer nahen Wohngemeinschaft erbarmten sich und ließen ihn Strom abzapfen.



Gas gab es seit Jahren nicht mehr. Die hohen Stromkosten - bedingt durch einen Elektro-Heizstrahler - wollte er juristisch auf seine Vermieterin abwälzen, wobei er sich zu der Argumentation verstieg, sie entziehe ihm elektrische Energie. Anita Gessinger lässt die beiden Nachbarinnen in die Wohnung. Zwei kurze Blicke, dann ergreifen die Damen angewidert die Flucht. "Das ist ja schlimmer als im Fernsehen."

Gerichtsvollzieherin

Gelegentlich habe sie bei ihrem Mieter geklingelt, sagt Anita Gessinger. Einmal habe er fast nackt geöffnet, die Blöße nur von hängendem Bauchspeck und Stringtanga bedeckt. Ein Anblick, auf den sie nicht sonderlich erpicht war. Er werde die Wohnung putzen, habe er gesagt. Als die Gerichtsvollzieherin gegen 1500 Euro den Räumungsbeschluss jetzt durchsetzte, hatte er immerhin im Bad gekehrt. Doch den Müllhaufen ließ er zurück, ebenso zerstörte Möbel, Berge prallvoller Müllsäcke, eine eingeschlagene Haustüre, einen verschimmelten Kühlschrank, ein unbenutzbares Klo und Wände, die mit Bohrlöchern so überzogen sind, als seien sie dauerhaftem Maschinengewehrfeuer ausgesetzt gewesen. Der Mann, so weiß Anita Gessinger, hat inzwischen eine neue Wohnung in Künzelsau gefunden.

 
Bis unters Dach zugemüllt wurde ein benachbarter Schuppen hinterlassen.
Bis unters Dach zugemüllt wurde ein benachbarter Schuppen hinterlassen.


Zwangsversteigerung wegen Mietausfällen kann drohen

„Tendenz zunehmend“, berichtet Lars Bökert, Stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Haus & Grund Künzelsau und Umgebung“, über das Auftreten von Mietnomanden. Allerdings sei auch zu beobachten, dass hochwertige Wohnungen von dieser Zunahme weniger betroffen seien als günstige. Rainer Baumann, Erster Vorsitzender des Öhringer Vereins Haus & Grund, unterscheidet zwei Typen von Mietnomaden. Der „klassische“ Mietnomade sei der Mieter, der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eine Wohnung nimmt und zu keiner Zeit beabsichtigt, Miete zu bezahlen. Es gebe hier „wirkliche Profis“, doch sie seien die Ausnahme, sagt Baumann, der im Hauptberuf Rechtsanwalt ist.

Der zweite Typ seien Mieter, die eine Wohnung nehmen, die sie sich eigentlich nicht leisten können. Sie nehmen es mitunter bewusst in Kauf, dass sie nur selten in der Lage sein werden, ihre Miete zu bezahlen. Problematisch werde das für den Vermieter, wenn er die Miete fest in die Finanzierung einer Wohnung einkalkuliert hat. Dann könne die Zwangsversteigerung drohen.

Ein Räumungsurteil ist Voraussetzung, damit ein Vermieter einen säumigen Mieter vor die Türe setzen kann. Damit der Gerichtsvollzieher die Räumung in die Wege leitet, muss der Vermieter eine Art Vorschuss bezahlen. Im Schnitt kommen 4000 bis 6000 Euro zusammen. Gepfändete Gegenstände darf der Vermieter nicht verkaufen. Was übrig ist – zum Beispiel Möbel – muss einer Verwertung zugeführt werden. „Ein Möbelstück bringt aber in der Versteigerung nichts“, weiß Baumann.

Eher selten Meist bleibe sowieso nur Müll zurück. Bundesweit, so Rainer Baumann, gebe es jährlich 15.000 bis 17.000 Fälle von Mietnomadentum. Angesichts von Millionen Mietverhältnissen seien es also noch immer Einzelfälle. Pro einzelnem Fall werden 10.000 bis 25.000 Euro Verlust für den Vermieter geschätzt. Für Mitglieder bietet Haus & Grund einen „Solvenzcheck“ potenzieller Mieter an.  

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