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Hohenlohe

Künstlerleben, Lebenskunst und ein Hexenhaus

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Malerin Andrea Deininger und Fotograf Roland Bauer suchten nach Ursprünglichkeit - und fanden sie an einem fast unbekannten Fleck in Hohenlohe, zunächst noch mit Klohäuschen im Garten.

Von Matthias Slunitschek
"Louise Bourgeois" (2016) von Andrea Deininger: Im Porträt der 2010 verstorbenen Installationskünstlerin wird das Gesicht zur Landschaft.Fotos: Bauer/Deininger
"Louise Bourgeois" (2016) von Andrea Deininger: Im Porträt der 2010 verstorbenen Installationskünstlerin wird das Gesicht zur Landschaft.Fotos: Bauer/Deininger

Wegbeschreibung: "Braunsbach, Steinkirchen, und wenn dann nichts mehr kommt, einfach weiterfahren." Über den Weilersbach, der das Haller Land vom Hohenlohekreis trennt. Auf halbem Weg nach Tierberg hört der Asphalt auf.

Hier liegt Winterberg, eine Handvoll alter Bauernhäuser, kein Handyempfang. An der Türe der Familie Deininger-Bauer hängt eine Glocke aus Messing. Ihr Häuschen ist verwinkelt, die Decken sind niedrig. Mal ein Bauernschrank, dann wieder modernes Design. Es ist gemütlich und geheimnisvoll, heimelig eben.

Lebte früher eine Hexe in dem Haus?

"Erst vor wenigen Jahren haben uns die Nachbarn erzählt, dass hier eine Hexe gelebt haben soll." Andrea Deininger brüht gerade Tee auf. Neben dem Cerankochfeld steht der alte Holzofen. 1983, als ihre Tochter Lea zur Welt kam, verbrachte sie hier das Wochenbett. Den Kachelofen in der guten Stube bauten sie danach ein. Roland Bauer kommt gerade von einem Spaziergang nach Bächlingen zurück, wo seine Frau seit fünf Jahren ihr Atelier hat. Bis auf drei Jäger, die auf Füchse und Wildschweine warten, hat er niemanden getroffen. Er genießt das.

Ein Zeitungsartikel über das Sterben der Hohenloher Weiler führte das Paar nach Winterberg. Bauer erinnert sich noch genau an seinen ersten Ausflug: "Plötzlich standen da zwei alte Leute auf dem Acker vor ihrem Haus. In meinen Träumen hatte ich mir das nicht vorstellen können." Die Studenten suchten nach dem Archaischen, nach Mittelalter, Ursprünglichkeit, und wollten einfach dortbleiben: "Wir hatten den Wunsch, irgendwo eine tolle Wohnsituation, etwas Besonderes zu leben."

Los ging es mit einem Klohäuschen im Garten

Das einsame Haus. Foto: Roland Bauer
Das einsame Haus. Foto: Roland Bauer

An Weihnachten haben ihre Kinder wieder die alten Fotos von 1978 rausgesucht. Schwarz-Weiß-Fotografien im Bauer-Stil: Momente, an denen sich Lebensspuren abzeichnen. Anfangs wohnten sie in zwei Räumen, der Rest war Ruine. Miete: 100 Mark. Ein Klohäuschen im Garten, ein fensterloser Kuhstall. Nur eine verdreckte Glühbirne hing von der Decke. In einem Tierberger Wohnzimmer stand der öffentliche Fernsprecher.

"Für jüngere Leute waren wir Exoten, die Alten aber nahmen uns auf, schenkten uns Himbeeren und Eier," erzählt Bauer, "Frau Schmied brachte uns das Hefezopfbacken bei." Auch ihre Freunde zogen aufs Land: "Das war der Zeitgeist, als Selbstversorger leben zu wollen", sagt Deininger. Es gelang ihnen − mit Hackschnitzelheizung, Schafsherde und fünf Hektar Land.

"Mich interessierte Einzigartigkeit, Einfachheit, Bescheidenheit"

Roland Bauer
Roland Bauer

Die Ästhetik des Künstlerpaars stand aber gegen den Zeitgeist. Als das Vertrauen da war, fotografierte Bauer die Menschen von Winterberg. Eigentlich war in den Siebzigern Sozialkritik angesagt: "Mich interessierte Einzigartigkeit, Einfachheit, Bescheidenheit." Diese frühen Bilder, längst Klassiker, entwickelte er im verdunkelten Bad. Um sie zu wässern, ging er bei Kerzenlicht zur nahen Quelle. Am nächsten Tag sah er, dass sich gefrorene Pfützen auf den Fotos gebildet hatten.

Andrea Deininger
Andrea Deininger

Jahrzehntelang malte Deininger keine Porträts mehr. Vielleicht weil figürliches Malen an der Stuttgarter Akademie nicht gewünscht war. Diesen Frühling fing sie wieder an, mit Paula Modersohn-Beck und dem jungen Picasso. In London besuchte sie die Ausstellung von David Hockney, der alle seine Freunde gemalt hat: "Das wollte ich auch machen." Erstmals porträtierte sie ihren Mann, der sie schon so oft fotografiert hat. Drei Tage lang.

 

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