Klein, aufbrausend und pointiert
Mit "Gernot Hassknecht - Jetzt wird"s persönlich" brilliert Hans-Joachim Heist in der Öhringer Kultura.

Ein Einspieler auf der Bühnenleinwand zeigt, wie man sich den Alltag des beliebtesten Cholerikers der Republik vorzustellen hat: Zeitung lesen auf der Toilette, Frühsport mit Ping-Pong auf dem Sofa, Smoothie aus der Küchenmaschine. Der gemütliche Tagesablauf eines kleinen gesetzten Herrn, der mit Blick auf seine Armbanduhr zum nächsten Auftritt hetzen muss.
Und der findet an diesem Abend in Öhringen statt. "Hei, wir haben wieder eine Regierung", wirft Gernot Hassknecht alias Hans-Joachim Heist in die Runde. Und lässt sich vor den rund 300 Kultura-Gästen über die soeben entstandene GroKo aus. Was könne man wohl schon erwarten, wenn eine schwächelnde, ehemalige Volkspartei mit schlechten Ergebnissen sich mit der SPD zusammentut? Immerhin handele es sich dabei um ein Ergebnis der Demokratie, deren Entwicklung er kurz und humoristisch abhandelt.
Prägnant
Er habe ja Respekt vor Leuten, die sich in einer Demokratie engagieren. Diskutieren, Kompromisse eingehen, gemeinsam Lösungen finden, das könne er nicht. Schon nach fünf Minuten Diskussion in irgendeinem Ortsverband irgendeiner Partei wäre er "drogensüchtig und gewalttätig", brüllt er sichtlich erregt. Und denen von der AFD, die das Grundgesetz einfach abändern wollten, im Sinne von "Demokratie wie wir sie verstehen" entgegnet er prägnant und richtig persönlich: "Arschlecken."
Verblüfft
Was diese Partei nach drei Jahren AFD-Aufstieg alles salonfähig gemacht habe. Das führt der Profi-Choleriker in einem Quiz vor, bei dem die Zuschauer raten sollen, ob es sich bei den am Monitor erscheinenden Zitaten um Äußerungen von AFD-Politiker "Bernd" Höcke oder um Hitler-Zitate handele. Wobei Heist mit einem finalen Luther-Zitat das verblüffte Publikum in die Irre führt. Aber für solche wie Höcke hat der Heute-Show-Kommentator noch ein Rezept parat. "Fühlen Sie immer mehr undemokratisch?" so beginnt der Einspieler der satirischen Adaptation einer gängigen Apotheken-Werbung für rezeptfreie Arzneien, die den ewig Gestrigen medikamentöse Abhilfe verspricht. "Leiden Sie unter Wahnvorstellungen und meinen Sie das Volk zu sein", fragt die Stimme aus dem Off. Gegen diese Symptome empfiehlt der Trailer das Grundgesetz. Mit dem Spruch "Kurze Sätze, extra simpel formuliert - kapiert jeder". In der rechten Tradition würden die "Flachpfeifen" jetzt auf den Marktplätzen der Republik stehen und über das Wort "Volk" schwadronieren, warnt Heist lautstark. Deutsch zu sein, definiere sich immer noch über das Blut: Es sei scheißegal wie viel Steuern man in Deutschland bezahle. Ausschlaggebend sei, dass, "Ihr Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater irgendwann vor tausend Jahren, irgendwo in der Eifel die eigene Schwester genagelt hat", bringt Choleriker Hassknecht brüllend rechtsnationales Gedankengut auf den Punkt.
Und bekommt danach selber einen autoritären Ton. "Merke: Alles, worin das Wort Volk vorkommt, ist scheiße", stellt Hassknecht für alle Male klar. Ob generelles Kopftuchverbot, Partnervermittlung im Internet, gesetzliche Krankenkassen, Jugendwahn im Alter oder unleserlich gewordene Tattoos: Zu allem hat Hassknecht eine Meinung, die er in seiner unverblümten wie aufbrausenden Art auf den Punkt zu bringt.
Botschaft
Und damit das beim Publikum auch richtig ankommt, gibt es zum besseren Verständnis "Hassknechtpedia" - Einspielungen, die Enzyklopädie des Komikers in bewegten Bildern. Am Ende ist die Botschaft beim Publikum angekommen, das sich bei Hassknecht/Heist mit frenetischem Applaus bedankt.
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