In der Metzgerei Karle geht es seit 100 Jahren um die Wurst
Die Forchtenberger Traditionsmetzgerei feiert ein seltenes Jubiläum. Heute ist die vierte Generation am Ruder. Sie setzt auf Handwerk und Regionalität.

Die nächste Generation steht in den Startlöchern", sagt Florian Karle mit einem Schmunzeln, während seine Söhne Max (7) und Jakob (5) durch die gute Stube wuseln. Wenn die Forchtenberger Traditionsmetzgerei Karle in diesen Tagen ihr 100-jähriges Bestehen feiern darf, stehen die Chancen also gut, dass noch viele weitere Jubiläen dazukommen.
Und das, obwohl die Geschichte des Familienbetriebs ungewöhnlich begonnen hat. Karle und seine Frau Jennifer sowie seine Eltern Brigitte und Ulrich, von denen sie den Betrieb 2014 übernommen haben, können Spannendes über die lange Zeit berichten und freuen sich auf die gerade gestartete Jubiläumswoche.
Auswanderer nach England
Der gelernte Metzger und spätere Betriebsgründer Karl Karle war im Jahr 1900 im Alter von erst 16 Jahren aus seinem Heimatort Ohrenbach nach England ausgewandert. In der Zeit der fortschreitenden Industrialisierung wurde die Arbeit deutscher Metzger dort hochgeschätzt, zumal viele Arbeiterwohnungen über keine Küche verfügten. Karle lernte in der Nähe von Manchester seine aus Braunsbach-Steinkirchen stammende spätere Frau Rosina, genannt Rösle, kennen. 1911 wurde geheiratet, 1912 ein eigener Laden eröffnet. Dann kam der Erste Weltkrieg. Für Deutsche, die nicht die englische Staatsbürgerschaft angenommen hatten, hatte das Folgen.
Rückkehr ins Kochertal

Rosina Karle musste 1915 mit ihrem erst ein Jahr alten Sohn Karl jr. oder Charles nach Deutschland zurückkehren, wo sie bei Verwandten in Belsenberg unterkam. Karl Karle wurde in Schottland und später auf der Isle of Man interniert, bis der Krieg beendet war. Wieder in der Heimat, arbeitete er am Bahnbau im Kochertal mit. Am 28. Oktober 1921 kaufte das Paar die Metzgerei in Forchtenberg samt dem dazugehörigen Gasthaus Krone. Sie hatten fünf Kinder. Charles, der älteste Sohn, wanderte 1930 ebenfalls als 16-jähriger aus. Ihn führte sein Weg nach Harlem/New York, wo auch er eine Metzgerei gründete. "Das Haus gibt es noch", weiß Ulrich Karle von einem USA-Besuch. Der Betrieb existiert aber nicht mehr.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Ganz im Gegensatz zur Forchtenberger Metzgerei, die auch die Zerstörung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs überstanden hat. Brandgranaten, die 1945 vom Muthof her auf den alten Stadtkern abgefeuert wurden, hatten das Haus bis auf die Grundmauern und den Kellerbogen niederbrennen lassen. Florian Karles Großvater Heinrich baute es ab 1949 wieder auf. Damals spielte das Gasthaus die größere Rolle, gab es im Ort doch noch zwei Metzgereien. 1960 entstanden im neuen Anbau Schlachthaus und Wurstküche.
Die Gaststätte wird geschlossen

Als Brigitte und Ulrich Karle 1986 den Betrieb übernahmen, eröffnete ihnen das Gewerbeaufsichtsamt, was sie in der Gaststätte nach dem Besitzerwechsel alles ändern müssten, um sie weiterführen zu können. "Dann haben wir gesagt, dass wir aufhören", galt fortan die ganze Konzentration der Metzgerei. 1987 wurde renoviert, 1998 die Produktion kernsaniert. Während Heinrich Karle einmal gesagt haben soll, dass er eigentlich lieber Turnlehrer geworden wäre, und Ulrich Karle sich daran erinnert, wie seine Lehrer die Eltern bekniet hätten, ihn doch aufs Gymnasium zu schicken, hat die jüngere Generation diese Probleme nicht. "Ich durfte werden, was ich wollte", hat sich Metzgermeister Florian Karle aus freien Stücken für den Beruf entschieden. Und auch sein Bruder hat das Metzgerhandwerk erlernt.
Rezepte vom Urgroßvater
Heute schlachtet man noch selbst und achtet auf regionale Produkte - so kommen die Schweine beispielsweise aus Wohlmuthausen. Viele Rezepte stammen noch vom Urgroßvater, so das der beliebten Schinkenwurst, für das auch Kunden aus Esslingen anreisen. Sie wurden über die Jahre nur behutsam dem Zeitgeist angepasst. Mit zehn Mitarbeitern habe man "ein sehr gutes Team", so Jennifer Karle, auf das man sich jederzeit verlassen könne. Zum Angebot gehören heute unter anderem Käse- und Fischtheke, ein Partyservice sowie das Tagesessen, das auch an den Kindergarten und an ältere Menschen in Forchtenberg und Weißbach geliefert wird. "Wir wollen es auf jeden Fall gut weiterführen", sagt Jennifer Karle. "Handwerklich und regional", unterstreicht ihr Mann Florian.

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