In der Laubhütte sah man die Sterne
Erinnerung an jüdisches Fest − Sukka-Vertäfelung im Hällisch-Fränkischen Museum − Weitere Laubhütte in Karlsvorstadt?

Die Erinnerung ist so schön. Ich lache schon, wenn ich an die Laubhütte nur denke. Sie ist so hübsch gewesen." Bis heute im hohen Alter von 93 Jahren zaubert der Gedanke an die Laubhütte von Jakob Einstein in der Haller Straße in Öhringen Anita Scheuer in Giwataim in Israel ein Lächeln ins Gesicht. 1923 als Tochter des jüdischen Weinhändlers Julius Israel im "Gelben Schlössle" in Öhringen geboren, emigrierte Anita 1937 mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Palästina, um den Nationalsozialisten zu entkommen.
Geguckt An ihre Kindheit in Öhringen kann sie sich bis heute gut erinnern. Und an die Laubhütte des frommen Juden Einstein in der Haller Straße, zu der sie als Kind öfters "zum Gucken" ging und die ihres Wissens die einzige in der jüdischen Gemeinde der Stadt war. "Sie stand neben dem Eingang des Hauses und war so groß, dass man drin stehen konnte. Oben war sie zum Aufklappen, denn man musste die Sterne am Himmel sehen. Bei Regen wurde sie zugeklappt", erzählt Anita Scheuer. Besonders beeindruckte die kleine Anita, wie schön Jakob Einstein die aus Holzbrettern gefertigte Laubhütte schmückte. "Dort hingen Maiskolben, Kürbisse und Früchte." Anita Scheuer weiß: "Herr Einstein war sehr stolz auf seine Laubhütte." Ob er darin nicht nur gebetet, sondern auch geschlafen und gegessen hat, wie es fromme Juden während des Laubhüttenfestes (Sukkot) machen, weiß sie allerdings nicht zu sagen. Ebenso wenig, was aus der Laubhütte geworden ist. "Ich selbst war wohl zwölf, als ich das letzte Mal hingegangen bin."
Ein Nachbar soll die Laubhütte von Einstein zerstört haben, heißt es in der Dokumentation "Jüdische Bürger in Öhringen". Jakob Einstein, für den im April diesen Jahres ein Stolperstein verlegt wurde, starb mit 79 Jahren im französischen Lager Gurs, wohin er von den Nazis deportiert worden war. Anita Scheuers Erinnerung, dass Einsteins Laubhütte die einzige ihrer Art in Öhringen war, wird durch einen Beitrag in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juli 1931 untermauert. Dort steht anlässlich einer Würdigung von Einstein zu seinem 70. Geburtstag, dass er "alljährlich seine Sukkoh – die einzige im Städtchen" schmückt.
Entdeckt Was hat es da mit der Vertäfelung einer Laubhütte auf sich, die Mitte der 1980er Jahre durch glückliche Umstände zum Historischen Verein und in das Hällisch-Fränkische Museum in Schwäbisch Hall gelangte und deren Spuren nach Öhringen führen? Die mit Frucht- und Pflanzenornamenten bemalten Holzpaneelen fanden sich als Baubretter für einen Verschlag auf dem Speicher eines Hauses in der Hunnenstraße, ohne dass der Eigentümer um ihre Bedeutung wusste. Später entdeckte ein Restaurator auf ihnen hebräische Schriftzeichen für ein Gebet und die Jahreszahl 1882. Historiker nehmen an, dass die Vertäfelung ursprünglich in einem Haus unter dem Dach installiert war, das man anlässlich des Sukkotfestes über der eingebauten Laubhütte öffnen konnte.
Noch offen ist, ob es sich bei dem Holzhäuschen, das im Garten der Familie Böhringer an der einstigen Friedrichsruher Straße, heute Karlsvorstadt 27, steht, um ein früher prächtiges Gartenhäuschen oder eine jüdische Laubhütte handelt. Wie alte Bilder aus der Zeit der Jahrhundertwende zeigen, stand es vor über 100 Jahren schon neben dem einstigen Bauernhaus der Familie, das Bauer Michael Böhringer 1901 von einem jüdischen Kaufmann namens Benedikt erwarb. Sein Sohn Ernst und Ehefrau Luise übernahmen 1931 den Hof, in den 1960er Jahren sein Enkel Helmut und Ehefrau Sieglinde. Diese ließen das alte Bauernhaus abreißen, um dort zunächst ihre Metzgerei Böhringer, danach 1971 ein neues Wohnhaus zu errichten. Das Holzhäusle, so erinnert sich Sieglinde Böhringer (78), wurde in dieser Zeit innerhalb des Gartens auch versetzt. Dort ist es dann in eine Art Dornröschenschlaf verfallen. Zuvor hatte Oma Luise Böhringer darin noch ihre Wäsche aufgehängt. Die alten Leinen sind noch vorhanden.
Geplant Immer wieder mal kam der Gedanke auf, dass es sich bei dem Häusle, das als Kulturdenkmal eingestuft ist, um eine Laubhütte handeln könnte. Nachforschungen verliefen bislang im Sande. Dagegen spricht, dass es ein Dach hat. Ob dieses einst aufgeklappt werden konnte oder erst später eingebaut wurde, werden bald Experten klären. Denn das Hohenloher Freilandmuseum hat laut Museumsleiter Michael Happe großes Interesse daran, das Häuschen – egal was sein ursprünglicher Zweck war – nach Wackershofen zu translozieren und zu restaurieren. Vorausgesetzt, es wird genehmigt. Das Landesdenkmalamt hat bereits zugestimmt, die Stadt Öhringen wird noch entscheiden. Sieglinde Böhringer jedenfalls ist froh, dass das "uralte Gartenhäusle" wohl eine gute Zukunft haben wird.
Jüdisches Fest




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