Die spannende Geschichte vom Gipsstollen
Um einen 100 Meter langen Tunnel wurde das Gipsbergwerk in Forchtenberg im Jahr 1944 erweitert. Aber nicht, um unter Tage Gips abzubauen. Den längsten Stollen in der Region brauchte man für Teile der NSU-Produktion. Wir begeben uns auf Spurensuche.

Den Gipsabbau in Hohenlohe prägt eine lange Historie, die mehrere Jahrhunderte zurückreicht.
Mit dem historischen Abbau von Gips im Kocher- und Kupfertal hat sich auch Wilhelm Müller beschäftigt. Seine Enkelin Irmgard Schelling hat die Notizen und Erinnerungen ihres bereits verstorbenen Großvaters gut aufgehoben. Seine Recherche-Ergebnisse zum Gipsabbau hat Wilhelm Müller in den 1950er Jahren auch in der Hohenloher Chronik veröffentlicht.
Bekannte Bildhauerfamilie
Der Heimatforscher fand heraus, dass Gips aus Hohenlohe, insbesondere aus Forchtenberg, schon zur Zeit der bekannten Bildhauerfamilie Kern von großer Qualität war. Die Bildhauerfamilie aus Forchtenberg baute in ihrer Heimatstadt unter der Ruine mit dem Alabaster eine besondere Gipsvariante ab, die eine Revolution in der Bildhauerei auslöste: "Nach 1600 verdrängt Alabaster oder Weißstein das Holz und den Sandstein", merkte Wilhelm Müller in seinen Aufzeichnungen an.
Die Alabaster-Bildhauerei von Michael Kern II. (1554-1634) und Michael Kern III. (1580-1649) war nicht nur im heimischen Kocher- und Kupfertal gefragt, sondern ebenso in Würzburg. Gips war in Hohenlohe aber auch als Baustein und als Düngemittel gefragt. Aber der Abbau von Gips unter Tage war eine Herausforderung. So wies Wilhelm Müller in seinen Aufzeichnungen auf die körperlich schwere Arbeit in dem Gipsbergwerk in Forchtenberg hin.
Gips als Dünger
Der "Gipsapostel" Pfarrer Johann Friedrich Mayer (1719-1798) verschaffte dem Gips dann zusätzlich ein positives Image in der Landwirtschaft. Der Agrarwissenschaftler empfahl den Landwirten in Hohenlohe den Einsatz von Gips zur Düngung der Felder. Die spätere Nutzung von Gips als Baustoff im 20. Jahrhundert wiederum ist in Hohenlohe eng mit dem Namen der Familie Bühler verbunden. "Mein Vater kam 1924 in den Besitz des Forchtenberger Gipsbergwerks", erklärt Otto Bühler.
Sein Vater Christian erweiterte das Gipsbergwerk und sprengte dafür große Gänge in nördlicher Richtung. "Das gewohnte Tagesgeschäft mit dem Gipsabbau wurde jedoch durch den Zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen", betont Otto Bühler. Ein Teil der NSU-Werke wurde in den Kriegswirren aus Sicherheitsgründen unter Tage in das Gipsbergwerk von Christian Bühler verlagert. "Es wurden Maschinen zur Produktion herbeigeschafft, um Teile für Kriegsmaterial herzustellen", so Otto Bühler.
100 Meter

Um die unterirdischen "Produktionshallen" überhaupt einrichten zu können, musste 1944 ein zirka 100 Meter langer Stollen gebaut werden, weil der bisherige Schacht zu klein für den Transport von Maschinen und Material war. "Mithilfe von italienischen Kriegsgefangenen wurde dann der 100 Meter lange Tunnel errichtet. Die Anlage wurde taghell beleuchtet und auch mit Entwässerung, Wasserleitung und Toiletten ausgestattet", bestätigt Otto Bühler.
Nach Kriegsende konnte der Vater von Otto Bühler die Gipsproduktion wieder aufnehmen. "Es wurde hauptsächlich Baugips für das Gipser-Handwerk hergestellt. Unser Forchtenberger Doppelbrand war in der Gipser-Branche beliebt". Beim Wiederaufbau nach Kriegsende habe es eine hohe Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Baugips gegeben.
Ende kommt
Otto Bühler und sein Bruder Walter sind in den elterlichen Betrieb eingestiegen. Ende der Sechziger Jahre war es aber mit der Gipsherstellung auf dem Bergsporn vorbei. "Wir mussten 1969 wegen Rohmaterialmangel die Gipsgewinnung einstellen", so Otto Bühler.
Bis heute sieht der 87-jährige Rentner im Gipsbergwerk immer mal wieder nach dem Rechten. "Das werde ich so lange machen, wie es körperlich noch geht. Das Gipsbergwerk ist auch ein wichtiges Stück Stadtgeschichte." Die noch vorhandenen Maschinen aus den Jahren 1920 bis 1930 versucht Otto Bühler wieder in das alte Produktionsgebäude einzubauen - als Zeitgeschichte gegen das Vergessen.
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